Wirtschaft
Ehrgeiziges Vorhaben: Mit einer Länge von 123 Kilometern wäre der Bohai-Tunnel der mit Abstand längste der Welt (Archivbild).
Ehrgeiziges Vorhaben: Mit einer Länge von 123 Kilometern wäre der Bohai-Tunnel der mit Abstand längste der Welt (Archivbild).(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das längste Unterwasserprojekt der Welt: China kopiert den Kanaltunnel

Bei diesem Vorhaben verschlägt es Ingenieuren aus Europa den Atem: In China stellt ein Pekinger Verkehrsplaner ein ehrgeiziges Mega-Projekt vor. Ein gigantischer Tunnel soll 30 Meter unter dem Grund quer durch das Gelbe Meer führen.

Mega-Tunnelbau mit deutscher Technik? Im Rahmen ihrer China-Reise besuchte Kanzlerin Merkel 2012 mit dem damaligen Premier Wen auch das Herrenknecht-Werk in Guangzhou.
Mega-Tunnelbau mit deutscher Technik? Im Rahmen ihrer China-Reise besuchte Kanzlerin Merkel 2012 mit dem damaligen Premier Wen auch das Herrenknecht-Werk in Guangzhou.(Foto: REUTERS)

China plant den mit 123 Kilometern längsten Unterwassertunnel der Welt. Er soll die Hafenstädte Dalian und Yantai im Nordosten des Landes verbinden und dort für wirtschaftlichen Aufschwung sorgen. Die Baukosten werden auf 220 Milliarden Yuan (rund 26,4 Milliarden Euro) geschätzt.

Der Tunnel ist nach Angaben des Tunnel- und Eisenbahnexperten Wang Mengshu von der Chinesischen Ingenieursakademie Bestandteil der Infrastrukturmaßnahmen aus dem 13. Fünfjahresplan der Volksrepublik. Mit den darin enthaltenen Vorgaben versuchen die Wirtschaftslenker in Peking, die zentral gesteuerte Wirtschaft in stabile Wachstumsbahnen zu leiten. Die Erwähnung im Fünfjahresplan verleiht dem Vorhaben Gesetzescharakter.

Der fragliche Planungszeitraum umfasst die Jahre 2016 bis einschließlich 2020. Die zeitlichen Vorgaben sind damit für ein Projekt dieser Größenordnung sehr ehrgeizig, für chinesische Verhältnisse allerdings nicht ungewöhnlich. Bereits im vergangenen Sommer hatte Wang erste Eckdaten zu dem geplanten Vorhaben vorgestellt. Dabei war unter anderem auch die Rede von jährlichen Maut-Einnahmen in Höhe von umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro.

Fünf Jahre Bauzeit?

Großbauexperte Wang arbeitet eigenen Angaben zufolge bereits seit 2012 an dem Plan, die beiden Hafenstädte per Tunnel zu verbinden. Im April soll der Entwurf für den Eisenbahntunnel dem Staatsrat vorgelegt werden, wie die Zeitung "China Daily" berichtete. Allein für die Erstellung von Machbarkeitsstudien werden demnach zwei bis drei Jahre veranschlagt.

In den beiden Großräumen vor den Toren Pekings leben offiziellen Angaben zufolge insgesamt rund zwölf Millionen Menschen. Bislang lief der Güter- und Personenverkehr entweder per Schiff oder auf dem Landweg mehrere hundert Kilometer um die Bohai-Bucht herum.

Im Meer vor Peking

Der Tunnel werde die Reisezeit von Dalian nach Yantai auf 40 Minuten verkürzen, sagte Wang. Die Fahrt mit der Fähre nimmt derzeit rund acht Stunden in Anspruch. Die Fahrt über Land von Dalian in der Provinz Liaoning nach Yantai in Shandong ist rund 1400 Kilometer lang und führt Reisende durch die Peripherie der dicht besiedelten und entsprechend verkehrsintensiven Zone zwischen der Küste und der chinesischen Hauptstadt.

International bekannt ist Dalian unter anderem als Raffinerie- und Werftenstandort und als Stützpunkt der chinesischen Seestreitkräfte. Yantai auf der gegenüberliegenden Halbinsel im Süden wiederum gilt als wichtiger Industrie- und Fischereistandort. Beide Regionen profitieren von der Nähe zur chinesischen Hauptstadt, der Lage am Gelben Meer und der unmittelbaren Nachbarschaft zu den hoch industrialisierten Wirtschaftsmächten Südkorea und Japan.

Konstruktion wie beim Kanaltunnel

Bei dem geplanten Tunnelvorhaben orientieren sich die chinesischen Planungen offenbar an einem berühmten Vorbild aus Europa. Nach dem Muster des 1994 eröffneten Eurotunnels, der Großbritannien unter dem Ärmelkanal mit Kontinentaleuropa verbindet, sollen Fahrzeuge auf Züge verladen werden, die den Tunnel anschließend mit 220 Stundenkilometern durchqueren.

Wie beim Eurotunnel sind bei dem Bohai-Projekt laut "China Daily" insgesamt drei Röhren geplant: zwei Tunnel mit einem Durchmesser von jeweils rund zehn Metern für den Schienenverkehr und eine weitere Röhre für Wartungsarbeiten in der Mitte. Sie sollen wie ihr Vorbild durch Gesteinsschichten gebohrt werden und mindestens 30 Meter unter dem hier überwiegend felsigen Meeresboden führen.

Ein Größenvergleich macht die Dimensionen deutlich: Der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal ist inklusive Zufahrtsrampen insgesamt rund 50 Kilometer lang und hält bislang den Rekord als längster Tunnel der Welt. Er führt unter der 38 Kilometer breiten Straße von Dover zwischen den Küsten Englands und Frankreichs hindurch. Die reine Bauzeit betrug hier knapp sechs Jahre. Der Beginn konkreter Planungen reicht bis ins Jahr 1984 zurück.

Chance für Herrenknecht

In Japan verbindet der Saikan-Tunnel die Inseln Honshu und Hokkaido. Er ist insgesamt knapp 54 Kilometer lang, allerdings führen hier lediglich 23 Kilometer des Tunnels unter dem Meeresboden hindurch. Jüngstes Bauprojekt aus dieser Kategorie ist der Marmary-Tunnel im Großraum Istanbul, der quer durch den Bosporus Europa mit Asien über eine Gesamtstrecke von knapp 1,4 Kilometer verbindet. Hier handelt es sich allerdings nicht um eine unterirdische gebohrte Verbindung, sondern um einen sogenannten Absenktunnel, bei einzelne Segmente von der Meeresoberfläche aus im Grund verankert werden.

In China dagegen soll tatsächlich über die gesamte Strecke per Schildvortrieb gebohrt werden. Eine solche Technik kam zuletzt zum Beispiel auch beim Citytunnel Leipzig zum Einsatz. Auf diesem Gebiet sind europäische Spezialfirmen führend. Als Weltmarktführer gilt Herrenknecht aus Baden-Württemberg.

Tunnelbau in der Bebenzone

Chinesische Behörden hoffen laut "China Daily", dass der Norden durch die Anbindung an die florierende Ostküste wirtschaftlich profitieren wird. Die größte Sorge der mit dem Plan befassten Beamten ist laut "China Daily" die Sicherheit: Der Tunnel verläuft über zwei geologische Verwerfungslinien - Bruchstellen im Gestein, die Ursache für Erdbeben sein können.

Die Sorgen sind nicht unberechtigt: Im Jahr 1976 war die Stadt Tangshan zwischen den Provinzen Shandong und Liaoning von einem starken Erdbeben zerstört worden. Nach offiziellen Angaben starben damals 242.000 Menschen, ausländische Schätzungen gingen von bis zu 655.000 Toten aus. Ob der geplante Tunnel solchen Belastungen im Ernstfall standhalten kann, müssen die Ingenieure noch beweisen.

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Quelle: n-tv.de

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