Wirtschaft
Günter Fielmann.
Günter Fielmann.(Foto: dpa)

"Robin Hood der Fehlsichtigen": Brillenkönig Fielmann wird 75

Eine einfache Idee kann eine ganze Branche grundlegend verändern. Das stellt ein Optiker in den 80er und 90 er Jahren eindrucksvoll unter Beweis. Sein Name: Günter Fielmann.

Die Revolution ereignet sich 1981. Ein Optiker namens Günter Fielmann rüttelt erst die verschnarchte Branche in Deutschland wach und schafft dann aus dem Nichts ein regelrechtes Brillen-Imperium. Das gelingt dem Unternehmer, indem er eine im Grunde simple Idee umsetzt: Er lässt qualitativ hochwertige Brillen in großen Stückzahlen produzieren und verkauft diese billiger als die Konkurrenz.

Heute wird Fielmann 75 Jahre alt und auf eine regelrechte Erfolgsgeschichte zurück. Hinter ihr stehen nicht nur viel Arbeit und die Gefahr, zu scheitern. Sondern auch ein Deal, der zunächst recht langweilig klingt. Fielmann handelt mit der AOK in Essen einen Vertrag aus, bei dem es um den Verkauf modischer Kassenbrillen auf Rezept geht. Was darauf folgt, ist allerdings überaus beeindruckend.

Das liegt vor allem daran, dass Fielmann mit den Millionen Kassenpatienten eine riesige Zielgruppe im Visier hat. Sie bekommen ihre Brille auf Rezept - und damit kostenlos. Ihr Problem dabei: Unmodische Standard-Kassenmodelle sehen in der Regel - freundlich ausgedrückt - nicht so toll aus. Bei dieser billigen Grundversorgung setzt Fielmann an. AOK-Versicherte können plötzlich zwischen 90 zeitgemäßen Brillentypen wählen. Zum Nulltarif.

Was heute selbstverständlich ist, war damals eine radikale Zeitenwende. Wer bis dahin eine attraktive Brille wollte, hatte dafür viel Geld auf den Tisch zu legen. Oder wie es Fielmann ausdrückte: "Bis dahin musste jeder Brillenträger den Nachweis seines geringen Einkommens auf der Nase tragen." Traditionelle Optiker konnten es sich leisten, die Bedürfnisse von Kassenpatienten geflissentlich zu ignorieren. Denn mit den schickeren Nicht-Kassenmodellen erzielten sie satte Traummargen von bis zu 30 Prozent.  

Das änderte sich, als Fielmann kam und sein Unternehmen verkündete, es habe die "Diskriminierung per Sozialproteste" beendet.  In der Branche machte er sich damit allerdings keine Freunde. Im Gegenteil, manche Optiker waren ihm in herzlicher Abneigung verbunden. Sie warfen ihm Preisdumping vor und verspotteten ihn als "Robin Hood der Fehlsichtigen." Gestört habe ihn das nicht, sagte der im geschäftlichen Umgang bisweilen als ruppig beschriebene Unternehmer einmal. "Ich habe diese Attacken als etwas Positives erlebt. Der Widerstand zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Wege war."

Das war er tatsächlich. Seine Grundidee zahlte sich aus: Die Kostenvorteile einer auf große Umsatzmengen abzielenden Strategie waren trotz des Verzichts auf einen Teil der üblichen hohen Gewinnmargen so groß, dass sich ein dauerhaft überlegenes Unternehmen aufbauen ließ. In der Folge setzte Fielmann auf weitere werbewirksame Innovationen, etwa eine Geld-zurück-Garantie, wenn ein Kunde dieselbe Brille woanders zu einem günstigeren Preis finden sollte.

"Ritt über den Bodensee"

Mehr als drei Jahrzehnte später hat sich Fielmanns Firma zum börsennotierten Branchen-Schwergewicht mit rund 680 Filialen und einem Umsatz von 1,35 Milliarden Euro entwickelt. In nahezu jeder deutschen Fußgängerzone findet sich eine Filiale seiner Optik-Kette. Allein in Deutschland sind es ungefähr 580, dazu 100 Geschäfte im Ausland. Jede zweite Brille in Deutschland wird von Fielmann verkauft, 90 Prozent der Bevölkerung kennen das Unternehmen. Millionen Kunden tragen seine Produkte, mehr als 16.000 Mitarbeiter arbeiten für Fielmann.

Die Anfänge waren bescheiden. Der 1939 in dem schleswig-holsteinischen 300-Seelen-Dorf Sarstedt bei Rendsburg geborene Fielmann absolvierte eine Optiker-Lehre. Eigentlich wollte Fielmann Fotograf werden, doch sein Vater war dagegen. Nach dem Berufsstart als  Angestellter eröffnete Fielmann 1972 im Alter von 33 Jahren im niedersächsischen Cuxhaven sein erstes Geschäft. Nach dem Deal mit der AOK ging es dann steil bergauf.

In Kiel eröffnet Fielmann 1982 sein erstes Super-Center, ein Optik-Fachgeschäft neuer Dimension mit 7000 Brillen. In den achtziger Jahren erreicht die Fielmann-Kette eine Größe, in der nicht mehr jede große Neueröffnung den Bestand des Unternehmens bedrohte. "In der Anfangsphase war es immer das gleiche Spiel. Wir ritten einmal über den Bodensee und zurück", sagte Fielmann einst. "Wir haben immer wieder alles riskiert." Es folgt der Börsengang 1994 und die Expansion ins Ausland, die allerdings immer verhalten blieb und sich vor allem auf die Schweiz und Österreich fokussierte.

Zeitweise hatte Fielmann größere Pläne in Europa, doch noch sieht er die Expansion in Deutschland nicht abgeschlossen. Zudem ist Fielmann vorsichtiger als in den Anfangsjahren. Das Unternehmen ist schuldenfrei, hoch liquide und zu mehr als 70 Prozent in Familienbesitz. Längst ist Fielmann nicht nur Händler und Handwerker, sondern auch Produzent von Brillen mit einem Produktionszentrum im brandenburgischen Rathenow. Als Ziel formuliert Fielmann, deutschlandweit je 100.000 Einwohner eine Niederlassung zu betreiben; da fehlen noch ungefähr 200.

Im Ferrari unterwegs

Bis heute ist Fielmann Vorstandschef und Mehrheitsaktionär. Zugleich ist er Mäzen mit großem Interesse an Naturschutz. "Es gibt auch eine Welt neben der Augenoptik", sagte er einmal der "Welt am Sonntag". Er kaufte drei Landgüter in Schleswig-Holstein, auf denen ökologische Produkte erzeugt und alte Haustierrassen gezüchtet werden. Außerdem spendet der seiner norddeutschen Heimat verbundene Unternehmer jedes Jahr für jeden Mitarbeiter einen Baum. Fielmann spendet viel, für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie für Umweltschutz. Außerdem unterstützt er Sportvereine, Museen und Archive und ließ historische Bauten wie das Plöner Schloss restaurieren.

Wann und wie sich der zweifache Vater eines Tages von der Unternehmensspitze zurückziehen könnte, gilt bislang als offen. "Mit meinen Kindern habe ich großes Glück", sagte Fielmann dem Journalisten Harald Czycholl, der ein Buch über den Brillenkönig veröffentlichte. Seit Jahren bereitet er seinen 1989 geborenen Sohn Marc und seine fünf Jahre jüngere Tochter Sophie-Luise auf mehr Verantwortung in der Firma vor. Vor allem Marc, der bereits als Manager bei Fielmann arbeitet, gilt als potenzieller Nachfolger. Anzeichen eines bevorstehenden Stabwechsels aber gibt es nicht.

"Das Leben auf dem Land hat mich geprägt", sagte Fielmann. "Schon als Kind träumte ich von einem eigenen Bauernhof." Und wie passt dazu sein kleiner Ferrari-Fuhrpark? "Ein wenig Unvernunft steht jedem Menschen zu. Es ist einfach schön, in einem Ferrari schnell zu fahren."

Quelle: n-tv.de

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