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Die Bertelsmann-Stiftung hat einen neuen Vorschlag für eine europäische Ratingagentur gemacht.
Die Bertelsmann-Stiftung hat einen neuen Vorschlag für eine europäische Ratingagentur gemacht.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch Staaten sollen bezahlen: Bertelsmann will Ratingagentur

Die Finanzbranche allein will eine europäische Ratingagentur nicht finanzieren, nun bietet die Bertelsmann-Stiftung einen neuen Lösungsvorschlag an: Auch Staaten, Stiftungen und Privatleute sollen künftig in einen Fonds einzahlen, der die Ratings finanziert. Doch genau das könnte die Glaubwürdigkeit der Agentur untergraben.

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Nachdem die Gründung einer europäischen Ratingagentur ins Stocken geraten ist will die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Konzept den drei großen US-Platzhirschen Konkurrenz machen. "Fragwürdige Beurteilungen der Bonität von Staaten haben erheblich zu der jüngsten Finanzkrise beigetragen", betonte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Gunter Thielen. "Wir benötigen dringend eine zusätzliche, unabhängige Institution für die Bewertung von Länderrisiken, und wir müssen die Qualität der Länderratings verbessern."

Die Bertelsmann-Stiftung will nun die G20-Gruppe der Industrie- und Schwellenländer von dem Vorschlag überzeugen. Die Unabhängigkeit der bislang dominierenden US-Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch wird zunehmend infrage gestellt, weil sie von Emittenten für ihre Bonitätsbewertungen bezahlt werden und damit Gewinne erzielen.

Die Stiftung schlägt deshalb die Einrichtung einer aus einem Fonds finanzierten gemeinnützigen Agentur vor, die auf dem Konzept eines Netzwerks von Büros in Europa, den USA, Lateinamerika und Asien basiert. Die nicht gewinnorientiert arbeitende Ratingagentur INCRA (International Non-Profit Credit Rating Agency) soll von einem Fonds im Volumen von 400 Mio. US-Dollar (306 Mio. Euro) finanziert werden, aus dessen Ausschüttungen die laufenden Kosten von jährlich zwischen 15 und 24 Mio. US-Dollar getragen werden sollen. Beteiligen können sich daran Regierungen, Unternehmen, Stiftungen und Privatleute.

Gründung einer europäischen Ratingagentur stockt

Trotz des Mangels an Wettbewerb auf dem Bewertungsmarkt war die Gründung einer europäischen Konkurrenzagentur war zuletzt ins Stocken geraten. Die Unternehmensberatung Roland Berger hatte eingeräumt, dass sie nach monatelangen Gesprächen noch keine konkreten Zusagen von Investoren für die Finanzierung einer europäischen Ratingagentur als Konkurrenz zu den Anbietern aus den USA erhalten hat. Das Startkapital von 300 Mio. Euro soll die Finanzindustrie aufbringen. Die Unternehmensberatung hatte vor allem auf die Unterstützung deutscher und französischer Großbanken gehofft, stieß demnach jedoch auf wenig Interesse. Auch aus der deutschen Industrie sei Gegenwind gekommen. Bei dem Konzept von Roland Berger sollten Investoren für die Ratings bezahlen.

INCRA soll sich ausschließlich auf Länderratings und Benotungen internationaler Organisationen beschränken. Die US-Konkurrenten würden diesen Bereich eher als Imagefaktor betrachten und ihre Ressourcen auf die Bewertungen von Unternehmenspapieren konzentrieren, mit denen sie auch ihr Geld verdienen, heißt es bei der Bertelsmann-Stiftung. Die INCRA-Ratings sollen nichts kosten. Den US-Ratingagenturen wird ein zu großer Einfluss auf die Finanzmärkte während der Eurokrise vorgehalten.

Staatsfinanzierung birgt neuen Interessenkonflikt

Die Bundesregierung hatte am Montag erneut betont, dass sie staatliche Beteiligungen an neuen Ratingagenturen ablehnt, da die Märkte dies als politische Einflussnahme bewerten würden. Die Bertelsmann-Stiftung will dieser Kritik mit einem "Sicherheitspuffer" begegnen. Ein Gremium, das zwischen Geldgebern und operativem Geschäft angesiedelt ist, solle solche "Interessenkonflikte möglichst ausschließen". Mitglieder könnten unter anderem auch Wissenschaftler und Verbraucherschützer sein.

Außerdem seien Länderratings von öffentlichem Interesse: Daher könne das Ansehen von Ratingagenturen davon profitieren, wenn sich mehr gesellschaftliche Akteure dort engagieren, meint Heuser. Die Bertelsmann-Stiftung will auch Investoren in Asien und Lateinamerika bei dem INCRA-Projekt einbinden. Auf eigene Faust will die Stiftung, die die Mehrheit am Medienkonzern Bertelsmann hält, das Projekt jedoch nicht in die Tat umsetzen. "Jetzt ist es an den Staats- und Regierungschefs, dies zu diskutieren".

Quelle: n-tv.de

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