Branche nervösBund sieht keine Probleme
Die Belastungsprobe im europäischen Bankensektor hält die Branche in Atem: Wenige Stunden vor Veröffentlichung der Ergebnisse überschlagen sich am Markt die Spekulationen. Im deutschen Finanzministerium gibt man sich dagegen betont gelassen.
Die europäische Bankenbranche steuert unaufhaltsam auf ihr wohl wichtigste Einzelereignis des laufenden Jahres zu: Offiziell ab 18.00 Uhr (MESZ) veröffentlichen die europäischen Bankenregulierer in Abstimmung mit den nationalen Aufsichtsbehörden und den betroffenen Instituten die Ergebnisse des Banken-Stresstests. Dabei werden die Auswirkungen eines Konjunktureinbruchs und eines Kursverfalls bei Staatsanleihen auf die Bankbilanzen geprüft.
Das Bundesfinanzministerium (BMF) rechnet eigenen Angaben zufolge nicht damit, nach der Veröffentlichung der Ergebnisse für die deutschen Banken aktiv werden zu müssen. "Wir rechnen nicht damit, dass wir dort einen Handlungsbedarf für uns feststellen", sagte BMF-Sprecher Michael Offer. "Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Erwartung, die wir mit den Zielen des Stresstests verbunden haben, also ein Vertrauen und eine Beruhigung in den Märkten, einkehren wird und insofern das Vertrauen auch zurückkehren kann", erklärte Offer weiter.
Zu Gerüchten, dass einzelne Landesbanken den Stresstest bestanden haben, wollte sich Offer mit Verweis auf die Veröffentlichung der Ergebnisse durch die europäischen Bankenaufseher, die deutsche Finanzaufsicht Bafin und die Bundesbank am Abend nicht äußern. In erster Linie werde die Kommunikation von der CEBS, der Marktseite und durch die betroffenen Banken selbst erfolgen, sagte Offer.
Europaweit haben an dem Belastungstest 91 Banken teilgenommen - davon 14 aus Deutschland. Finanzkreisen zufolge dürften in Deutschland alle Banken bis auf den Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate den Test bestehen. Der Test gilt als bestanden, wenn die Kernkapitalquote einer Bank in den Szenarien nicht unter sechs Prozent rutscht.
Hochspannung in den Chefetagen
Finanzmarktprofis rechneten bei dem großangelegten Test einer Umfrage zufolge mit einer niedrigen Durchfallquote. Zehn der 91 getesteten Institute dürften den Test nach Einschätzung der 376 befragten Finanzexperten nicht bestehen, ging aus einer Befragung im Auftrag der US-Großbank Goldman Sachs hervor.
In der Folge der Tests müssten die Banken knapp 38 Mrd. Euro an frischem Kapital aufnehmen, lautet die durchschnittliche Erwartung der Investoren. Betroffen dürften demnach vor allem Banken in Spanien, Griechenland und Deutschland sein. Goldman hatte Investoren aus Europa, den USA und Asien bis 24 Stunden vor der Veröffentlichung der Tests befragt.
Die deutschen Privatbanken erwarten durch die Ergebnisse des europäischen Stresstests ein positives Signal für Branche und Märkte. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Manfred Weber, sagte im Deutschlandfunk, er sei zuversichtlich, dass die heimischen Institute bei der Belastungsprobe "insgesamt gut" abschneiden werden. Auch das europäische Bankensystem werde besser abschneiden als von vielen erwartet. "Wir sind auf gutem Weg, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen", sagte Weber.
Entzündungsherde in Spanien
Weber wies zugleich Vorwürfe zurück, der Test sei zu lasch ausgefallen. Von einer "weich gespülten" Belastungsprobe könne nicht die Rede sein. Wenn Banken den Test bestehen, hätten sie tatsächlich genügend Kapital, um schwierige Situationen zu überstehen. Weber äußerte sich überzeugt, dass der Stresstest ein "beruhigender Beitrag" für die Finanzmärkte sein werde. Zu den Gerüchten um ein etwaiges Versagen der Hypo Real Estate wollte Weber sich nicht äußern. "Berichte zu einzelnen Häusern will ich nicht weiter kommentieren", sagte er.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vor wenigen Tagen gesagt, ein Scheitern der verstaatlichten Hypo Real Estate sei "plausibel". Daneben galten die sieben deutschen Landesbanken in Branchenkreisen als weitere Wackelkandidaten.
Abgesehen vom Abschneiden der deutschen Geldhäuser kreisten die Gespräche am Markt jedoch mehr um die Lage in Südeuropa. So haben zum Beispiel in Spanien einem Zeitungsbericht zufolge gleich mehrere Sparkassen den Banken-Stresstest nicht bestanden. Eine kleine Gruppe der 18 Sparkassen des Landes bräuchte mehr Kapital, sollten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern, berichtete die Zeitung "El Pais" unter Berufung auf Finanzkreise. Darunter seien auch Institute, die vom spanischen Staatsfonds (FROB) bereits Mittel erhalten hätten.
Crash-Experte wiegelt ab
Der Finanzexperte Max Otte, unter anderem Autor des Buches "Der Crash kommt", erwartet beim Banken-Stresstest wenig Probleme für deutsche Geldinstitute. Knapp werden könne es zwar für die beiden Landesbanken HSH Nordbank und Helaba, sagte der Leiter des Instituts für Vermögensentwicklung im Deutschlandradio Kultur. Er denke aber, beide Institute könnten die Tests bestehen. Die Schwierigkeiten liegen auch nach Ansicht Ottes eher in Spanien und Griechenland.
Otte lobte den Stresstest als Möglichkeit, Schwierigkeiten in der Finanzbranche transparenter darzustellen und messbar zu machen. Er hob hervor, dass auf diese Weise deutlich werde, wie hoch der Eigenkapitalanteil der Banken liege - denn davon hätten die meisten Banken seiner Ansicht nach zu wenig.