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Der Streit um die Begrenzung der Zusatzzahlungen für Banker hatte hohe Wellen geschlagen.
Der Streit um die Begrenzung der Zusatzzahlungen für Banker hatte hohe Wellen geschlagen.(Foto: picture alliance / dpa)

Allen Unkenrufen zum Trotz: Bonus-Deckel juckt Banker nicht

Vor einem Monat beschloss die EU, die variablen Gehaltsbestandteile von Bankern zu deckeln. Die Branche reagiert betont gelassen. Die vorhergesagten Folgen - Talentflucht, Verlust der Steuereinnahmen, Sinkende Wettbewerbsfähigkeit - bleiben offenbar aus.

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Der Aufschrei in der Finanzbranche war groß, als die EU Ende Februar eine Deckelung von Banker-Boni beschloss. Es drohe eine Massenflucht von Talenten nach Asien und in die USA, wo Institute weiter mit Geld um sich schmissen, warnten Banker und Lobbyisten. "Es ist ein guter Tag für die Bürgermeister von Mumbai und Hongkong", spottete etwa Alan Johnson von der Beratungsgesellschaft Johnson Associates. In Europa fielen dagegen Arbeitsplätze weg und Steuereinnahmen sänken. Die Bonus-Deckelung gehe "zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzstandortes Europa", schimpfte der deutsche Bankenverband.

Einen Monat später hat sich die Aufregung über die EU-Entscheidung gelegt. "Bei uns wird dieses Thema nicht so heiß gegessen, wie es in der Öffentlichkeit gekocht wird", sagt Theodor Weimer, der Chef der UniCredit -Tochter HypoVereinsbank (HVB). Eine "Wanderungswelle in Richtung Asien oder Amerika" erwartet der ehemalige Partner der Investmentbank Goldman Sachs nicht. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Banken an der Wall Street, in Hongkong und in Singapur gerade auf die deutschen Banker warten."

Viele andere Experten, Personalberater und Banker sehen das ähnlich. "Das ist alles halb so wild", sagt Partner Jörg Kasten vom Headhunter Boyden, der seit über 20 Jahren Führungskräfte vermittelt. "Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Banken wird in keinster Weise beeinträchtigt." Die EU-Regeln sehen vor, dass der Bonus das Fixgehalt nicht überschreiten darf. Sofern die Aktionäre zustimmen, darf die variable Vergütung maximal doppelt so hoch ausfallen wie das Fixgehalt. Die Regeln gelten für alle Banker in Europa sowie für Mitarbeiter europäischer Häuser im Ausland.

Sorgen um die Schwellenländer

Eine Analyse der Unternehmensberatung hkp unter ausgewählten Banken in Deutschland zeigt, dass 2012 lediglich zwei Prozent der außertariflich bezahlten Beschäftigten von der Regelung betroffen gewesen wären. "Es geht nur um einen Bruchteil der Banken in Deutschland und hier auch jeweils nur um eine kleine Schar von Mitarbeitern", betont hkp-Experte Werner Klein. Hierzulande muss sich vor allem die Deutsche Bank Gedanken machen, bei der mehr als 1300 Mitarbeiter betroffen sein könnten. Bei der Commerzbank hätte die Regel im vergangenen Jahr Branchenkreisen zufolge nur bei rund 50 Beschäftigten gegriffen, bei der HVB bei etwa 200 Bankern.

Institute in Deutschland seien auch deshalb weniger betroffen als Geldhäuser aus anderen Ländern, da es hierzulande zuletzt kaum noch Exzesse bei der Zahlung von Gehaltsprämien gegeben habe, betonen Experten und Banker. "Die Zeiten des aggressiven Pokerns um Gehälter und Boni sind vorbei", erklärt Martin Reitz, der Deutschland-Chef der Investmentbank Rothschild.

In ihrer Heimat werde die Bonus-Grenze den europäischen Häusern deshalb keine Probleme bereiten, glaubt Stefan Winter, der Präsident des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland. In schnell wachsenden Schwellenländern könne dies jedoch anders aussehen. Deutsche-Bank-Aufsichtratschef Paul Achleitner macht sich ebenfalls Sorgen, ob das Institut wegen der neuen Regeln im Kampf um Talente in den Boomländern weiter mithalten kann. "Wie überzeugt man jemanden in Hongkong, für ein europäisches und nicht für ein amerikanisches Haus zu arbeiten?"

Die Mär von der Massenflucht

Abwandern aus Europa könnten dagegen allenfalls einige Spezialhandelsbereiche, in denen es keinen Kundenkontakt gebe, glaubt Nikolaus Närger, der Deutschland-Chef der Citigroup. "Die sitzen aber nicht in Frankfurt, sondern eher in London." Viele andere Geschäfte, beispielsweise die Beratung bei Übernahmen und Fusionen, lassen sich dagegen nicht verlagern. In diesem Geschäft sind Bodenhaftung und Kontaktpflege wichtig. "Wenn ein Manager nach Singapur wechselt, bringt ihm sein brillantes Kontaktnetz in Deutschland und Europa gar nichts", betont Headhunter Kasten.

Er ist sicher, dass die europäischen Geldhäuser Wege finden werden, "das Gesetz auszuhebeln und weiter attraktive Pakete zu schnüren". Die Deutsche Bank prüft bereits, ob sie die Fixgehälter für betroffene Banker anhebt. Andere Institute dürften ähnlich vorgehen. "Außerdem könnten die Konzerne wieder wunderbare Pensionszusagen machen", sagt Kasten.

Der Personalvermittler hat zudem beobachtet, dass hohe Bonus-Zahlungen für viele Banker seit der Finanzkrise an Bedeutung verloren haben. "Das Geschäft ist immer noch geldgetrieben - klar - aber heute spielen auch andere Themen eine wichtige Rolle: Wie sicher ist mein Job? Wie sicher ist das Institut? Wie ist die Kultur in dem Haus?" Viele Banker seien in der Krise auf die Nase gefallen, hätten ihren Job verloren und seien nun vorsichtiger. Auch der Deutschland-Chef eines großen ausländischen Instituts hat einen Sinneswandel registriert. "Banker, die einen sicheren Job in Deutschland haben, werden sich zwei Mal überlegen, ob sie ihre Familie aus ihrem gewohnten Umfeld herausreißen, nur weil sie in Asien für ein paar Jahre ein bisschen mehr Geld verdienen könnten."

Quelle: n-tv.de

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