Wirtschaft
Video

Zündfunke oder Rohrkrepierer: Birgt Diesel-Krise Chancen für Autobranche?

Von Helmut Becker

Der Dieselskandal erschüttert VW. Er ist noch größer als bisher angenommen. Das Volkswagen-Image ist angekratzt. Aber hat der Skandal auch negative Folgen für die gesamte deutsche Autobranche?

"Und wenn du glaubst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo der Müller her!" Das ist keine Weisheit aus dem Trainerlehrbuch von Pep Guardiola, sondern steht für den Befreiungsschlag des Volkswagen-Konzerns als Reaktion auf die größte Krise des Unternehmens seit Gründung 1938.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.(Foto: Helmut Becker)

Die personelle Befreiung heißt Matthias Müller. Eingedenk der Volksweisheit, dass der Fisch immer vom Kopf her stinkt, hat Müller am 25. September in einem quasi Kaltstart Martin Winterkorn als Vorstandsvorsitzenden abgelöst. Mit ihm wurde gleichzeitig ein ganzes Personalkarussell rund um das engere Winterkorn-Gefolge, das mit der Abgasmanipulation bei den Dieselmotoren EA 189 in einer vermuteten Verantwortlichkeit stand, in Gang gesetzt - vulgo: entlassen. Nur Ex-Skoda Chef Winfried Vahland, der als neuer Verantwortlicher für den US-Markt vorgesehen war, von wo aus das ganze Übel seinen Anfang genommen hatte, verließ freiwillig, aber schmollend, den schlingernden Konzern.

Kaum einen Monat später, am 17.Oktober, hatte Müller sich so weit mit und in der Abgasaffäre be- und gefasst, dass er in Leipzig seine 400 Top-Manager um sich scharen konnte, um ihnen die Marschroute in die Zukunft aufzuzeigen. Gemeinsam und auf Augenhöhe, nicht als Direktive von oben wie bisher.

Erst der Anfang? Reicht es?

In Kurzform kann man sein Programm beschreiben mit: Allen wohl und niemand weh! Den Managern mehr Freiraum, aber auch mehr Verantwortung; den Regionen und Marken mehr Selbstbestimmung; der Belegschaft mehr Mitbestimmung und sichere Arbeitsplätze; und für alle fair verteilte Belastungen in einem Konzern, der in Zukunft nicht mehr mit den Prinzipien und Strukturen von gestern gesteuert werden soll. Und obendrauf für den künftigen Phaeton ausschließlichen einen Elektromotor sowie im gesamten Konzern mehr Elektroantrieb als in der Vergangenheit. Vom Dieselmotor drang nichts nach außen!

Ob das, was Müller vorhat, ausreicht, um den Volkswagen-Konzern aus der Krise zu führen, soll hier nicht kommentiert werden. Für die "Süddeutsche Zeitung" "reichte (es) nicht"; für die "Welt am Sonntag" ist es "Erst der Anfang". Man wird sehen.

Zündfunke zur rechten Zeit?

Was auffällt, ist aber, dass keiner der klugen Autojournalisten gleich welcher Medien auf die Chancen hinweist, die gerade durch den Abgasskandal und die Dieselkrise für die gesamte deutsche Automobilbranche, Hersteller wie Zulieferer, über Nacht entstanden sind. So teuer die Betrugsaffäre bei Volkswagen für die Branche insgesamt auch sein mag: für die Mitarbeiter, Aktionäre und Stadtkämmerer direkt, für die übrigen deutschen Hersteller indirekt über höhere Kosten zur Erfüllung von in Zukunft genauerer, vor allem aber auch verschärfter Abgaskontrollen und Vorschriften. Der Skandal könnte der Zündfunke für den dringend erforderlichen Innovationsschub in der Antriebstechnologie sein.

Die Zeit dafür ist überfällig! Ein paar Fakten statt wohlmeinender Appelle und absurder Zukunftsvisionen von ökologisch gepolten Gutmenschen können vielleicht weiterhelfen:

  • Weltweit wurden 2014 rund 1,1 Milliarden Automobile mit Verbrennungsmotoren betrieben und etwa 150.000 mit Elektromotor, davon in Deutschland 18.948.
  • Unterstellt man, es sei aus Umweltgründen unerlässlich, diesen ganzen Pkw-Bestand zu ersetzen und elektrisch zu betreiben, haben wir das 22. Jahrhundert erreicht.
    Video
  • Die deutsche Automobilindustrie produziert weltweit unter ihrem Markenzeichen 15 Millionen Pkw, davon zwei Drittel allein in einer Fabrik von Volkswagen. Gigantisch! Jedes fünfte jährlich neu zugelassene Auto stammt aus deutscher Produktion, jedes zehnte davon ist ein Produkt des Volkswagen-Konzerns; 2014 produzierte er über zehn Millionen Autos.
  • Der VW-Konzern betreibt in 20 Ländern Europas und in 11 Ländern Amerikas, Asiens und Afrikas 119 (Stand: 26.5.2015) Fertigungsstätten. 592.586 Beschäftigte produzieren an jedem Arbeitstag weltweit nahezu 41.000 Fahrzeuge
  • Selbst die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler produzieren und verkaufen jährlich über fünf Millionen Luxus-Automobile. Sie beherrschen damit 80 Prozent des Weltmarktes

Zehn Millionen Kunden irren nicht!

Sollte es - im Dieselruß des Abgasskandals bei VW - Zweifel an der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustr ie gegeben haben, so machen diese Zahlen eines deutlich: Deutsche Autos sind international begehrt, weil sie qualitativ hochwertig und zuverlässig sind und eine überlegene Verbrauchs- und Antriebstechnologie haben. Um im Klartext zu sprechen:

Deutsche Autos sind nicht gekauft worden wegen niedriger Emissionswerte, sondern wegen der Summe aller Produkteigenschaften. Also weil der Kunde sicher, komfortabel und pannenfrei und mit ausreichend Antriebsenergie an Bord an sein Ziel kommen will. "Value for money" prägt das Image der deutschen Automobilindustrie, auch das von Volkswagen: Zehn Millionen Kunden können sich nicht irren!

Und das werden sie auch in Zukunft nicht. Trotz Dieselskandal. Darin liegt die ungeheure Chance sowohl für Volkswagen als auch für die Branche als Ganzes. Nämlich die Antriebstechnologie auf den Stand zu bringen, den Gesetzgeber und Ökologie in Zukunft erfordern. Viele meinen, diese Zukunftschancen lägen nur beim raschen Umstieg vom Verbrennungsmotor auf den Elektroantrieb, ob nun als reines Elektroauto mit Batteriebetrieb oder als Plug-in Auto.

Video

Physikalische Gesetze wie logistische Gegebenheiten machen das illusorisch:

  • Die Batterietechnik lässt auf Dauer ausreichende Reichweiten zu vernünftigen Anschaffungskosten nicht zu.
  • Auch bei einem Ausbau von Elektrotankstellen lässt sich die Pkw-Flotte in Deutschland von 44,4 Millionen Autos nicht elektrisch "betanken". Bei einem Versuch in NRW werden derzeit 600 Elektrotankstellen aufgebaut. Bei einer Schnelllade-Zapfstelle je Säule und einer Schnellladezeit von 15 Minuten je Elektromobil können im 24-Stunden-Betrieb bei nahtloser Betankung 57.600 E-Autos täglich abgefertigt werden. Tatsächlich werden heute in Deutschland rund 2 bis 2,5 Millionen Autos betankt.

Rückbesinnung auf das Wesentliche

Wo liegt dann die große Chance des Dieselskandals für VW und den Rest der Branche? Ganz einfach: Endlich können sich die deutsche Automobilingenieure bei Bosch, Conti, ZF und so weiter sowie die klangvollen Technischen Hochschulen mit ihren exzellenten Automobilforschern und Motorenpäpsten von Aachen, über Freiberg, Darmstadt und München wieder auf das konzentrieren, was das Herzstück des Autos ist: der Antrieb - und nicht sonstiges Beiwerk wie autonomes Fahren, Vernetzung, Konnektivität und allerlei technischer Schnickschnack.

Rückbesinnung auf das Kerngeschäft: Das lehrt der VW-Dieselskandal. Baut saubere Diesel-oder Hybridautos, das könnt ihr doch! Die Technologie mit SCR-Katalysatorsystemen und Zuführung von AdBlue zur Auflösung von NOx habt ihr doch! Und wenn es denn notwendig ist, das Auto mit sauberem Verbrennungsmotor mit einem noch saubereren Elektromotor hybridisieren. Das ist die technologische Herausforderung der Zukunft, nicht auf Autobahnen im Zuckelbetrieb autonom zu fahren.

Die deutsche Antriebstechnologie ist weltweit führend, auch und gerade beim Diesel. Der Dieselmotor ist unschlagbar verbrauchsarm. Diese Technologie auch noch gesetzeskonform NOx arm zu machen, wäre das Gebot der Stunde, nicht, staatliche Subventionsmillionen für Teststrecken für autonomes Fahren zu verschwenden.

Kurzgefasst: Die große Chance des Dieselskandals liegt darin, dass sich der deutsche Automobilingenieur endlich wieder auf das Wesentliche konzentrieren darf, worauf es beim Auto ankommt, nämlich darauf, dass  ein Auto überhaupt fährt und das nach den gesetzlichen Vorschriften möglichst emissionsarm! Voran mit Dieselpower!

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen