Wirtschaft
Sergio Marchionne bei einer Rede im Chrysler-Werk Belvidere im US-Bundesstaat Illinois (Archivbild).
Sergio Marchionne bei einer Rede im Chrysler-Werk Belvidere im US-Bundesstaat Illinois (Archivbild).(Foto: picture alliance / dpa)

Fiat feilscht mit US-Gewerkschaftern: Chrysler rollt Richtung Börse

Noch sind es nur vage Hinweise: Bei der amerikanischen Fiat-Tochter laufen angeblich Vorbereitungen für eine Rückkehr an den Aktienmarkt an. In Europa geben die Konzernchefs von Renault und Fiat derweil höchst unterschiedliche Prognosen ab. Einig sind sich beide, dass es sich keine Regierung leisten kann, einen großen Autobauer fallenzulassen.

Sieht eine 50-Prozent-Chance, dass die Politik das Sparen aufgibt: Marchionne setzt auf Rom.
Sieht eine 50-Prozent-Chance, dass die Politik das Sparen aufgibt: Marchionne setzt auf Rom.(Foto: REUTERS)

Die italienische Automobilkonzern Fiat treibt den Kauf der restlichen Anteile des US-Herstellers Chrysler voran und erwägt Insidern zufolge dabei auch einen Börsengang. Das von Fiat kontrollierte Unternehmen habe Banken eingeladen, im kommenden Monat Bewerbungen für ein Mandat beim Gang aufs Parkett einzureichen, hieß es aus dem Chrysler-Umfeld.

Chrysler wolle so die Möglichkeit einer Notierung seiner Anteile, die sich in den Händen der amerikanischen Automobilarbeiter-Gewerkschaft (UAW) befinden, aber auch eines direkten Verkaufs an Fiat ausloten. Hintergrund dieser Doppel-Strategie ist ein Streit zwischen Fiat und der UAW-Krankenkasse Veba über den Wert der Anteile.

Eine offizielle Stellungnahme lag zunächst nicht vor. Fiat hält 58,5 Prozent an Chrysler und hat bereits angekündigt, den drittgrößten US-Autobauer am liebsten ganz unter seiner Kontrolle zu bringen. Die Veba, die die Krankenkasse-Kosten der Chrysler-Rentner trägt, besitzt die restlichen 41,5 Prozent. Die Italiener hatten den Wert von Chrysler jüngst in einem Gerichtsstreit mit 4,2 Mrd. Dollar angesetzt, weit weniger als die 10,3 Mrd. Dollar, die VEBA unterstellt.

Die Vorbereitungen für einen möglichen Börsengang könnten Aufschluss geben, wie die Wall Street den Wert von Chrysler einschätzt. "Der Vorteil könnte sein, dass es einen klaren Preis für Chrysler gibt und das Feilschen aufhört", sagte ein Beobachter. Branchenkreisen zufolge wurde als Zeitpunkt für einen möglichen Gang aufs Parkett das dritte Quartal ins Auge gefasst. Ein Chrysler-Sprecher sagte, ihm sei nicht bekannt, dass für April ein Treffen von Bankern für ein Initial Public Offering (IPO) angesetzt sei. Fiat wollte sich nicht äußern.

Versuch einer Übernahm?

Eine Person aus Finanzkreisen fügte hinzu, es gehe auch darum, auszuloten wie Fiat eine Übernahme von Chrysler stemmen könne. Fiat hatte sich nach der vom US-Staat abgesicherten Blitzinsolvenz an Chrysler beteiligt und seine Beteiligung seither schrittweise zur Mehrheit aufgestockt. Ziel von Fiat-Chef Sergio Marchionne ist, die beiden Unternehmen enger zu verzahnen, um Kostenvorteile nutzen zu können. Bereits jetzt sorgen die Gewinne im US-Geschäft von Chrysler dafür, dass Fiat Verluste auf dem krisengeschüttelten Heimatmarkt Europa wegstecken kann.

Bei seinem Einstieg bei Chrysler im Jahr 2009 hatte sich Fiat das Recht gesichert, ein Aktienpaket von 16,6 Prozent von der Veba zu erwerben. Der Preis sollte durch ein Verfahren festgelegt werden, auf das man sich damals einigte. Ein Streit über die Rechenmethode verhinderte nun allerdings, dass beide Seiten zusammenfanden. Als Fiat im vergangenen Jahr die ersten 3,3 Prozent kaufen wollte, gerieten sich die Unternehmensvertreter in die Haare, die Sache landete vor Gericht. Daraufhin erklärte die VEBA, sie wolle sich alternativ um einen Verkauf der Anteile über die Börse bemühen und bat Chrysler, die Aktien dafür bei der US-Börsenaufsicht anzumelden.

Im europäischen Automarkt steht Fiat erheblich unter Druck. Fiat-Chef Sergio Marchionne betonte zuletzt allerdings ausdrücklich, dass er nicht an die Schreckensvisionen seiner Kollegen für die europäischen Autoverkäufe glaubt. "Ich teile nicht die Meinung, dass der Markt in den nächsten drei bis fünf Jahre so schwach bleiben wird", sagte er am Rande des Genfer Autosalons. 2013 werde zwar ein hartes Jahr. Die Märkte könnten ihre Talfahrt aber schon im Sommer wieder beenden.

Fiat-Chef hofft auf Sinneswandel

2014 sei sogar wieder Aufwind möglich, meinte Marchionne. Dazu müsse sich die europäische Politik allerdings wieder stärker auf Wachstum statt auf Sparprogramme konzentrieren. Die Chancen für einen solchen Sinneswandel stünden bei mehr als 50 Prozent.

Eine Entwicklung wie 2012, als die großen Hersteller General Motors, Ford, PSA Peugeot Citroën und Fiat in Europa zusammen mehr als sieben Milliarden Euro verloren hätten, könne nicht ewig so weitergehen. Bevor es zu einem spektakulären Scheitern komme, würden die Regierungen einschreiten, meinte der Fiat-Chef.

In den USA, wo die Fiat-Tochter Chrysler dem Konzern mit guten Geschäften den weltweiten Gewinn sichert, schaltet Marchionne derweil schon auf Angriff: Mit dem Comeback seiner Marke Alfa Romeo will Fiat dort für Furore sorgen - und Oberklasse-Herstellern wie Daimler, BMW und Audi Kunden abjagen. Marchionne: "Wir müssen uns mit den deutschen Importen messen."

"Es gibt keine guten Nachrichten"

Nissan-Renault-Chef Carlos Ghosn rechnet dagegen nicht damit, dass sich der europäische Automarkt schnell von seiner Absatzkrise erholt. Es gehe letztlich nur noch um die Frage, ob sich der Markt schlecht oder sehr schlecht entwickle, sagte Ghosn auf dem Genfer Autosalon.

"Der europäische Automarkt wird noch eine ganze Weile lang schwierig bleiben - und zwar bis zum Jahr 2015/2016." Die meisten Autobauer hätten in Europa mit einem Absatzrückgang in Höhe von 3 bis 5 Prozent gerechnet - nach zwei Monaten 2013 sei der Markt nun allerdings bereits um 8 bis 9 Prozent eingebrochen. Es sei zwar noch zu früh, die Prognosen fürs laufende Jahr zurückzunehmen. Aber: "Es gibt keine guten Nachrichten", sagte Ghosn.

Die Krise mit einbrechenden Autoverkäufen weitet sich nach Einschätzung Ghosns von den südlichen Ländern auf andere Märkte Europas aus. Dies liege vor allem an der Unsicherheit, die im Zuge der Euro-Schuldenkrise um sich gegriffen habe. Offen bleibe für viele Menschen vor allem die Frage, inwieweit sie von den teils drastischen Haushaltskürzungen mancher EU-Staaten betroffen seien und welche sozialen Konsequenzen diese nach sich zögen. "Diese Unsicherheit hält den europäischen Automarkt zurück", sagte Ghosn.

"Egal ob rechts oder links"

Gleichwohl glaubt der Renault-Chef nicht daran, dass einer der großen Autohersteller wegen der Krise etwa in Folge einer Insolvenz vom Markt verschwinden wird. "Manche Autohersteller in Europa haben schwer zu kämpfen", sagte Ghosn. "Doch keine betroffene Regierung wird einen strauchelnden Autobauer fallen lassen." Damit bekräftigte der Renault-Chef die Einschätzung seines Amtskollegen Marchionnes.

Dies habe die Insolvenz der Autobauer General Motors und Chrysler in den Vereinigten Staaten bewiesen. Bei beiden sei die amerikanische Regierung zu Hilfe geeilt. "Und aus dem gleichen Grund, nämlich um Arbeitsplätze zu retten, würde auch in Europa eine Regierung eingreifen. Egal, ob sie rechts ist oder links."

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Quelle: n-tv.de

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