Wirtschaft
Der Brexit lastet auf der britischen Wirtschaft.
Der Brexit lastet auf der britischen Wirtschaft.(Foto: AP)
Montag, 10. Juli 2017

Die Stimmung wird schlechter: Brexit setzt Großbritannien zu

Von Jan Gänger

Nach dem Brexit-Votum schien die britische Wirtschaft die Entscheidung gut zu verkraften - entgegen den düsteren Prophezeiungen vieler Ökonomen. Doch nun sieht es so aus, als würden sich deren Befürchtungen bewahrheiten.

Wie geht es der britischen Wirtschaft ein Jahr nach dem Brexit-Votum? Ihr Zustand verschlechtert sich: Der nahende EU-Austritt sorgt bei vielen Verbrauchern für Zurückhaltung, die Löhne sinken, es wird so wenig gespart wie seit Jahrzehnten nicht - und das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich.

Aktuelle Daten bestätigen das Bild. Da ist zunächst der "BDO Output Index", der zu Wochenbeginn veröffentlicht wurde. Der Name klingt sperrig, ist aber schnell erklärt: Der Index zeigt, wie die Unternehmen ihre Auftragslage einschätzen - genauer gesagt, wie sie sich in den kommenden drei Monaten wohl entwickeln wird. Und dieser Index fiel im Juni auf den tiefsten Stand seit vier Jahren, er liegt nun bei 94,9 Punkten. Damit ist er unter die Schwelle von 95 Punkten gefallen und hat damit das Niveau erreicht, ab dem ein Rückgang angezeigt wird.

Das passt zu den Einkaufsmanagerindizes, die vergangene Woche veröffentlicht worden sind. Vorneweg: Diese Indizes sind ein viel beachtetes Konjunkturbarometer für die gesamtwirtschaftliche Lage. Für die Ermittlung werden Manager, die für ihre Unternehmen im Einkauf tätig sind, zur aktuellen Geschäftslage ihrer Betriebe befragt. Über der Schwelle von 50 Zählern wird Wachstum signalisiert.

Die jüngsten Daten zeigen, dass die britische Wirtschaft weiter an Schwung verliert: Der Index für den Dienstleistungsbereich fiel im Juni auf 53,4 Punkte - damit lag er deutlich niedriger als im Monat zuvor und schlechter als im Vorfeld erwartet. Das ist vor allem deshalb ein Problem, weil der Service-Bereich für 75 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts steht. "Das unterstreicht, dass sich Unternehmen zunehmend Hard-Brexit-Sorgen machen", sagte ein Händler nach Veröffentlichung.

Auch der Einkaufsmanagerindex für die Industrie schwächte sich ab und sank im Juni überraschend. Der Index fiel auf 54,3 Punkte von 56,3 im Vormonat, wie das Institut IHS Markit berichtete. "Das verarbeitende Gewerbe zeigt Zeichen der Schwäche, da es Sorgen gibt nach der Parlamentswahl und dem Start der Brexit-Gespräche", sagte Duncan Brock, Analyst beim Chartered Institute of Procurement & Supply. "Eine Abschwächung der Orders deutet auf ein gewisses Zögern bei neuen Projekten in Großbritannien hin."

"Doppelter Druck"

Zugleich sinkt die Industrieproduktion, sie war im Mai überraschend gegenüber dem Vormonat um 0,1 Prozent gefallen, während Ökonomen mit einer Zunahme gerechnet hatten. Auch gegenüber dem Vorjahr wurde ein Rückgang um 0,2 Prozent vermeldet, während hier ein Plus in gleichem Umfang erwartet worden war.

Das deutet auf eine weitere Abschwächung der Wirtschaft hin: In den ersten drei Monaten des Jahres war die britische Wirtschaft im Vergleich zum Vorquartal nur noch um 0,2 Prozent gewachsen. Ende 2016 hatte das Bruttoinlandsprodukt noch um 0,7 Prozent zugelegt.

Derweil nimmt die Stimmung der Verbraucher ab. Der entsprechende vom Marktforschungsinstitut GfK ermittelte Indikator fiel im Juni um 5 auf minus 10 Punkte. Niedriger war der Indikator mit minus 12 Punkten zuletzt kurzzeitig im Juli 2016, also in dem Monat nach dem Brexit-Votum. Seither hatte sich die Stimmung zunächst wieder deutlich erholt. "Der doppelte Druck durch steigende Preise und träges Lohnwachstum belastet die finanzielle Situation der Haushalte und verstärkt die weitverbreitete Furcht vor einer wirtschaftlichen Schwäche infolge des Brexits", sagte GfK-Forscher Joe Staton.

Das heißt: Die britischen Verbraucher geben weniger Geld aus. Dem im Auftrag von Visa vom Markit Institut am Montag veröffentlichten Konsum-Index zufolge gaben die britischen Haushalte zwischen April und Juni 0,3 Prozent weniger aus als ein Jahr zuvor - das ist der größte Rückgang seit dem dritten Quartal 2013. "Die Inflation hat begonnen, das Einkaufsverhalten zu beeinflussen. Die Verbraucher fangen an, Ausgaben auf lebensnotwendige Güter zu konzentrieren", sagt der für das Großbritannien-Geschäft verantwortliche Visa-Manager Kevin Jenkins. "Die Ausgaben für Essen und Trinken sind um fast 2 Prozent gestiegen, während Haushaltsartikel einen substantiellen Rückgang verzeichnen, weil Verbraucher etwa auf die Anschaffung von neuen Möbeln verzichten."

Inflation steigt

Die Zahlen sind ein weiterer Hinweis darauf, dass britische Verbraucher zögerlicher werden, größere Ausgaben zu tätigen. Im Juni waren die Neuwagenverkäufe zum dritten Mal in Folge gefallen. Außerdem sieht es derzeit so aus, als würde sich die Nachfrage auf dem Häusermarkt etwas abkühlen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Löhne langsamer steigen als die Inflation. Sie lag im Mai bei 2,9 Prozent und damit so hoch wie seit Juni 2013 nicht mehr. Ein wesentlicher Grund dafür ist der Kursverfall des britischen Pfunds infolge des Brexit-Votums, der importierte Güter in Großbritannien verteuert. Die britischen Reallöhne sind im ersten Quartal zum dritten Mal in Folge gesunken, was es den Statistikern zufolge seit 40 Jahren nicht mehr gegeben hat.

Das führt inzwischen dazu, dass die Briten immer weniger sparen. Sie haben im ersten Quartal mit nur 1,7 Prozent den niedrigsten Anteil ihres Einkommens zurückgelegt, der seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1963 gemessen wurde, wie die Statistiker mitteilten. Dabei hätten allerdings auch Steuererhöhungen eine Rolle gespielt.

Zugleich leihen sich die Briten weniger Geld. In Großbritannien stiegen die Verbraucherkredite so schwach wie seit Oktober 2015 nicht mehr. Dies ist ein weiterer Hinweis dafür, dass die Bevölkerung die Folgen des Brexit-Votums zunehmend zu spüren bekommt. Dem britischen Bankenverband BBA zufolge stiegen die Verbraucherkredite im Mai nur um 5,1 Prozent, nach einem Plus von 6,4 Prozent im April.

Der Brexit soll 2019 über die Bühne gehen, die Verhandlungen dazu haben jüngst begonnen.

Quelle: n-tv.de

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