Wirtschaft
Unermüdlich auf der Jagd nach Schnäppchen: Häufig ist es bei den Verbrauchern Quantität, nicht Qualität, die zählt.
Unermüdlich auf der Jagd nach Schnäppchen: Häufig ist es bei den Verbrauchern Quantität, nicht Qualität, die zählt.(Foto: picture alliance / dpa)

Pause vom Einkaufsterror: Das Schnäppchenfest mal ignorieren

Von Diana Dittmer

Die Vorweihnachtszeit ist der alljährliche Gipfel des Konsumterrors. Kritiker warnen vor "Konsumverstopfung" und "Konsum-Burn-Out". Gestresste Einkäufer haben die Chance, Pause zu machen. Samstag ist offizieller "Kauf-Nix-Tag".

Black Friday, Cyber Friday oder Cyber Monday - Amerika exportiert nicht nur Feiertage wie Valentinstag und Halloween, sondern auch kommerzielle Schnäppchen-Tage. Schrittmacher des Marketing-Zaubers sind US-Konzerne wie Amazon, die die Verbraucher pünktlich zur Weihnachtszeit zum Power-Einkauf mit vermeintlichen Niedrigstpreisen einladen. Bei der Masse der deutschen Konsumenten mag das noch nicht angekommen sein, aber zumindest Saturn hat in Deutschland auch schon eine "Black Week" ausgerufen. Der nächste Trend geht um die Welt. Das Besondere: Diese Festtage dienen nicht der Steigerung von Folklore, Familienidylle oder Romantik, sondern dem nackten Kommerz.

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Gerade der Kaufrausch in der Vorweihnachtszeit spaltet die Gemüter. Eigentlich sollte es eine besinnliche Zeit sein. Richtig besinnlich ist sie für viele aber schon lange nicht mehr. In den Tagen vor dem heiligen Fest laufen sich die Menschen die Hacken wund. Für viele ist das Jahresende nur noch purer Stress.  Konsumkritiker rufen deshalb seit knapp 20 Jahren am letzten November-Samstag dazu auf, innezuhalten und den Geldbeutel stecken zu lassen: Kein Coffee-to-go, keine Elektronik-Schnäppchen, kein Glühwein. Lass gut sein, lautet der Appell an die Verbraucher. Kauf einfach mal "nix"! Am "Kauf-Nix-Tag" soll die Shopping-Schlacht 24 Stunden lang ruhen und Kauf-Frieden einkehren. Für machen mag das allerdings zu spät kommen. Einen Tag nach Cyber Friday sind Energie und Geld ohnehin weg.

"Leihen, tauschen, selber machen"

"Wir leben brutal über unseren Verhältnisse, vor allem ökologisch", sagt der Umweltökonom Niko Paech von der Uni Oldenburg. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace appelliert, eine neue Balance beim Kaufverhalten zu suchen. Die Konsumenten sollten mehr darauf achten, nicht mehr nur "Ver-Braucher" zu sein und so Ausbeutung und das Geiz-ist-geil-Syndrom zu unterstützen. Kleidung zum Beispiel könnte mehr wertgeschätzt werden, wenn man sie pflege und repariere.

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Große Sprünge erwarten die Wachstumskritiker durch ihren Appell zwar nicht, aber kleine Erfolge registrieren sie sehr wohl. Konsumverzicht löse zumindest kein Entsetzen mehr aus, sagt Greenpeace-Aktivistin Kirsten Brodde. Gebraucht statt neu, Qualität statt Quantität, leihen, tauschen, selber machen - das alles seien heute Mottos, die auch ihre Unterstützer fänden.

Die Frage ist nur, ob ein minimalistischer, konsumarmer Lebensstil mit Blick auf die Wirtschaft massentauglich ist? Kritiker sagen: Wenn alle Menschen nur das kauften, was sie zum Überleben brauchen, würde das europäische Wirtschaftssystem nicht mehr funktionieren. Paech ist anderer Meinung: "Unser Wirtschaftssystem bricht zusammen, wenn wir weiter so konsumieren wie jetzt." Zu viele ökologische Probleme seien ungelöst. "Alle Ressourcen auf der Welt sind endlich, und im Moment verbraucht die Wachstumsgesellschaft mehr, als da ist."

Wie soll man unbändige Kauflust bändigen?

Ändert sich durch diesen Appell etwas? Nein, für den Moment nicht. Die meisten Menschen kennen den Kauf-Nix-Tag noch nicht einmal. Allein deshalb kann er auch keine ökonomischen Auswirkungen haben. Konsequente Konsumverweigerer sind spärlich gesät in diesen Breiten. Der deutsche Einzelhandelsverband HDE hat sogar schon Fakten geschaffen: Die Branche erwartet auch dieses Jahr wieder ein deutliches Umsatzwachstum zum Vorjahr. Mit einem voraussichtlichen Plus von 2,7 Prozent, dürfte es laut Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) der stärkste Zuwachs seit 20 Jahren werden.

Die Konsum-Kritiker wissen, dass sie gegen Windmühlen kämpfen. Umweltökonom Paech ist realistisch. Es gehe ihm nicht darum, Konsum abzuschaffen. Gestresste Verbraucher lockt er vielmehr mit dem Versprechen, sie würden profitieren, wenn die Ladenöffnungszeiten reduziert, verkaufsoffene Adventssonntage zum Beispiel abgeschafft würden. Der Käufer fange dann wieder an, Konsum zu genießen, wirbt Paech. "Wir sind so reizüberflutet, wir leiden unter Konsumverstopfung und Konsum-Burn-Out." Wovon er dringend abrät, ist Konsum einfach einen Tag zu verschieben, das sei keine Lösung. Dadurch könnte der Einkaufsstress tags drauf sogar noch größer werden.

Ziel ist ein grundsätzliches Umdenken. Und dabei könnte zumindest eine Erkenntnis hilfreich sein: Die Einsicht, dass die vermeintlichen Schnäppchen vieler Hersteller häufig nur Fantasiepreise sind. Welcher Einzelhändler hat schon was zu verschenken? Wer verzichtet freiwillig auf Geld? Allein deshalb ist weniger mehr. Ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

Quelle: n-tv.de

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