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Der Kapitän geht von Bord: Auf seiner letzten Rede auf der Hauptversammlung hat der scheidende RWE-Chef Jürgen Großmann den Atomausstieg scharf angegriffen.
Der Kapitän geht von Bord: Auf seiner letzten Rede auf der Hauptversammlung hat der scheidende RWE-Chef Jürgen Großmann den Atomausstieg scharf angegriffen.(Foto: picture alliance / dpa)

Letzte Rede von RWE-Chef Großmann: Der Atom-Dinosaurier tritt ab

Bei seiner letzten Rede als RWE-Chef macht Jürgen Großmann seinem Ruf als Atom-Dinosaurier alle Ehre und rechnet mit Merkels Energiewende ab. Auch wenige Wochen vor seinem Amtsende zeigt Großmann sich als unbelehrbarer Gegner des Atomausstiegs – dem Energieversorger erweist er damit einen Bärendienst.

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Eines kann man Jürgen Großmann nicht vorwerfen: In seiner Zeit als RWE-Chef hat er immer Klartext geredet und niemals seine Überzeugungen verraten. Als nach der Atom-Katastrophe von Fukushima vor über einem Jahr erst FDP, Union und am Ende die Kanzlerin umfielen und die gerade erst beschlossene Verlängerung der AKW-Laufzeiten rückgängig machten, war Großmann der einzige, der Kurs hielt. Der Meinungsumschwung in der Bevölkerung, das Schweigen der anderen AKW-Betreiber, Dauerfeuer aus den Medien – nichts konnte Großmann von seinem Kreuzzug für die Atomkraft abbringen.

Für diese Sturheit musste Großmann viel Kritik einstecken, nicht nur von Umweltverbänden und Politikern, sondern schließlich auch von Aktionären. Wenige Wochen vor seinem Amtsende als RWE-Chef bleibt Großmann seiner Linie treu. "Sie werden uns in Erinnerung bleiben, weil sie oft und gerne eine Meinung haben", sagte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) denn auch auf der Hauptversammlung. "Lieber eine Meinung zu viel als einmal zu viel geduckt."

Großmann ging heftig mit dem beschleunigten Atomausstieg der schwarz-gelben Koalition ins Gericht. "Wir akzeptieren das Primat der Politik, aber wir halten die Beschlüsse der Bundesregierung rund um die Kernenergie nicht für rechtens", sagte der 60-Jährige in Essen. RWE habe deswegen auch im Februar eine Verfassungsbeschwerde gegen die Novelle des Atomgesetzes eingereicht. Das Atomoratorium vom vergangenen Jahr halte er ebenso für rechtswidrig wie die Kernbrennstoffsteuer.

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Im vergangenen Jahr war bereits der Konkurrent E.ON vor das Bundesverfassungsgericht gezogen. Der Energieriese betont wie RWE, dass es ihm nicht um das Wiederanfahren der 2011 abgeschalteten Atomkraftwerke gehe. Sollte nach dem - wohl mehrere Jahre dauernden - Verfahren die Atomwende für verfassungswidrig erklärt werden, hoffen die AKW-Betreiber jedoch auf Entschädigungen in Mrd.höhe. Beide Konzerne argumentieren, dass die Abschaltung älterer Reaktoren und die Rücknahme der Laufzeitverlängerung für Atommeiler ihre Eigentumsrechte verletzen. Für die AKW-Betreiber bedeutet die Entscheidung enorme Gewinneinbußen.

Ein Zwei-Meter-Mann gegen die Republik

Großmann hat sich wie kein ein anderer Manager für die Kernenergie in die Bresche geworfen und damit auch Proteste provoziert. Im vergangenen Jahr wurde der Zwei-Meter-Mann während der Hauptversammlung von einem Bodyguard von AKW-Gegnern abgeschirmt. Tumulte blieben diesmal aus. Auch bei seiner letzten Hauptversammlung demonstrierten jedoch vor der Essener Grugahalle Dutzende Umweltschützer gegen Atom- und Kohlekraftwerke. "Schluss mit Atomkraft" und "Castor stoppen" stand auf Transparenten. "Stoppt die Klimakiller" schallte es aus einem Lautsprecher. Der künftige Vorstandschef Peter Terium solle mehr in erneuerbare Energie investieren.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Großmann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Grundsteinlegung für ein neues Steinkohlekraftwerk von RWE im Sommer 2008.
Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Großmann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Grundsteinlegung für ein neues Steinkohlekraftwerk von RWE im Sommer 2008.(Foto: picture alliance / dpa)

In der Öffentlichkeit steht Großmann als der Treiber der Atomkraft da, nachdem er sich bei Kanzlerin Angela Merkel vehement für längere Meilerlaufzeiten ins Zeug gelegt hatte. Dabei hatte Großmann nicht nur die Atomkraft im Sinn: Ende 2007 gründete er eine eigene Gesellschaft zum Aufbau der erneuerbaren Energien. RWE Innogy kümmert sich seitdem um den Ausbau der Energiegewinnung aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse.

Großmann hatte schon lange vor der Fukushima-Katastrophe Milliarden verplant, um RWE aus der Dreckschleuder-Ecke zu holen. Neben Atomkraft hatten die Essener Jahrzehnte verstärkt auf Kohle gesetzt und gewaltige Mengen Treibhausgase in die Luft geblasen. Das stört nicht nur Umweltschützer. Vor allem belastet es die Bilanz von RWE - ab 2013 muss jeder Versorger seine CO2-Emmissionszertifikate selber bezahlen.

Großmann streichelte derweil zum Abschied die Seele der rund 72.000 Beschäftigten des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns. "In Zeiten, da das Beschimpfen von Energieversorgern in manchen Kreisen zum guten Ton gehört, ernten sie viel zu selten ein Dankeschön", betonte er vor den Aktionären. "So mancher RWE-Mitarbeiter wurde in der letzten Zeit sicher auch im Privatleben mal angefeindet."

Großmanns Nachfolger Terium will leiser treten

Der RWE-Chef gibt im Juli seinen Posten an den Niederländer Terium ab. Dieser tritt deutlich zurückhaltender als Großmann auf. Der 48-Jährige will das Geschäft mit Ökostrom ausbauen und die Einbußen durch die Atomwende unter anderem mit dem Verkauf von Beteiligungen, Einsparungen und einem Stellenabbau kontern. Der Manager hat auch beim Personal erste Pflöcke eingeschlagen. Sein Weggefährte Bernhard Günther soll Anfang kommenden Jahres neuer Finanzchef werden. Der Konzernbetriebsratsvorsitzende Uwe Tigges (51) löst im April kommenden Jahres Personalvorstand Alwin Fitting (59) ab.

Großmann, der im Sommer sein Amt an den Niederländer Peter Terium übergibt, bekräftigte vor den Aktionären seine Zuversicht, in den kommenden Jahren zu langfristigem Gewinnwachstum zurückzukehren. Dieses und nächstes Jahr soll der Gewinn stabil gehalten werden, wiederholte er den Anfang März gegebenen Ausblick. Mit seiner Dauerkritik an der Energiewende hat Großmann diesen Zielen sicher einen Bärendienst erwiesen.

Quelle: n-tv.de

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