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Kein guter Zeitpunkt zum Stühlerücken: In schwierigen Flugphasen bleiben Crew und Passagiere besser angeschnallt.
Kein guter Zeitpunkt zum Stühlerücken: In schwierigen Flugphasen bleiben Crew und Passagiere besser angeschnallt.(Foto: REUTERS)

"Das wirft viele Fragen auf": Schweizer rauben Lufthansa-Chef

Ein Pharmakonzern aus der Schweiz wirbt der Lufthansa die zentrale Führungsfigur ab: Mitten im Flug wechselt Christoph Franz von Frankfurt nach Basel. Analysten sprechen von einem "schweren Schlag für die Fluggesellschaft". Der Aktienkurs schlingert. Hektisch werden die Namen möglicher Nachfolger gehandelt.

Überraschender Karriereschritt: Christoph Franz rückt womöglich schon bald an die Spitze des Verwaltungsrats bei Roche auf.
Überraschender Karriereschritt: Christoph Franz rückt womöglich schon bald an die Spitze des Verwaltungsrats bei Roche auf.(Foto: dpa)

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass ein Branchenschwergewicht dem anderen auf diese Weise den Chef aus dem laufenden Betrieb heraus abzieht: Im Fall der Deutschen Lufthansa - einer der größten Fluggesellschaften Europas und Marktführer in Deutschland - wechselt Konzernchef Christoph Franz zu Roche, dem Schweizer Pharmariesen mit Sitz in Basel. Dort soll Franz bereits im kommenden Frühjahr an die Spitze des Verwaltungsrats aufsteigen. Seine Wahl in das einflussreiche Gremium gilt als sicher. Die Aussicht auf den neuen Posten genügte Franz, um bei der Lufthansa den Chefsessel zu räumen.

"Christoph Franz, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Lufthansa AG, hat den Aufsichtsratsvorsitzenden des Unternehmens, Wolfgang Mayrhuber, heute darüber unterrichtet, dass er für die in Kürze anstehende Verlängerung seines Vertrages nicht zur Verfügung steht", teilte die Fluggesellschaft zu Wochenbeginn in trockenen Worten mit. Franz' Vertrag in Frankfurt läuft am 31. Mai 2014 aus und wird nach Angaben der Lufthansa auch nicht verlängert.

An der Börse schlägt die überraschend aufklaffende Personallücke an der Lufthansa-Spitze hohe Wellen: Die im Dax notierten Lufthansa-Aktien rutschten nach anfänglichen Kursgewinnen zeitweise ins Minus. Der Wechsel von Franz zu Roche sei "ein schwerer Schlag für die Fluggesellschaft", erklärte Equinet-Analyst Jochen Rothenbacher. Franz sei der Vordenker der Restrukturierung und Neuordnung der Lufthansa. Er habe nicht nur das 1,5 Milliarden Euro schwere Sparprogramm "Score", sondern auch die Integration der innereuropäischen Flugverbindungen in die Billigflugtochter Germanwings auf den Weg gebracht.

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DZ-Bank-Analyst Dirk Schlamp sprach von einer "großen Überraschung". Branchenkennern zufolge steht Franz hinter etlichen personellen Wechseln im mittleren Management des Konzerns. Auf diese Weise habe er Expertise von außen ins Unternehmen geholt und eine größere Zahl von Frauen in Führungspositionen gebracht. Dazu zählten zum Beispiel die Finanzchefin Simone Menne und die Personalchefin Bettina Volkens. Der schnelle Umbruch an der Spitze dürfte erhebliche Unruhe in den Konzern tragen.

Franz selbst ließ sich dagegen mit den Worten zitieren, mit dem "Zukunftsprogramm Score und wichtigen Investitionsentscheidungen" seien die "Grundlagen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung" des Konzerns gelegt. "Dies ist ein passender Zeitpunkt für einen Führungswechsel."

"Diese Entscheidung ist mir nach insgesamt knapp 15 Jahren in der Lufthansa Group alles andere als leicht gefallen", schreibt Franz in einer Lufthansa-Mitteilung. "Aus beruflichen Gründen habe ich mich entschlossen, meine Tätigkeit für die Lufthansa Group nach Erfüllung meines Vertrages im Mai 2014 zu beenden."

Spohr, Hohmeister oder jemand von außen?

Die Spekulationen um die Neubesetzung des Chefsessels laufen unterdessen bereits auf Hochtouren. "Wenn Christoph Franz geht, dann ist Carsten Spohr der wahrscheinlichste Nachfolger", sagte Rothenbacher. Dieser habe den harten Kurs von Franz bei der Restrukturierung unterstützt. Allerdings sei nicht sicher, dass Spohr, der sich bei Lufthansa nach oben gearbeitet habe, in ähnlicher Weise wie Franz Personal von außen rekrutiere.

Der 45-Jahre alte Spohr ist seit mehr als zwei Jahren für das Passagiergeschäft der Lufthansa verantwortlich und Mitglied des fünfköpfigen Konzernvorstandes. Erst im März hatte der Aufsichtsrat Spohrs Vertrags für weitere fünf Jahre verlängert. Neben Spohr wird auch Harry Hohmeister, Chef der Lufthansa-Tochter Swiss, als möglicher Kandidat für die Nachfolge von Franz gehandelt.

"Fundamental gesehen ist die Nachricht, dass Christoph Franz das Unternehmen verlässt, nichts Gutes", kommentierte ein Beobachter die Entwicklung aus der Sicht des Aktienmarkts. "Das wirft viele Fragen auf, so zum Beispiel, ob das derzeitige Sparprogramm auch unter einem neuen Chef auf der Agenda bleiben wird." Auch für DZ-Bank-Analyst Dirk Schlamp kommt der Chefwechsel zum falschen Zeitpunkt. Das Unternehmen befinde sich gerade mitten in einem Restrukturierungsprogramm, schrieb er in einer aktuellen Kurzstudie zur Lage der Lufthansa.

Neue Maschinen für die Flotte?

Auch bei Lufthansa selbst ist man offensichtlich unglücklich mit dem Wechsel. Klar sei, dass die Chef-Personalie auf der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch Thema werde, hieß aus dem Inneren des Konzerns. Auf dieser Sitzung sollte nach früheren Aussagen aus Branchen- und Unternehmenskreisen eigentlich ein Großauftrag zur Modernisierung der Flugzeug-Flotte beschlossen werden.

Solche Order erreichen aufgrund der Stückpreise der Maschinen schnell an die Milliardengrenze heran. Die langfristig ausgelegte Planung macht solche Flotten-Entscheidungen zu wichtigen Weichenstellungen, die den Erfolg oder Misserfolg einer Fluggesellschaft auf Jahren beeinflussen können.

Für Lufthansa-Anleger sind Personalquerelen an der Spitze der Fluggesellschaft alles andere als neu: Erst im Mai hatte die Fluggesellschaft unter Aktionären mit einem ungewöhnlichen Personalchaos Unmut unter Aktionären ausgelöst. Kurz vor der Hauptversammlung hatte der langjährige Lufthansa-Chef und Franz-Vorgänger Wolfgang Mayrhuber seinen Rückzug als Kandidat für den Posten eines Aufsichtsratschef zurückgezogen und war schließlich doch vom Chefsessel an die Spitze des Kontrollgremiums vorgerückt.

Letztes Wort bei den Aktionären

Ob Lufthansa-Chef Franz tatsächlich auf dem Chefsessel im Roche-Verwaltungsrats Platz nehmen darf, ist zumindest formell noch offen: Am 4. März soll Franz auf der Aktionärsversammlung des Schweizer Pharmakonzerns als neuer Chef des Aufsichtsgremiums vorgeschlagen werden. Sollten die Anleger ihre Zustimmung verweigern liefe der Karriereschritt des Deutschen vorerst ins Leere.

Der 53-jährige Franz ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender der Lufthansa. In der Schweiz war der Manager ab 2004 tätig, wo er im Auftrag der Lufthansa die Konzerntochter Swiss International Air Lines sanierte. In den vergangenen Tagen hatte es bereits Berichte über einen möglichen Wechsel des bisherigen Lufthansa-Chefs gegeben.

Den Schweizer Pharmakonzern kennt Franz bereits von Innen: Seit 2011 sitzt er im Verwaltungsrat von Roche. Nun soll er in diesem Gremium die Nachfolge von Franz B. Humer antreten, der im Frühjahr 2014 in den Ruhestand gehen will.

Quelle: n-tv.de

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