Wirtschaft

"Er kommt mit Axt und Feuer"Angst bei Opel vor Whitacre

02.12.2009, 19:42 Uhr

Der Rücktritt von General-Motors-Chef Fritz Henderson sorgt bei Opel für Verunsicherung. Experten erwarten von GM-Interimschef Ed Whitacre eine schärfere Gangart beim Umbau der Konzerntochter. Ob GM dabei auch auf Staatshilfen aus Deutschland zählen kann, ist weiter offen.

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Ed Whitacre leitete früher AT&T. (Foto: AP)

Nach dem plötzlichen Abgang von General-Motors-Chef Fritz Henderson herrscht in Rüsselsheim und Berlin Unsicherheit über den künftigen Kurs bei der Tochter Opel. Bis ein Nachfolger gefunden ist, nimmt mit GM-Verwaltungsratschef Ed Whitacre vorübergehend ein harter Sanierer auf dem GM-Chefsessel Platz.

Von ihm erwarten Experten eine schärfere Gangart beim Umbau von Opel. Ob GM dabei auch auf Staatshilfen aus Deutschland zählen kann, ist weiter offen: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle bemängelte die Konzeptlosigkeit von GM für die Zukunft der europäischen Tochter.

Der GM-Verwaltungsrat hatte den 51-jährigen Henderson nach nur acht Monaten im Amt gefeuert und die Suche nach einem Nachfolger eingeleitet. Henderson trat für einen Verkauf von Opel an dem Zulieferer Magna und die russische Sberbank ein, den das GM-Board unter Führung von Whitacre aber in letzter Sekunde platzen ließ.

"Whitacre versteht europäische Kultur nicht"

Bei Arbeitnehmervertretern von Opel und Vauxhall weckte der Machtwechsel Befürchtungen, mit Whitacre sei die erhoffte größere Eigenständigkeit von GM nicht durchsetzbar. "Whitacre kommt mit Axt und Feuer. Er versteht die europäische Kultur, den Markt, und die Art, wie wir hier Geschäfte machen, nicht", sagte ein Belegschaftsvertreter. Henderson, der von Mitte 2004 bis Ende 2005 eineinhalb Jahre lang Chef von GM-Europe in Zürich war, habe Verständnis für die Wünsche der Opelaner gehabt und galt daher als Hoffnungsträger für eine größere Eigenständigkeit von Opel.

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Fritz Henderson beugte sich dem Druck des GM-Direktoriums. (Foto: AP)

Dennoch kam GM unter der Führung von Henderson zuletzt nicht aus den Schlagzeilen. Der Verkauf der GM-Marke Saturn platzte ebenso wie der der schwedischen Tochter Saab. Sollte sich bis Jahresende kein Käufer für Saab finden, wäre die Marke am Ende.

Experten erwarten von dem neuen GM-Management nun eine härtere Gangart bei der Sanierung von Opel. "Ich kann mir gut vorstellen, dass der Kostengürtel noch ein bisschen stärker angezogen wird", sagte Autoexperte Stefan Bratzel vom Centre of Automotive der Hochschule Bergisch Gladbach. GM müsse die Kapazitäten mindestens um die zuletzt angestrebten 20 Prozent reduzieren, um langfristig zu überleben. Bislang hatte der US-Konzern in Europa den Abbau von rund 9000 Arbeitsplätzen geplant und will eventuell das Werk im belgischen Antwerpen schließen.

Nach Informationen des "Handelsblatts" will GM bei Opel allerdings weniger Stellen abbauen als zunächst angekündigt. GM gehe europaweit von einem Abbau von 8313 Stellen aus statt der bisher genannten rund 9000, berichtete die Zeitung unter Berufung auf das in Berlin eingereichte Papier. Demnach stehen im Stammwerk Rüsselsheim gut 2300 Stellen in Produktion, Verwaltung und in der Entwicklung auf der Kippe. Das Werk Bochum müsse um 1799 Stellen bangen und Eisenach und Kaiserslautern um jeweils etwa 300 Jobs in der Produktion.

Brüderle vermisst klare Linie

Nach Angaben von Brüderle will GM rund 600 Mio. Euro zu der insgesamt 3,3 Mrd. Euro teuren Sanierung von Opel beisteuern. GM habe in einem Skizzenpapier eine entsprechende Andeutung gemacht. Die restlichen 2,7 Mrd. Euro sollten vermutlich von den europäischen Opel-Ländern kommen. Für den FDP-Politiker ist das vorgelegte Papier jedoch kein tragfähiges Konzept. Die Bundesregierung prüfe daher derzeit keine Staatshilfen, sagte er. "Das Papier von GM bestätigt ebenso wie der Rücktritt von GM-Chef Henderson, dass es bei GM keine klare Linie gibt."

Whitacre hatte zuletzt die Einstellung vertreten, dass GM zur Sanierung von Opel gar nicht unbedingt auf Hilfen der Bundesregierung angewiesen ist. "Wenn Frau Merkel nichts zur Verfügung stellen will, dann bezahlen wir das eben selbst", hatte er in einem Interview gesagt.

Veränderungen bei Opel

Der erzwungene Rücktritt von Henderson hatte sich Insidern zufolge bereits abgezeichnet - der Zeitpunkt war dennoch überraschend. "Der Verwaltungsrat hat entschieden - und Fritz stimmte dem zu - dass es angesichts der aktuellen Lage Zeit für einige Veränderungen war", sagte GM-Sprecher Chris Preuss. Henderson gehört mit zur "alten GM-Riege", die auch für den Niedergang des Autobauers verantwortlich war. Er hatte den Posten erst im März von Rick Wagoner übernommen, der im Rahmen der Rettung von GM durch den Staat seinen Hut nehmen musste.

Damals hatte die US-Regierung 50 Mrd. Dollar in den Autobauer investiert, um einen Kollaps zu verhindern. Sie hält derzeit 60 Prozent am Aktienkapital. Dennoch sei die Entscheidung für die Ablöse von Henderson vom Direktorium allein getroffen worden, sagte eine Sprecherin von US-Präsident Barack Obama. "Die Regierung war in die Entscheidung nicht eingebunden."

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Nick Reilly sitzt nun im Opel-Aufsichtsrat. (Foto: REUTERS)

Beobachter gehen nun davon aus, dass Whitacre einen branchenfremden Manger auf den Chefsessel holen wird, wie dies bereits bei den US-Rivalen Ford Motor und Chrysler geschehen ist.

Auch bei Opel gibt es Personalveränderungen. GM-Manager Bob Lutz legt auf eigenen Wunsch sein Mandat im Aufsichtsrat des Rüsselsheimer Autobauers nieder. Statt ihm und dem zurückgetretenen GM-Europe-Chef Carl-Peter Forster ziehen nun Opel-Chefsanierer Nick Reilly und GM-Manager Walter Borst in das Gremium ein.

Quelle: wne/rts/dpa