Wirtschaft
Hier muss alles durch: Die Suezkanalbrücke verbindet die Halbinsel Sinai mit Ägypten. Die maximale Durchfahrtshöhe beträgt 70 Meter.
Hier muss alles durch: Die Suezkanalbrücke verbindet die Halbinsel Sinai mit Ägypten. Die maximale Durchfahrtshöhe beträgt 70 Meter.(Foto: REUTERS)

Wirtschaftspolitik auf Ägyptisch: Al-Sisi lässt den Suezkanal ausbauen

Von Martin Morcinek

Neue Pläne in Ägypten zeugen vom anschwellenden Güterverkehr auf den Weltmeeren: Kairo kündigt ein milliardenschweres Infrastrukturprojekt an. Zwischen Mittelmeer und Rotem Meer soll ein "neuer Suezkanal" entstehen.

Containerriesen im Wüstensand: Frachtschiffe bei der Kanalpassage nahe Ismailia.
Containerriesen im Wüstensand: Frachtschiffe bei der Kanalpassage nahe Ismailia.(Foto: REUTERS)

Jetzt ist es offiziell: Ägypten will den Suezkanal ausbauen. Auf einer Länge von 72 Kilometer werde parallel zur bestehenden Wasserstraße ein "neuer Suezkanal" errichtet, sagte der Vorsitzende der Kanalbehörde, Mohab Mamish, auf einer Konferenz in der Hafenstadt Ismailia.

Für Ägypten hat der Suezkanal enorme wirtschaftliche Bedeutung: Mit Einnahmen von rund fünf Milliarden Dollar pro Jahr ist die Wasserstraße eine der wichtigsten Devisen-Einnahmequellen des Landes. Beobachter halten die angekündigten Investitionen für besonders bemerkenswert: Gut drei Jahre nach dem Sturz des langjährigen Staatspräsidenten Hosni Mubarak und einer Phase erheblicher innenpolitischer Spannungen scheint sich Kairo damit wieder stärker der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zuzuwenden.

Die Ankündigung zum Kanalausbau wurde live im Staatsfernsehen übertragen. Ägyptens Staatspräsident Abdel Fattah Al-Sisi war extra aus der Hauptstadt Kairo angereist, um an der Vorstellung des ehrgeizigen Infrastrukturprojektes in der Kanalstadt Ismailia teilzunehmen. Das Projekt gilt als Prestigevorhaben von großer innenpolitischer Strahlkraft - und soll der einseitig ausgerichteten Wirtschaft des Landes nebenbei zu neuer Stärke verhelfen.

"Ägypter sind sehr sensibel"

Die Reise des Staatsoberhauptes in die am Kanal gelegene Provinzstadt Ismailia hatten ägyptische Medien am Morgen angekündigt. Der hohe Besuch aus Kairo habe eine "Überraschung" in Aussicht gestellt, hieß es. Bereits dieser Hinweis hatte den Gerüchten um ein mögliches Bauprojekt neue Nahrung geliefert. Erst im vergangenen Jahr hatte der mittlerweile gestürzte Präsident Mohammed Mursi einen Ausbau des Suez-Kanals vorgestellt. Das Vorhaben geriet jedoch in die Kritik, als Pläne öffentlich wurden, nach denen das kapitalstarke Emirat Katar die Finanzierung federführend übernehmen solle. Al-Sisi betonte nun bei der Vorstellung des neuen Bauvorhabens, die Finanzierung solle allein aus ägyptischen Mitteln erfolgen.

Gut 160 Kilometer von Suez nach Port Said: Der Kanal erspart der Schifffahrt einen rund 4000 Kilometer langen Umweg rund um das Kap der Guten Hoffnung.
Gut 160 Kilometer von Suez nach Port Said: Der Kanal erspart der Schifffahrt einen rund 4000 Kilometer langen Umweg rund um das Kap der Guten Hoffnung.

"Die Ägypter sind sehr sensibel, was ausländische Beteiligungen angeht", zitierte die Nachrichtenseite "Al-Masry al-Youm" den ägyptischen Staatschef. Am Projekt seien 17 Firmen beteiligt, die unter die Aufsicht des ägyptischen Militärs arbeiten sollen. Der Bau solle innerhalb von drei Jahren realisiert werden. Der Staatspräsident wünsche nach Angaben von "Al-Masry al-Youm" jedoch eine Fertigstellung binnen eines Jahres.

Die Kosten des Projekts bezifferte Kanal-Chef Mamish auf 4 Milliarden Dollar (rund 2,99 Milliarden Euro). Die neuen Ausbaupläne betreffen nur einen Teil der knapp 145 Jahre alten Wasserstraße. Insgesamt ist der im Jahr 1869 eingeweihte Suezkanal in seiner heutigen Ausbaustufe 163 Kilometer lang. Er zählt neben dem Panamakanal und dem Nord-Ostsee-Kanal zu den wichtigsten und meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt.

Ein Nadelöhr der Weltwirtschaft

Der Durchstich durch die Landenge zwischen Afrika und dem Nahen Osten ermöglicht im weltweiten Warenverkehr erhebliche Vorteile in der Zeitplanung und bei den Treibstoffkosten: Durch die Abkürzung vom Roten Meer ins Mittelmeer können sich Frachtschiff-Kapitäne auf der Route zwischen Asien und dem Nordatlantik die mehrere tausend Kilometer längere Umfahrung rund um Afrika ersparen.

Entsprechend groß ist der Andrang an Containerschiffen, Schüttgutfrachtern und Rohöltankern. Ein guter Teil der für Europa und die USA bestimmten Mineralöltransporte aus der Golfregion muss diese Engstelle des weltweiten Seegüterverkehrs passieren. Regelmäßig melden sich auch US-Kriegsschiffe auf dem Weg in ihre Einsatzgebiete für eine Kanalpassage an.

Wassergefüllte Einbahnstraße

Die Durchfahrt und die dafür anfallenden Kosten sind in internationalen Verträgen bis ins Detail geregelt - zum Beispiel in der Konvention von Konstantinopel aus dem Jahr 1888. Derzeit ist der etwa 300 Meter breite und etwa 24 Meter tiefe Kanal aus Sicherheitsgründen nur einspurig befahrbar. An drei verschiedenen Abschnitten sind sogenannte Begegnungsstellen vorgesehen, an denen Schiffe den durchfahrenden Verkehr in Gegenrichtung abwarten können. Diese Ausweichstrecken sind bislang insgesamt knapp 80 Kilometer lang. Nach Angaben Mamishs sollen nun 35 Kilometer komplett neu ausgehoben werden. Auf einer Strecke von 35 Kilometern solle der Kanal zudem erweitert und vertieft werden, hieß es.

Im Gegensatz zu anderen Kanalbauprojekten dürfte der Ausbau des Suezkanals Ingenieure vor keine größeren Herausforderungen stellen: Da der Kanal durch eine Senke verläuft und Schiffe auf seinem Weg vom Roten Meer zum Mittelmeer keine Höhenunterschiede überwinden müssen, kommt der Kanal komplett ohne Schleusen aus. Frischwasser strömt vom Nil und von den beiden Einfahrten im Norden bei Port Said und im Süden bei Suez zu. Natürliche Ausweichgelegenheiten ergeben sich im Großen Bittersee und am Timsahsee bei Ismailia.

Abgesehen von allen wirtschaftspolitischen Erwägungen messen Militärs dem Kanal auch einen erheblichen strategischen Stellenwert bei. Über Jahrzehnte hinweg blieb das "Nadelöhr der Weltwirtschaft" daher unter dem Einfluss Großbritanniens, das als Handelsnation in Insellage seit jeher an freien Schifffahrtswegen interessiert ist. Erst im Jahr 1956 übernahm Ägypten durch die Verstaatlichung der Kanalgesellschaft - der Suez Canal Authority (SCA) - die Kontrolle.

Wirtschaftsboom in Ägypten?

Das neue Kanalbauprojekt wird durch zusätzliche Entwicklungsprogramme wie dem Bau von Tunneln, Infrastruktur und Tourismuszonen begleitet. Diese Vorhaben stünden auch ausländischen Investoren offen, teilte die SCA mit. Insgesamt erwartet die Suez-Kanal-Behörde eine Millionen neue Arbeitsplätze durch die Bauvorhaben am Kanal.

Bereits zu Wochenbeginn hatte der Aktienmarkt in Kairo auf Basis erster Gerüchte auf das Megaprojekt spekuliert: Der ägyptische Aktienindex EGX schloss am Montag bei 8918 Punkten - dem höchsten Wert seit sechs Jahren. "Wenn das Projekt Realität wird, wird das viele Wirtschaftssektoren wachsen lassen", sagte Handelskammermitglied Issa Fathy der Staatszeitung "Al-Ahram".

Die Prognosen zu den positiven Effekten des Kanalbaus auf die ägyptische Wirtschaft klingen beeindruckend: Fathy geht zukünftig von Einnahmen in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar durch den Kanal aus. Damit würde sich der Ertrag für die Staatskasse durch den Ausbau mehr als verdoppeln. Derzeit liefert der Suez-Kanal Einnahmen von rund fünf Milliarden Dollar pro Jahr.

Bilderserie
Der SuezkanalStepMap

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen