Wirtschaft
Karsten Mühlenfeld gibt am BER den Kurs vor.
Karsten Mühlenfeld gibt am BER den Kurs vor.(Foto: picture alliance / dpa)

Mühlenfeld übt sich in Optimismus: BER soll schnell Gewinne einfliegen

Von Diana Dittmer

Flughafenchef Karsten Mühlenfeld lernt schnell: Nicht nur, Deutschlands größte Pannen-Baustelle zu managen und Mängel zu kommunizieren, sondern auch Visionen zu verkaufen.

Berlinern tut er nicht. Karsten Mühlenfeld ist zwar ein Urgewächs der Hauptstadt, aber hören tut man es nicht. Allenfalls schlägt die Berliner Schnauze mal milde bei einer Frage durch: "Wer will denn eigentlich einen fertigen BER? Ich höre immer nur, mach's nicht so schnell. Tegel liegt doch so günstig." Bissig ist das nicht gemeint. Aber lachen kann darüber auch keiner.

Kurz nach der größten Kommunikationspanne in seiner achtmonatigen Amtszeit präsentiert sich der BER-Chef sicherer, als man es erwarten könnte. Von Kommunikationsschwierigkeiten wie beim Thema Neubau von Brandschutzwänden ist nichts zu spüren. Vielmehr nutzt Mühlenfeld eine Bühne vor Berliner Unternehmern gekonnt, um Vertrauen zu werben: Der BER wird nach jetzigem Stand in der zweiten Jahreshälfte 2017 eröffnen. "Alles deutet darauf hin, dass es machbar ist. Wir bekommen das hin."  

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Die Kosten? Sie bleiben laut Mühlenfeld, wo sie sind, bei 5,34 Milliarden Euro netto. "Das ist unser Ziel." Kosten für Erweiterungen, Zinsen und Tilgung nicht eingerechnet. Acht Milliarden Euro, wie sie bereits gehandelt werden, sehe er nicht. Bislang auch nicht weitere Verzögerungen. Nach jetzigem Stand hinkt die Flughafengesellschaft FBB dem Planfeststellungsverfahren drei bis vier Monate hinterher. Nicht mehr. Alles andere muss man abwarten.

Auch skeptische Fragen, ob der geplante Flughafen überhaupt noch zu dem Berlin von Morgen passt, ob hier in absehbarer Zeit wirklich 50 Millionen Passagiere abgewickelt werden können, kann Mühlenfeld mit Zahlen kontern. Mit allen Umbauten und Erweiterungen reichen zwei Startbahnen am neuen Hauptstadtflughafen, um das prognostizierte Passagieraufkommen zu bewältigen, rechnet er vor. Von der Zerknirschtheit, die sich bei Mühlenfeld angeblich schon eingestellt haben soll, ist nichts zu spüren.

"In Berlin ist man immer ein bisschen nervös"

Der neue BER-Chef wirkt sachlich und gut informiert. Wenn Mühlenfeld sagt, dass der BER "kein normaler Bau ist", glaubt man das. 2005 war ein Flughafen mit einer Gesamtfläche von 220.000 Quadratmetern geplant. Heute sind es 360.000 Quadratmeter. Schon sein Vorgänger Hartmut Mehdorn wies immer auf die ständigen Erweiterungen des Projekts hin, wenn es darum ging, den Grund für die ständigen Pannen dingfest zu machen.

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Nicht nur die Kosten seien explodiert, sondern auch Fehler passiert, muss nun auch Mühlenfeld feststellen. Ein gekündigter Generalplaner, der mit seinen Papieren nach Hause geht, die Imtech-Pleite, zu schwere Ventilatoren. "Wir sind nicht so weit, wie wir wollten", räumt der promovierte Maschinenbauer ein. Man habe mehr Fehler entdeckt, als erwartet. Insgesamt 13.000 Einzelpunkte, wo etwas geändert werden müsse. Einiges sei in Minuten zu erledigen, anderes brauche länger. Das Problem sei, dass man "in Berlin immer ein bisschen nervös ist". Es ist nichts Neues, was Mühlenfeld da den Unternehmern erzählt. Es wirkt aber deutlich nüchterner, als bei dem Heißsporn Mehdorn.

Das Problem mit den zu schweren Ventilatoren unter der Terminal-Decke sei überdramatisiert worden, erklärt Mühlenfeld weiter. Schnee auf einem Dach sei schwerer. Und von den insgesamt 4000 Innenwänden müssten letztlich lediglich 30 abgetragen und neu gebaut werden. Mühlenfeld hatte jüngst durch eine ungeschickte Wortwahl den Pfusch am BER ungewollt dramatisiert. Hier nutzt er die Chance, die Probleme auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

"In zehn Jahren werden Kredite zurückgezahlt"

Einen Tag, nachdem er den "Point of no Return" benannt hat - also den Punkt, von dem ab die Strecke zum Ziel kürzer ist, als die Strecke, die hinter einem liegt - kehrt er den nüchternen Rechner heraus. Dabei greift er der Eröffnung des Flughafens sogar noch weit voraus. Trotz aller Probleme rechnen die Betreiber nach jetzigem Stand damit, dass der immer noch nicht eröffnete Airport Gewinne einspielen wird. "Ab 2020 können wir uns selber finanzieren", kündigt Mühlenfeld an. "Ab Mitte der 20er Jahre werden wir in der Lage sein, unsere Schulden zurückzuzahlen."

Die Flughafengesellschaft will sich dabei an der Refinanzierung des Projekts beteiligen. "Unsere Gebühren werden steigen, wenn wir den BER eröffnen." Deutlich mehr Umsatz erwartet er auch durch die Mieteinnahmen aus dem Einkaufszentrum im neuen Terminal. Die Betreiber rechnen damit, dass die jährlichen Passagierzahlen bis 2025 von 28 Millionen auf über 40 Millionen steigen, zehn Jahre später wird nach ihrem Urteil die Schwelle von 50 Millionen überschritten.

Wie jemand, der bald den Abflug macht, wie es ihm kürzlich bereits nachgesagt wurde, wirkt Mühlenfeld nicht. Seine Argumentation ist sachlich, die Präsentation überzeugt. Es stellt sich ein bekanntes Gefühl ein: Das sollte zu schaffen sein. Doch die Unsicherheitsfaktoren bleiben. Die Imtech-Pleite ist nur einer davon. Die Bewertung der Auswirkungen liegt immer noch nicht vor. Außerdem fehlt grünes Licht für Nachträge zur Baugenehmigung. Welche Bauleistungen fällig werden, entscheidet sich erst im Frühjahr. Das Vorhaben, zum Oktober 2017, zur Umstellung auf den Winterflugplan, zu starten, bleibt also eine heiße Wette. Noch ein paar Pannen mehr und die Eröffnung rutscht ins Jahr 2018 - das wäre dann 13 Jahre nach dem ersten Spatenstich.

Und eine weitere Frage bleibt: Wer ist schuld an diesem ganzen Schlamassel? Doch Vergangenheitsbewältigung hat schon Hartmut Mehdorn nicht interessiert. Mühlenfeld verliert ebenfalls nicht viele Worte darauf. Der kühle Rechner kann sich schlicht keinen Reim darauf machen, was bis 2012 passiert ist. Alle Details seien bekanntgewesen. Dass die Eröffnung so kurzfristig abgesagt wurde, könne nur daran gelegen haben, dass bei der Führungsebene das Wunschdenken, es könnte doch noch klappen, vorgeherrscht habe, sagt er.

Jetzt dranbleiben

Mühlenfeld genießt Vertrauen. Das ist wichtig. Aber er muss sich auch den einen oder anderen Rat gefallen lassen. Neben der Bitte, weiter an der internen und externen Kommunikation zu arbeiten, soll er sich auf keinen Fall von der Politik oder den Sparplänen von Air Berlin überrumpeln lassen. Denn das könnte ihn genauso wie seine Vorgänger ins Aus katapultieren.

Quelle: n-tv.de

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