Wirtschaft
Ausverkauf am Wirtschaftsstandort Großbritannien?
Ausverkauf am Wirtschaftsstandort Großbritannien?(Foto: dpa)

Von BMW bis Aldi: Brexit trifft die Deutschland AG

Kunden, Mitarbeiter, Werke - deutsche Konzerne haben enge Beziehungen nach Großbritannien. Der EU-Austritt der zweitgrößten Wirtschaftsmacht wird BMW, Daimler & Co unterschiedlich hart treffen.

Wie wird der Brexit die deutsche Konzernlandschaft verändern? Das werden die Verhandlungen ergeben, die Großbritannien nun in der zweijährigen Übergangszeit mit der EU führen wird. Unmittelbare Folgen haben die Unternehmen in Deutschland nach dem Brexit nicht zu befürchten, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Die Märkte blieben offen und während der Austrittsverhandlungen ändere sich "für die Unternehmen erst einmal nichts". Großbritannien bleibe vollwertiges Mitglied des EU-Binnenmarktes und unterliege weiter dem EU-Recht. Zudem habe sich die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren sehr robust gegenüber außenwirtschaftlichen Einflüssen gezeigt. "Wir schätzen die Auswirkungen als verkraftbar ein", sagte eine Sprecherin des Ministeriums.

Zölle, Personal, Abschreibungen

Auf Unternehmen könnten allerdings künftig Zölle auf Waren zukommen, auch der Austausch des Personals zwischen den Standorten könnte schwieriger werden, weil die Regeln für die Freizügigkeit der Arbeitnehmer nicht mehr gelten. Durch den Kursverfall des Pfunds kommen zudem Abschreibungen auf die deutschen Konzerne zu: Auf der Insel sind ihre Werke, Maschinen oder Firmenanteile auf einen Schlag weniger wert.

Und wie sieht es bei den einzelnen Unternehmen und Branchen aus? Ein Überblick über die größten Sorgen der mit Großbritannien verbundenen Konzerne:  

Deutsche Börse und die geplatzte Fusion

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Die größten unmittelbaren Auswirkungen dürfte der Ausstieg der Briten aus der EU auf die geplante Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE) haben. Das Ansinnen, das fusionierte Unternehmen in London anzusiedeln, wird Insidern zufolge von der hessischen Börsenaufsicht nach dem Brexit-Votum noch kritischer gesehen. Die Behörde kann die Fusion blockieren.

Beide Unternehmen betonten aber, trotz des Brexit ihren 25 Milliarden Euro schweren Zusammenschluss durchziehen zu wollen. Mehr dazu hier.

Deutsche Bank sieht sich gewappnet

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Die Deutsche Bank beschäftigt in Großbritannien mehr als 8000 Mitarbeiter, darunter viele Investmentbanker. Es hat schon vor einiger Zeit eine Expertengruppe eingerichtet, die Reaktionen auf einen Brexit durchspielt. Das Institut könnte bei Bedarf etwa Handelsgeschäfte von London nach Frankfurt verlagern, hatte Vorstandschef John Cryan vor dem Votum angekündigt.

"Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern", erklärte er. Die Konsequenzen des Brexit ließen sich noch nicht vollständig absehen. "Sie werden aber für alle Seiten negativ sein."

Trotz der beruhigenden Worte Cryans brach die Aktie der Deutschen Bank zeitweise um 17 Prozent ein.

Daimler gelassen, BMW wartet ab

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Der Austritt Großbritannien aus der EU wird aus Sicht von Hochschulprofessor Stefan Bratzel "merkliche negative Folgen" für die Automobilindustrie haben. Am stärksten seien die Hersteller und Zulieferer betroffen, die vor Ort hohe Produktionskapazitäten hätten, schreibt der Professor für Automobilwirtschaft am Center für Automotive Management (CAM) an der Hochschule Bergisch-Gladbach.

Das trifft etwa auf BMW zu. Für den Autobauer ist Großbritannien das einzige Land, in dem alle drei Marken - BMW, Mini und Rolls-Royce - mit Werken vertreten sind. Prognosen über die Brexit-Folgen will BMW zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht abgeben: "Bevor die neuen Rahmenbedingungen nicht im Detail definiert sind, können wir uns zu konkreten Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien nicht äußern."

Bei Konkurrent Daimler gibt man sich gelassen: "Was Daimler betrifft, erwarten wir keine unmittelbaren Auswirkungen", meint Konzernchef Dieter Zetsche. Dennoch zeigte sich der Vorstandschef enttäuscht über das Votum im Vereinigten Königreich: "Das ist kein guter Tag für Europa - und aus meiner Sicht erst recht nicht für Großbritannien." Es sei wichtig, dass sich Europa "nicht weiter auseinanderdividieren" lasse. Verkaufszahlen für Großbritannien gibt Daimler nicht bekannt, das Land ist nach Firmenangaben aber ein wichtiger Absatzmarkt in Europa für Pkw, Lkw und Vans.

Den stärksten Negativeffekt wird es nach Ansicht von Professor Bratzel für die britische Automobilindustrie und deren Arbeitsplätze selbst geben. Denn der Standort ist außerhalb der EU unattraktiver und vermutlich mit höheren Kosten verbunden.  Auch der Ausgang der Kooperationsverträge sei nach heutigem Stand völlig offen. Aktuell werde bereits jeder Hersteller und Zulieferer seine Investitionen überdenken. "Der Brexit wird so insgesamt zu einem schleichenden Exit der Automobilindustrie von der Insel führen."

Bei Robert Bosch gibt es allerdings aktuell keine Pläne, die Investitionen in Großbritannien zurückzufahren. Für den weltgrößten Autozulieferer ist Großbritannien nach Deutschland der zweitgrößte europäische Markt mit sieben Produktionsstandorten und 5300 Mitarbeitern.

Deutsche Post hat auf Großbritannien gesetzt

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Die Deutsche Post hat in der Vergangenheit kräftig in dem Land zugekauft - 2005 übernahm der Konzern den Logistiker Exel mit rund 10.500 Beschäftigten für über fünf Milliarden Euro. Ein Jahr später folgte der Brief- und Dokumenten-Dienstleister Williams Lea mit Sitz in London mit 6500 Mitarbeitern. Die Post betreibt zudem Verteilzentren am Frachtflughafen East Midlands sowie am Flughafen Heathrow nahe London. Erst 2014 investierte sie rund 120 Millionen Pfund in den Ausbau der beiden Standorte. Auch Niederlassungen in Manchester, Croydon und Sheffield wurden erweitert. Die Post liefert unter anderem Medikamente für die Drogeriekette Boots oder Autoteile für Volvo aus.

Werden die Zukäufe jetzt bereut? Soweit lässt sich der Konzern nicht in die Karten schauen. "Wir werden die Lage angesichts der Brexit-Entscheidung noch einmal prüfen", sagte Post-Chef Frank Appel lediglich.

Deutsche Bahn war Brexit-Gegner

Die Bahn hat 33.000 Mitarbeiter in Großbritannien, mehr als zehn Prozent ihrer Beschäftigten. Sie arbeiten vor allem beim Nahverkehrsbetreiber Arriva, den die Bahn 2010 kaufte und in dem sie die gesamten internationalen Aktivitäten im Regionalverkehr gebündelt hat. Im nächsten Jahr soll die profitable Tochter mit einem Minderheitsanteil privatisiert werden – möglicherweise über einen Börsengang in London, wo der Konzern schon mal gelistet war.

Auch deswegen beurteilte Bahnchef Rüdiger Grube einen Brexit schon vor dem Votum kritisch: "Ein Ausstieg der Briten aus der EU hätte eindeutig negative wirtschaftliche Konsequenzen für unsere Tochtergesellschaften", warnte er in einem Interview.

Eon/RWE mit gemischten Gefühlen

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Für die Versorger Eon und RWE gehört Großbritannien mit diversen Kraftwerken, Windrädern, Tausenden Mitarbeitern und Millionen Strom- und Gaskunden zu den wichtigsten Auslandsmärkten. RWE kämpft in dem Land bereits mit Verlusten - der Essener Konzern ist dort unter anderem mit der Tochter nPower vertreten und beschäftigt über 9000 Mitarbeiter. Wegen dieses Engagements vor Ort seien die ökonomischen Einflüsse eines Brexit auf das RWE-Geschäft gut beherrschbar, sagte Konzernchef Peter Terium. "Sollte es zu Handelshürden kommen, würden uns diese wohl nur am Rande treffen."

Auch Eon erwartet durch den Brexit kaum negative Folgen. Das Geschäft in Großbritannien sei ein regionales. Die Entwicklung des Pfundes sei zwar ein Risiko. "Anderseits haben wir Schulden in Pfund. Das wirkt ausgleichend." Eon hat Pfund-Anleihen im Wert von 4,7 Milliarden Euro ausgegeben, RWE sogar von 6,4 Milliarden Euro.

Fluglinien doppelt betroffen

Die Lufthansa erzielt im Großbritannien-Geschäft fünf Prozent ihres Umsatzes. Deshalb seien die Auswirkungen des Brexit für den größten europäischen Luftfahrtkonzern beherrschbar, sagte Vorstandschef Carsten Spohr. Dennoch sind Fluglinien Experten zufolge vom Brexit doppelt betroffen: Ab sofort dürften auf der Insel wegen des schwächeren Pfunds und der wirtschaftlichen Unsicherheiten weniger Leute ins Flugzeug steigen. Zudem müssen sich britische Airlines langfristig um den Zugang zum europäischen Markt sorgen.

Bislang konnten Easyjet und British Airways nämlich dank der EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs alle EU-Märkte anfliegen. Der Vorteil fällt weg, wenn der Austritt vollzogen wird. Ryanair hatte vor dem Votum damit gedroht, bei einem Brexit Investitionen in Großbritannien zurückzufahren.

Siemens traditionell britisch

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Siemens macht seit fast 170 Jahren Geschäfte in Großbritannien. Der Münchener Konzern liefert Energietechnik auf die Insel und baut zahlreiche Windparks vor ihrer Küste. In Nordost-England vollendet der Konzern derzeit eine Fabrik für Windkrafttechnik mit geplanten 1000 Mitarbeitern.

Für Aussagen über Auswirkungen des Brexit-Votums sei es noch zu früh, sagte Vorstandschef Joe Kaeser in einer ersten Reaktion. Nun müsse man "kühlen Kopf" bewahren und die Dinge sorgfältig analysieren. In einem Brief hatte sich Siemens vor dem Referendum an seine 14.000 Mitarbeiter gewandt: "Falls Großbritannien die EU verließe, würde Siemens seine Geschäftsaktivitäten dort nicht beenden. Ein Austritt könnte aber bei zukünftigen Investitionsentscheidungen eine Rolle spielen."

Deutsche Telekom hält britische Beteiligungen

Der Bonner Konzern hält nach seinem Ausstieg aus dem britischen Mobilfunkmarkt Anfang des Jahres noch einen Anteil von zwölf Prozent am größten britischen Telekom-Konzern BT. Diese Beteiligung sei weiter strategisch, erklärte die Telekom nach der Brexit-Entscheidung. Dividendenzahlungen von BT würden gegen Wechselkursschwankungen gesichert. "Kurzfristige Schwankungen des Wertes unserer Beteiligung an BT belasten das Konzernergebnis nicht, sondern werden im Eigenkapital erfasst."

Profitieren Aldi und Lidl?

Der Brexit trifft auch den Einzelhandel. Durch den Kursverfall des Pfund schwächt sich die Kaufkraft der britischen Verbraucher ab. Experten erwarten, dass der Trend in Großbritannien nun nach und nach zu britischen Produkten geht oder solchen, zu denen die Briten zollfrei Zugang hätten.

Deutsche Konsumprodukte verteuern sich dagegen. Die Discounter Aldi und Lidl, die seit den 90er Jahren den britischen Markt mit einem harten Preiskampf aufmischen, könnten neben den heimischen Produkten jedoch von der geringeren Kaufkraft der britischen Verbraucher profitieren. "Die beiden Unternehmen kaufen ohnehin schon einen beträchtlichen Anteil ihrer in Großbritannien angebotenen Waren auf der Insel selbst ein", sagt Boris Planer, Chef-Ökonom beim Marktforscher Planet Retail. Aldi und Lidl haben inzwischen einen Anteil von rund zehn Prozent am britischen Markt für Lebensmittel-Einzelhandel – Marktführer Tesco kommt auf 28 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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