Wirtschaft
Aus Kriegstrümmern in den Wohlstand: US-Finanzminister Henry Morgenthau Jr. (M) mit Kanadas Finanzminister J. L. Lesley (l.) und dem sowjetischen Delegierten M. S. Stepanow.
Aus Kriegstrümmern in den Wohlstand: US-Finanzminister Henry Morgenthau Jr. (M) mit Kanadas Finanzminister J. L. Lesley (l.) und dem sowjetischen Delegierten M. S. Stepanow.(Foto: dpa)

Die Wiege der Finanzordnung: Das System von Bretton Woods

Es ist eine der wichtigsten Weichenstellungen für die Weltwirtschaft: Vor 70 Jahren entscheiden Vertreter aus 44 Ländern in Bretton Woods über die Zukunft des globalen Finanzsystems. Die Erfolge verblassen, die US-Dominanz hält an.

Der Hauch der Geschichte: Blick in den großen Speisesaal des 1902 eröffneten Hotels Mount Washington. Hier saßen die Experten zusammen.
Der Hauch der Geschichte: Blick in den großen Speisesaal des 1902 eröffneten Hotels Mount Washington. Hier saßen die Experten zusammen.(Foto: REUTERS)

Rückblick in den Sommer 1944: Der Zweite Weltkrieg tobt, Europa liegt in Trümmern, Frieden und Wohlstand scheinen unerreichbar. Dennoch wagen es Vertreter aus 44 westlichen Ländern, inmitten der Kriegswirren gemeinsam an der Wirtschaftsordnung der Zukunft zu arbeiten. Das Ziel hatte US-Präsident Franklin D. Roosevelt ausgegeben: Freier Handel und stabile Wechselkurse sollten die Welt aus ihrem wirtschaftlichen Elend befreien. Wie genau, darüber stritten Politiker und Ökonomen vom 1. Juli 1944 an in dem beschaulichen Ferienörtchen Bretton Woods im Bundesstaat New Hampshire.

Auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 22. Juli 1944, einigten sich die Experten im ebenso exklusiven wie abgelegenen "Mount Washington Hotel" auf eine Lösung - und gut ein Jahr später wurde das historische Abkommen unterzeichnet. Fortan galt ein System fester Wechselkurse mit dem Dollar als Leitwährung. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank zur Stützung des Konstrukts waren geboren. Kritikern zufolge konnten sich die Vereinigten Staaten für mindestens drei Jahrzehnte Macht und Einfluss in der Weltwirtschaft sichern.

Machtkampf in Bretton Woods

Es folgten Jahre beispielloser Wohlstandsmehrung, auch in der Bundesrepublik Deutschland, die im Jahr 1949 unmittelbar nach der Gründung dem Bretton-Woods-System beitrat. Nach Hyperinflation, der großen Depression und dem langen Krieg herrschte wieder Zuversicht in der Weltwirtschaft. Der Handel boomte, vor allem in Europa, den USA und Japan stieg der Lebensstandard rapide.

Tagungsraum in Bretton Woods. Es ist die Geburtsstunde des Internationalen Währungsfonds.
Tagungsraum in Bretton Woods. Es ist die Geburtsstunde des Internationalen Währungsfonds.(Foto: dpa)

Rückblickend klingt das alles so einfach. Doch Bretton Woods war in Wirklichkeit ein harter Machtkampf zwischen den Alliierten USA und Großbritannien. Auf britischer Seite stritt der Ökonom John Maynard Keynes, damals Berater des Schatzamtes, für den endgültigen Abschied vom Goldstandard und eine Art Weltzentralbank mit eigener Währung. Auf der Gegenseite wollte der US-Verhandlungsführer Harry Dexter White den Dollar ins Zentrum stellen, dessen Wert schon seit Jahren an das Gold gebunden war.

US-Dollar als Ankerwährung

Das Ergebnis ist bekannt. Der US-Amerikaner setzte sich letztlich mit seinem Vorschlag durch: Die anderen Währungen wurden fest an den Dollar gekoppelt, so dass sie indirekt auch zu "Goldwährungen" wurden. Die USA verpflichteten sich, auf Anfrage das Dollar-Guthaben anderer Länder in Gold einzutauschen. Beide Systeme hatten einen gravierenden Unterschied: Keynes wollte die Länder dazu bringen, mit Hilfe von Auf- und Abwertung ihrer Währungen stets ihre Zahlungsbilanzen ausgeglichen zu halten. Whites Plan, dessen Heimat USA damals eine Exportmacht war, erlaubte hingegen allein den Importnationen, ihre Währungen entscheidend abzuwerten. Der IWF sollte die notwendigen Anpassungen unterstützen und überwachen.

Resultat war ein starres, einseitiges System, das nicht mit den raschen Veränderungen in der Weltwirtschaft mithielt. Während Länder wie Deutschland bei Exporten zulegten, rutschte die US-Zahlungsbilanz etwa durch große Kosten für Entwicklungshilfe und Militäreinsätze tief ins Minus - das Land überschwemmte die Welt mit dem überteuerten Dollar. Die Empfänger beklagten die "importierte Inflation". Das ging nicht lange gut.

Weltbank und IWF feiern ihren 70. Geburtstag.
Weltbank und IWF feiern ihren 70. Geburtstag.(Foto: dpa)
Goldvorräte in Fort Knox halbiert

1960 gab es eine erste Misstrauenswelle gegen den Dollar mit einer kurzen, heftigen Goldspekulation. 1965 griff Frankreichs Präsident Charles de Gaulle die Vorherrschaft der US-Währung direkt an. Die Notenbank in Paris tauschte Millionen von Dollar gegen Gold. Andere Länder folgten. Von 1948 bis 1971 schmolzen die Goldvorräte in Fort Knox auf weniger als die Hälfte zusammen. Im August 1971 löste US-Präsident Richard Nixon schließlich seine aufgeweichte Währung vom Gold. Der Goldstandard war Geschichte.

Nixons Absicht im Weißen Haus war es zwar nicht, damit ein System flexibler Wechselkurse zu schaffen. Doch die Versuche, den Dollar erneut ans Gold zu binden, scheiterten. Im März 1973 brach dieser Teil des Bretton-Woods-System zusammen. Doch die übrigen Bestandteile der mittlerweile sieben Jahrzehnte alten Einigung - der IWF und die Weltbank - überstanden die wechselhaften Zeiten. Mit 188 Mitgliedern sind sie größer denn je und können nun ebenfalls ihren 70. Geburtstag feiern.

Der Einfluss der USA

Spätestens seit der Eurokrise gilt der Internationale Währungsfonds wieder als eine der mächtigsten Organisationen, die weltweit Finanzsysteme überwacht, um bei schweren Schieflagen von Staaten einzugreifen. IWF-Kredite sind meist an harten Auflagen wie die Sanierung der Staatsfinanzen geknüpft, was den Fonds in Empfängerländern oft zur Zielscheibe der Kritik aus den Reihen der leidgeprüften Bevölkerung macht.

Auch die Weltbank als größter Geldgeber für Entwicklungshilfe legt Staaten strenge Vorgaben auf, bevor sie Mittel für Infrastrukturmaßnahmen, den Kampf gegen Armut oder für Umweltprojekte vergibt. Beide Institutionen werden noch immer vom größten Anteilseigner USA dominiert, und so ist das Hauptresultat der Bretton-Woods-Konferenz bis heute gültig: Amerika hat mit Abstand den größten Einfluss auf die Weltwirtschaft.

Quelle: n-tv.de

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