Wirtschaft
Chinas Industrie wächst - zumindest amtlichen Zahlen zufolge.
Chinas Industrie wächst - zumindest amtlichen Zahlen zufolge.(Foto: REUTERS)

Parteiführung darf sich freuen : Chinas Industrie wächst offiziell

Von Jan Gänger

Aktuelle Daten aus China schüren die Hoffnung, dass die Wirtschaft der Volksrepublik einem größeren Rückschlag entgeht. Ob es der Führung in Peking allerdings wirklich gelingt, diesen zu vermeiden, ist keine ausgemachte Sache. Denn die offiziellen Zahlen lassen Spielraum für Zweifel.

Die amtlichen Zahlen sind durchaus beeindruckend: Im Juli hat Chinas Industrieproduktion um satte 9,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt, zugleich wuchsen die Umsätze im Einzelhandel um 13,2 Prozent. Trotzdem bleibt die Inflation offiziell unter Kontrolle. Die Lebenshaltungskosten stiegen wie im Juni um 2,7 Prozent.

Das dürfte bei der Führung in Peking für Erleichterung sorgen, scheinen doch zwei Gefahren weniger groß zu sein als vielfach angenommen. Zum einen ist in letzter Zeit die Angst gewachsen, dass Chinas Wirtschaft eine so genannte harte Landung droht. Zum anderen weisen einige Analysten darauf hin, dass kräftige Preissteigerungen die Zentralbank zu einer härteren Geldpolitik zwingen könnten.

"Die Inflation bereitet keine großen Sorgen", sagte Shen Jianguang, Analyst bei Mizuho Securities. "Aber die Unternehmen stehen immer noch unter großem Druck, so dass es eine Zinssenkung und niedrigere Mindestreserveanforderungen geben sollte". Wegen des für chinesische Verhältnisse geringen Preisdrucks hätte die Notenbank den nötigen Spielraum, um den Firmen unter die Arme zu greifen. "Es scheint, als hat die Zentralbank eine Lauerstellung eingenommen, was die Erwartungen der Märkte für eine Lockerung steigert", so die Volkswirte Li-Gang Liu and Hao Zhou von der ANZ-Bank.

Wachstum verliert an Tempo

Beeindruckendes Wachstum: Blick auf das Finanzviertel von Shanghai 1987 - und heute.
Beeindruckendes Wachstum: Blick auf das Finanzviertel von Shanghai 1987 - und heute.(Foto: REUTERS)

Die Kommunistische Partei versucht durch Steuernachlässe für kleine Firmen und mehr Geld für Großprojekte wie Eisenbahnstrecken und Flughäfen, die Konjunktur zu stützen. Chinas Wirtschaft war im vergangenen Jahr lediglich um 7,8 Prozent gewachsen – und damit so langsam wie seit 1999 nicht mehr. China braucht ein hohes Wachstum, um das immer noch riesige Heer der in die Städte strömenden Wanderarbeiter mit Jobs zu versorgen.

Doch nun geht die zwei Jahrzehnte lang mit zweistelligen Wachstumsraten glänzende Wirtschaftsmacht immer tiefer in den Sinkflug: In neun der zurückliegenden zehn Quartale nahm die Schubkraft ab. Das Statistikamt sieht China dieses Jahr dennoch auf gutem Weg, das staatlich verordnete Wachstumsziel von 7,5 Prozent zu erreichen.

Die Regierung hat die Messlatte bewusst niedrig gehängt - es wäre der geringste BIP-Zuwachs seit 23 Jahren. Zentralbankchef Zhou Xiaochuan räumte ein, dass das Wachstum in dem widrigen globalen wirtschaftlichen Umfeld weiterhin "relativ hohem Abwärtsdruck" ausgesetzt sei. Zur Stabilisierung der Wirtschaftsleistung setze die Notenbank auf eine verstärkte Unterstützung des Mittelstands - insbesondere durch eine Verbesserung der Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Firmen.

Einige Experten befürchten allerdings, dass die Wirtschaft das Wachstumsziel von 7,5 Prozent überfordern könnte. Dabei sorgten auch die staatlich gelenkten Medien durch ihre jüngste Berichterstattung für Verwirrung: Die Nachrichtenagentur Xinhua korrigierte kürzlich eine Meldung über eine bevorstehende Abkühlung der Konjunktur. Finanzminister Lou Jiwei habe in Washington erklärt, dass China zweifellos das diesjährige Wachstumsziel von erreichen könne, stellte die Agentur klar. Zuvor hatte Xinhua den Minister noch mit den Worten zitiert, das Wachstum könne auf sieben Prozent sinken - und dies müsse nicht die Untergrenze sein.

Skeptische Analysten

Vor diesem Hintergrund raten einige Analysten bei offiziell gemeldeten Zahlen zur Vorsicht. So fiel der von der Großbank HSBC ermittelte Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Juli auf ein Elfmonatstief von 47,7 Punkten und damit deutlich unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Das HSBC-Barometer berücksichtigt vor allem mittelständische Firmen in privater Hand, die einen schlechteren Zugang zu Bankkrediten haben als die staatlichen Großunternehmen. Deren Geschäftstätigkeit bildet der offizielle Einkaufsmanagerindex der Regierung ab – und der stieg leicht auf 50,3 Punkte.

Die enttäuschenden Zahlen deuteten auf einen "anhaltenden Rückgang im Produktionssektor" durch schwache Auftragslage und schnelleren Lagerabbau hin, so HSBC-Ökonom Qu Hongbin. "Und jetzt soll die Industrieproduktion kräftig gewachsen sein?", mokierte sich ein Analyst in Hong Kong mit Blick auf die jüngst präsentierten Zahlen. "Alles klar. Wird schon stimmen."

Quelle: n-tv.de

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