Wirtschaft
Die Spuren des Bürgerkriegs sind in dieser Hochhaussiedlung in Bosnien noch deutlich zu sehen.
Die Spuren des Bürgerkriegs sind in dieser Hochhaussiedlung in Bosnien noch deutlich zu sehen.(Foto: imago stock&people)
Mittwoch, 18. Mai 2016

Auswanderer überweisen Milliarden: Balkanländer hängen am Tropf

Vor 25 Jahren ist der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerfallen. Besser ist es seitdem nicht geworden. Die meisten Nachfolgestaaten leiden immer noch unter sozialen und wirtschaftlichen Miseren. Die Menschen lösen das auf ihre Weise.

Ein Grund für das Auseinanderbrechen Jugoslawiens war die Überzeugung der zerstrittenen Völker, ihre Zukunft alleine besser managen zu können. Doch diese Hoffnung hat sich bis heute nicht wirklich erfüllt. Ausgebliebene Strukturreformen zum Übergang von der kommunistischen zur kapitalistischen Wirtschaft werden von allen Wirtschaftswissenschaftlern für die lahmende Entwicklung und die Verarmung großer Teile der Bevölkerung verantwortlich gemacht.

"Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren" sei der Grundsatz in den sieben jugoslawischen Nachfolgestaaten, sagte der prominente serbische Wirtschaftsprofessor Miodrag Zec in der Belgrader Zeitschrift "NIN". Obwohl die falsche Politik in den letzten Jahrzehnten "zu riesigen Schulden, allgegenwärtiger Armut" geführt habe, "kehrt der Staat im großen Stil wieder in die Wirtschaft zurück".

Die Fortsetzung der fehlgeschlagenen Wirtschaftspolitik liegt möglicherweise auch darin begründet, dass viele Politiker in diesen Balkanländern schon zwei Jahrzehnte und mehr ununterbrochen Schlüsselpositionen einnehmen: Der bosnische Serbenführer Milorad Dodik, der dortige Staatspräsident Bakir Izetbegovic, die Regierungschefs Serbiens und Montenegros, Aleksandar Vucic und Milo Djukanovic, mischen schon seit Anfang der 1990er Jahre mit. Der mazedonische Regierungschef Nikola Gruevski ist seit Ende der 1990er Jahre politisch engagiert.

Wirtschaftsprognosen nicht aussagekräftig

Die EU-Kommission hat in der letzten Woche in ihrer Frühjahrsprognose die Wachstumsraten der Balkanländer für das laufende Jahr zwischen 1,7 Prozent für das Euroland Slowenien und deutlich über drei Prozent für die Kandidatenländer Mazedonien und Montenegro angegeben. Allerdings sagt dieses Wachstum wenig aus über die in den meisten Länder gerügte "substanzielle Verschlechterung der öffentlichen Finanzen".

Hinzu kommt der immer noch überdimensionierte Anteil maroder Staatsbetriebe, die aus sozialen Gründen nicht dicht gemacht werden. Auch die aufgeblähte öffentliche Verwaltung steht einer wirtschaftlichen Genesung entgegen, denn: die Parteien bringen dort oft ihre Funktionäre unter, um sie für deren Loyalität zu belohnen. Die Arbeitslosigkeit liegt nach den offiziellen Statistiken in Serbien, Montenegro und Kroatien etwa doppelt so hoch wie im EU-Schnitt. In Mazedonien macht dieser Wert sogar über 25 und in Bosnien mehr als 27 Prozent aus. Am Beispiel Serbiens hat Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche die Daten für die Altersgruppen zwischen 15 und 64 Jahren analysiert und kam zu dem Schluss: "Fast jeder Zweite arbeitet nicht, ein knappes Drittel sucht offiziell nicht einmal Arbeit."

Personalmangel durch Auswanderungswelle

Weil es überall im Wirtschaftsleben hakt, blieben auch die Einkommen der Bevölkerung bescheiden. Sie lagen zu Beginn des Jahres netto zwischen gut 360 Euro in Serbien und Mazedonien, deutlich über 400 Euro in Bosnien und Montenegro bis zu 747 und 1004 Euro bei den EU-Mitgliedern Kroatien und Slowenien. Damit können die Menschen bei weitem nicht auskommen. Praktisch alle Länder sind auf Milliarden-Überweisungen ihrer Gastarbeiter vor allem in Westeuropa und Skandinavien angewiesen.

Unmittelbare Auswirkung ist eine gigantische Auswanderungswelle. Bei allen Befragungen geben die Studenten zu 80 und mehr Prozent an, sie wollten nach dem Diplom ihrer Heimat den Rücken kehren. Im Moment beklagen die Länder Südosteuropas einen Exodus von Ärzten und medizinischem Pflegepersonal in Richtung Großbritannien, Skandinavien und vor allem nach Österreich und Deutschland. Dieser Kahlschlag erschüttert bereits die ohnehin maroden Gesundheitssysteme der Heimatländer bis in die Fundamente.

Quelle: n-tv.de

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