Wirtschaft
Der chinesische Markt war offenbar noch nicht reif für den Anlegersturm. Jetzt zieht die Herde weiter.
Der chinesische Markt war offenbar noch nicht reif für den Anlegersturm. Jetzt zieht die Herde weiter.(Foto: REUTERS)

Wo Anleger aktuell investieren: China ist das neue Griechenland

Von Jörg Rohmann

Die Anlegerherde zieht sich aus den rohstofflastigen Schwellenländern zurück – und aus China. Davon profitieren die Industrieländer. In Europa ist die Griechenlandkrise abgehakt, spannend wird es in den USA.

Die aktuellen Statistiken führender ETF-Anbieter bringen teils erstaunliche Entwicklungen hervor. Trotz Griechenland- und Chinaturbulenzen erzielten europäische und nordamerikanische Aktien-ETFs zuletzt deutliche Zuwächse. Schwellenländer und Rohstoffe werden dagegen abgestraft.

In der ersten Jahreshälfte konzentrierten sich die Kapitalmarktthemen noch auf das Anleihenkauf-Programm der Europäischen Zentralbank und die Griechenlandfrage. Mit der so gut wie beschlossenen Einigung zu einem dritten Hilfspaket in Höhe von rund 86 Milliarden Euro ist wieder etwas Ruhe ins europäische Haus gekehrt. Nach einer teils heftigen Korrektur seit April haben sich die hiesigen Börsen wieder stabilisiert.

China wirbelt Kapitalmarkt durcheinander

Der Fokus liegt nun auf der ersten Leitzinserhöhung in den USA seit 2006. Die US-Notenbank hat deutlich gemacht, dass sie noch dieses Jahr aktiv werden will. Zunächst bleibt aber offen, ob dies bereits im September oder Dezember geschehen wird. Die Marktteilnehmer positionieren sich bereits für einen stärkeren US-Dollar. Im Zuge dessen verlieren in der Regel Rohstoffe an Wert und das Kapital wird langsam von den Schwellenländern abgezogen und in Richtung westlicher Industrienationen umgeleitet.

Gleichzeitig werden die Konjunkturprobleme in China immer ausgeprägter und lösen Griechenland als Krisenherd ab. Dadurch verschärft sich einerseits der Kapitalabfluss aus rohstofflastigen Schwellenländern wie Indonesien, Brasilien oder Russland. Andererseits fallen die Rohstoffpreise, was diesen Effekt noch verstärkt. Deflatorische Gefahren werden wieder wahrgenommen und eine Renaissance der Anleihen findet statt. Diese neuen Rahmenbedingungen haben erhebliche Auswirkungen auf die Kapitalflüsse. Die Monatszahlen der ETF-Anbieter Lyxor und Amundi legen dies nahe.

Rekordzuflüsse in europäische Aktien-ETFs

Nach Angaben von Lyxor betrugen im Juli die Nettomittelzuflüsse in den europäischen ETF-Markt 7,8 Milliarden Euro nach zuvor 1,5 Milliarden. Insgesamt stieg das durch ETFs verwaltete Vermögen seit Anfang des Jahres um 22 Prozent auf 444 Milliarden Euro Dabei profitieren insbesondere die Industrienationen von der Repatriierung von Kapital aus Schwellenländern. Die Zuflüsse in ETFs dieser Anlageklasse summierten sich auf 6,5 Milliarden Euro, wovon etwa 4,4 Milliarden auf europäische Aktien-ETFs entfielen.

Die große Ausnahme stellen währungsbesicherte britische Aktien-ETFs dar. Sie verloren nach Berechnung von Amundi 246 Millionen Euro. Eine mögliche Erklärung für diese starke Abweichung innerhalb der Industrienationen könnte in der übermäßigen Gewichtung von Rohstoffunternehmen im FTSE 100 Index sein, die durch die Rohstoffbaisse abgestraft werden. Die europäischen Krisenländer sahen geringe Kapitalabflüsse, was der besseren Situation in Griechenland geschuldet sein dürfte. Aber auch amerikanische Aktien-ETFs konnten profitieren und erhielten Mittelzuflüsse von etwa 1 Milliarde Euro. Dabei entfiel etwa die Hälfte auf den US-Finanzsektor. Anleger setzen vor dem Hintergrund der Zinswende auf verbesserte Rahmenbedingungen für US-Finanzinstitute.

Schwellenländer und Rohstoffe auf der Verkaufsliste

Im Umkehrschluss bedeuten diese Entwicklungen, Abflüsse aus Schwellenländer-ETFs, die sich seit Herbst 2014 kontinuierlich fortsetzen. Im Juli wurden nochmals 509 Millionen Euro abgezogen. Dabei stand China als einzelnes Land besonders im Fokus. Mit rund 181 Millionen Euro abgezogenem Kapital trägt es die rote Laterne. Aufgrund des Platzens der dortigen Aktienblase ist dies nicht verwunderlich. Perspektivisch sind weitere Mittelabflüsse zu erwarten. Als größter Rohstoffnachfrager der Welt strahlen die chinesischen Marktturbulenzen sowie die Eintrübung der Konjunktur auch auf die Rohstoffe ab. Gleichzeitig könnte der US-Dollar im Rahmen einer US-Zinserhöhung an Stärke gewinnen. Da sich der Greenback und Rohstoffe häufig entgegengesetzt entwickeln, übt dies nochmals Druck auf diese Anlageklasse aus. Anleger verabschieden sich daher verstärkt aus Rohstoff-ETFs. Letzten Monat erreichten die Rückflüsse mit 309 Millionen Euro einen neuen 12-Monats-Negativrekord.

Anleihen-Renaissance wegen deflatorischem Druck

Aufgrund der stark gesunkenen Rohstoffpreise macht sich trotz Wirtschaftserholung in den Industrienationen deflatorischer Druck bemerkbar, also der Effekt sinkender Preise aufgrund einer schwachen Wirtschaftsentwicklung. Dies unterstützt die Rückkehr der Investoren in den Anleihemarkt. ETFs auf Anleihenindizes verbuchten daher Zuflüsse von 2,2 Milliarden Euro im Juli und bewegen sich weiterhin auf hohem Niveau. Insbesondere europäische Unternehmensanleihen auf Investment-Grade Niveau verbuchten Zuwächse von 800 Millionen Euro gefolgt von europäischen Staatsanleihen (556 Mio. Euro).

Quelle: n-tv.de

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