Wirtschaft
(Foto: imago/Ralph Peters)

Merkwürdige Empfehlung: Alles verkaufen? Wieso das denn?

Von Daniel Saurenz

Andrew Roberts, Chefanalyst Europa bei der Royal Bank of Scotland, macht derzeit die Anleger verrückt. Er hat die These rausgehauen, man solle alles verkaufen. Doch ist dies wirklich der richtige Ratschlag zur richtigen Zeit?

Andrew Roberts, seines Zeichens Chefanalyst Europa bei der Royal Bank of Scotland, rät zum völligen Ausverkauf im Depot - räumt den US-Börsen aber ein Korrekturpotenzial von "nur" 10 bis 20 Prozent ein. Allein dies ist schon merkwürdig, denn was sind 10 bis 20 Prozent Korrektur nach Jahren der Hausse? Nichts!

Außerdem hilft er privaten Investoren damit nicht, er macht nur alle verrückt. Langfristige Investoren, die Aktien als Anlage betrachten, Aktienprodukte als Investition sehen und nicht unbedingt nur mit dem Horizont von wenigen Tagen traden, haben von solchen Parolen gar nichts. 2008 im Spätherbst las man das gleiche beim Dax von 4800 Punkten. Gut, man hätte sich in der Folge noch rund 1000 Punkte nach unten erspart - um danach den Verdoppler nach oben in fünf Jahren zu verpassen.

Ordnen wir also ein:

Die Prognose, dass die Börsen in den USA und Europa Korrekturbedarf von 10 bis 20 Prozent haben, ist alles andere als gewagt. In Kombination mit der Aussage "Verkaufen Sie alles" ist sie sogar albern. Denn nach einer jahrelangen Aktienhausse hohen Korrekturbedarf zu prognostizieren, ist nicht mutig, sondern Mainstream.

Sein Analystenkollege Albert Edwards, zugegeben ein notorischer Mahner und Warner, von der Societe Generale prognostiziert einen Einbruch um 75 Prozent an den US-Märkten. Mahnen ist absolut ok, aber bitte dann, wenn es gegen den Trend ist und nicht schöne Schlagzeilen bringt. Edwards packte interessante Charts und mahnende Bewertungsgrafiken schon im Frühjahr 2015 aus – damals war der Dax bei fast 12.400 Punkten.

Edwards Statement mag unrealistisch sein, immerhin ist es ein deutliches Statement. Doch von diesen schlagzeilenträchtigen Aussagen einmal abgesehen haben bereits mehr als 50 Prozent der US-Aktien eine Korrektur von 20 oder mitunter deutlich mehr Prozent hinter sich, wurde der Markt im letzten Jahr wesentlich von hoch gewichteten Titeln wie Amazon oder Alphabet und Facebook oben gehalten. Der Großteil der US-Aktien ist längst im Bärenmarkt. Die anderen Titel haben in der Tat Korrekturbedarf, ebenso wie manches Unternehmen außerhalb der Börsenlandschaft - Stichwort: Einhörner.

Natürlich gibt es Risiken. China hat seinen Finanzmarkt nicht im Griff, die USA steuern geradewegs auf eine Rezession zu, Fed-Chefin Janet Yellen hat womöglich die Zinsen zur falschen Zeit erhöht, schaut man sich Industrie- und Dienstleistungssektor an, betrachtet man die Jobverluste im Energiebereich, die noch weitergehen werden. Die Märkte preisen genau dies jetzt ein, und die Nachrichten sind bekannt, ebenso wie die Verwerfungen in den Haushalten vieler arabischer Staaten. Doch im Moment wird eben alles Negative herausgekramt. Vom 2015 so beliebten Argument der Alternativlosigkeit im Vergleich zu Anleihen, dem Nullzinsmarkt, ist nichts mehr zu lesen.

Dax hat schon mächtig korrigiert

Dazu sind deutsche Aktien im Kurs-Gewinnverhältnis schon massiv gestutzt worden, werden die Bedenken im Kurs berücksichtigt. Dazu genügt ein Blick auf die Charts bei Daimler, Linde, Infineon oder BASF. Wie sollten Anleger also agieren? Für deutsche Privatinvestoren ist die Aussage Roberts geradezu nutzlos. Denn auch Ende 2008 als die Finanzkrise ins Laufen kam las man solche Überschriften. Damals notierte der Dax bei knapp 5000 Zählern, fiel in den Folgemonaten noch unter 4000. Schon vier Jahre später kratzte er jedoch wieder die 8000er-Marke. Natürlich, für Kurserholungen gibt es keine Garantie, fragen Sie in Japan nach. Doch ob ein "Verkaufen Sie alles" in solchen Phasen langfristigen Anlegern hilft, muss jeder selbst einschätzen. Schön wäre es gewesen, hätte Roberts im Frühjahr 2015, bei bester Stimmung unter den Anlegern, vor in der Tat überzogenen Bewertungen gewarnt und den Anlegern Hinweise gegeben.

Denn der Dax notiert mittlerweile 2700 Punkte tiefer, hat bereits vom Top mehr als 20 Prozent korrigiert. Wer langfristig vorsorgt, breit investiert und anlegt nutzt solche Überschriften eher als Kontraindikator. Aktien zu kaufen wenn die Stimmung am Boden ist und sie zu verkaufen, wenn alle Risiken ausgeblendet werden war in den letzten 25 Jahren nicht die schlechteste Idee. In den USA steigt die Anzahl der bärischen Börsenbriefe massiv an, auch dies war in der Vergangenheit häufig ein Signal, dass man auf einen Ausverkauf zusteuert.

Wer Aktien als Langfristanlage, als Investitionsobjekt sieht und nicht klassischer Trader ist, der kann jetzt gute Unternehmen günstiger einkaufen. Natürlich kann der Dax noch bis unter 9000 Zähler korrigieren. Doch jetzt mit einem Sparplan oder einem Investment per Indexzertifikat oder ETF zu beginnen kann langfristig ein guter Ansatz sein.

Dieser Beitrag stellt keinerlei Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Anlageprodukten dar.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen