Wirtschaft
Matsch statt Grasland: Wegen des Preisdrucks steigen viele argentinische Bauern auf "Feedlots" um.
Matsch statt Grasland: Wegen des Preisdrucks steigen viele argentinische Bauern auf "Feedlots" um.(Foto: Roland Peters)

"Im Krieg gegen die Regierung": Argentinien kämpft um sein Qualitätsfleisch

Von Roland Peters, Buenos Aires

Rindfleisch oder Soja? In Argentinien findet seit Jahren ein radikaler Umbau der Landwirtschaft statt. Bedroht ist auch die Qualität des nach Deutschland exportierten Fleisches. Die Großgrundbesitzer hoffen auf den neuen Präsidenten.

Die Augen sind aufgerissen, dicke Speichelfäden ziehen sich vom Maul zum strohbedeckten Boden. Der Bulle dreht sich im Kreis und sucht nach einer Lücke. Das rostbraune Tier versucht, über die Absperrung zu gelangen. Die Muskeln seiner Hinterläufe spannen sich an, der Stier stellt die Vorderläufe auf, schiebt seine Brust immer weiter über die Begrenzungsstreben der Vorführplattform; ein Raunen geht durch das Auktionszelt. Doch dann fällt der Hammer. Hinter dem verkauften Zuchtbullen öffnet sich ein Ausweg - und er stürmt hinaus.

Pferd, Mütze, Hemd oder Pullover, Gürtel und Schnalle - das sind argentinische Gauchos, hier in der Auktionskoppel der Casamú.
Pferd, Mütze, Hemd oder Pullover, Gürtel und Schnalle - das sind argentinische Gauchos, hier in der Auktionskoppel der Casamú.(Foto: Roland Peters)

Für die Gauchos außerhalb des weißen Zeltes sind diese Szenen nichts Besonderes. Drei Mal im Jahr findet im argentinischen Atucha eine solche Auktion statt, die erste vor 35 Jahren. Von rechts stürmt das Auktionsvieh kontrolliert hinein, auf der anderen ebenso hinaus. Pancho betreut zur gleichen Zeit die Gäste, die mit Rotwein und gegrilltem Fleisch verköstigt werden. Seit dem frühen Morgen haben die Stücke auf der Parilla gelegen, einem offenen riesigen Holzkohlegrill ein paar Meter neben dem Zelt.

Rund 300 Besucher sind heute auf das Gelände der Ranch Casamú gekommen, rund 60 werden am Ende etwas für ihre Herden gekauft haben, vermutet Pancho. Medikamente, einen oder mehrere Stiere oder nur Spermien, um Kühe zu befruchten. Die Stiere haben Namen wie "Final Answer", decken etwa 30 weibliche Rinder und kosten den Käufer zwischen 20.000 und 40.000 argentinische Pesos - nach offiziellem Kurs sind das 2000 bis 4000 Euro, auf dem Schwarzmarkt ein Drittel davon. Fleisch, das ist in Argentinien auch Nationalstolz. Die Tiere der Casamú sind für die Spitzenzucht. Wenn daraus eine Kuh geschlachtet wird, gehen die besten Stücke auch nach Deutschland.

Zuversicht auf den Haciendas

Die Landwirte investieren bereits jetzt, weil am 10. Dezember 2015 Präsidentin Cristina Kirchner abtreten wird. Zwölf Jahre Kirchnerismo von ihr und ihrem verstorbenen Mann Néstor sind dann Geschichte. Nach der historischen Stichwahl übernimmt der wirtschaftsliberale Mauricio Macri das Ruder der zweitgrößten Volkswirtschaft Südamerikas. Auf den Haciendas der Pampa blicken viele zuversichtlich in die Zukunft. Vor der Wahl hatten beide Kandidaten, Macri und auch der linksorientierte Regierungskandidat Daniel Scioli, angekündigt, exportfördernde Maßnahmen einzuleiten.

Gründer Carlos Sackmann Muriel ist der Namensgeber der Casamú - Casa wie Haus, mú für Muriel.
Gründer Carlos Sackmann Muriel ist der Namensgeber der Casamú - Casa wie Haus, mú für Muriel.(Foto: Roland Peters)

Seit Jahren schon verdienen die Bauern und die Regierung nicht mehr primär an der Rinderzucht, sondern an Soja. Die Einnahmen sanierten nach der großen Pleite in den Jahren 2000/2001 auch den Staat. Inzwischen wächst die eiweißhaltige Pflanze auf fast 70 Prozent der argentinischen Ackerbaufläche. Die Bauern verändern die Fruchtfolgen oder setzen sie komplett aus, weil sich Soja viel mehr lohnt als Weizen, Mais oder traditionelle Viehzucht. Traditionell heißt: Ein Hektar Weideland pro Tier, keine Stallhaltung, über 400 Kilogramm Schlachtgewicht. Das Ergebnis dieser Haltung ist die Qualität, die das argentinische Fleisch in Deutschland so bekannt gemacht hat.

Am Rande der weiten Felder, Weideflächen und Rinderherden sind auch längliche, mit Plastikfolie versehene "weiße Chorizos" zu sehen. Darin lagern etwa 40 Prozent der vergangenen Sojaernte, erklärt ein Landwirt. Fast jede Veränderung wäre beim Verkauf ein finanzieller Vorteil für die Bauern. Die Abwertung der Währung etwa oder die Senkung von Exportgrenzen und -steuern. Auch für die traditionelle Viehzucht erhoffen sich Landwirte durch den Regierungswechsel positive Impulse.

Düstere Szenarien von Umweltaktivisten

Viele Züchter bauen inzwischen auch Soja an. Seit etwa zehn Jahren werden immer mehr der über 50 Millionen Rinder im Land in sogenannte "Feedlots" gepfercht, so wird die Massenhaltung in Mastparzellen genannt. Die Folge: Die Tiere sind schneller schlachtreif, aber das Fleisch enthält mehr Fett und weniger Muskelgewebe. Bereits über die Hälfte des nationalen Verbrauchs wird mit diesem Fleisch gedeckt. Manche Farmbesitzer haben so die Zahl ihrer Beschäftigten halbiert: Ein Arbeiter kann sich um bis zu 500 Hektar Soja-Anbau kümmern und Gauchos brauchen sie für die Massenhaltung ihrer Rinder kaum.

Das Land des Biobauern Carlos José Borgognoni ist auf drei Seiten von Farmen mit genverändertem Saatgut umgeben.
Das Land des Biobauern Carlos José Borgognoni ist auf drei Seiten von Farmen mit genverändertem Saatgut umgeben.(Foto: Roland Peters)

Über die Hälfte der Fläche Argentiniens wird landwirtschaftlich genutzt, das Land ist auf dem Kontinent der zweitgrößte Exporteur von Produkten dieses Sektors. Mehr führt nur Brasilien aus. Doch das Premium-Steak kommt aus der argentinischen Pampa, so ist es schon seit Jahrzehnten. Deutschland ist das wichtigste Abnehmerland, dort werden die höchsten Preise gezahlt. Wächst der Feedlot-Anteil weiter, könnte in der Konsequenz auch die Qualität des nach Europa exportierten Fleischs sinken.

Umweltschützer beklagen zudem die Soja-Monokulturen, die fast alle aus genverändertem Saatgut herangezüchtet werden. Weil viele Großbauern das umstrittene Glyphosat oder 2,4-D als Pestizide verwenden, geben Umweltaktivisten weiten Landstrichen noch etwa 20 bis 30 Jahre, bis die Böden auf unbestimmte Zeit nur noch als leblose Brachen zurückbleiben. Die wenigen Biobauern beklagen, dass sie gegen die mächtige Konkurrenz kaum eine Chance hätten, weil Pollenflug und Pestizide ihre Felder verunreinigten, sie als Folge häufig keine Zertifizierung erhielten und in der Konsequenz mit den normalen Marktpreisen in Konkurrenz stünden.

Ein Lobbyist wie ein Staatschef

Luis Miguel Etchevehere ist Präsident des größten argentinischen Landwirtschaftverbandes.
Luis Miguel Etchevehere ist Präsident des größten argentinischen Landwirtschaftverbandes.(Foto: Roland Peters)

Welche Bedeutung die Landwirtschaft in Argentinien hat, ist auch in Buenos Aires zu sehen. Die Zentrale der "Sociedad Rural Argentina" (SRA) liegt in der Calle Florida im Zentrum der Hauptstadt. Im kommenden Jahr feiert der Verband sein 150-jähriges Bestehen. Der Plaza de Mayo mit dem Präsidentenpalast Casa Rosada liegt nur wenige Minuten zu Fuß entfernt, ein Geschäft reiht sich an das andere. Wo die illegalen Geldwechsler "Cambio, Cambio" murmeln, geht es bei der Hausnummer 460 durch einen steinernen Bogen in die marmorne Kühle des über 140 Jahre alten Gebäudes. Im Eingangsbereich sind auf einer Ehrentafel in Goldlettern die Namen der Gründer aufgeführt, eine ausladende Treppe führt nach oben. Säulen säumen den Gang mit dunkelbraunen, hölzernen Türen. Auf dem Verbandswappen steht: "Den Boden zu bestellen, ist dem Vaterland zu dienen."

Doch das letzte Mal redeten die Landwirte im Jahr 2008 direkt mit den obersten Entscheidungsträgern. Nach Meinung von Luis Miguel Etchevehere hat Cristina Kirchner den Leitspruch der SRA zu wörtlich genommen. "Wir befinden uns im Krieg gegen die Regierung", sagt der Verbandspräsident, ohne eine Miene zu verziehen. Der 52-Jährige sitzt selbstsicher in seinem Büro. Der Raum würde jedem Staatschef zur Ehre gereichen: hohe Decken mit Stuck, Kronleuchter aus Kristall, Gemälde, ein vergoldeter und verzierter Tisch, links und rechts argentinische Flaggen.

Kirchners Finanzbehörden wollten den Exportsteuersatz für die Landwirtschaft flexibel an die Weltmarktpreise anpassen. Die Landwirte demonstrierten ihre Macht und streikten monatelang. Am Ende scheiterte das Gesetz im Parlament - an einer einzelnen Stimme. Seitdem finde Kommunikation über die Presse statt, erzählt Etchevehere. Lange muss er sich nicht mehr mit der Regierung herumschlagen. Spätestens am 11. Dezember kann er mit neuem Mut zum Telefonhörer greifen und wieder das machen, wofür er von den argentinischen Bauern eigentlich im Jahr 2012 eingesetzt wurde: die Interessen der Land- und Viehwirte vertreten. Der Agrarsektor, ob Rinderfarmer oder Sojabauern, sie alle hoffen auf frischen Wind aus der Casa Rosada.

Während die SRA die derzeitige Situation im Land moniert, läuft das Geschäft bei Casamú seit Jahrzehnten prächtig. Gründer Carlos Sackmann Muriel hat sich inzwischen aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und kümmert sich vor allem um seinen sechs Hektar großen Garten. Am Rande der Auktion zuckt Pancho mit den Achseln. "Alles ist derzeit eine Wette, niemand weiß, was nach der Wahl passieren wird." Dann zieht er seine Mütze auf der rechten Seite nach unten, tippt an ihren Rand und grinst: "Aber je nachdem, wie die Sonne steht, können wir sie ausrichten."

Quelle: n-tv.de

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