Wirtschaft
Nach 34 Jahren bei Microsoft ist Steve Ballmer endgültig abgetreten.
Nach 34 Jahren bei Microsoft ist Steve Ballmer endgültig abgetreten.(Foto: picture alliance / dpa)

Steve Ballmer verlässt Microsoft: Der Hardcore-Entertainer dankt ab

Von Hannes Vogel

Er lebte für die Firma und brüllte sich heiser, bis er klitschnass war: Nach 34 Jahren an der Spitze kehrt Steve Ballmer Microsoft nach mäßigem Erfolg den Rücken. Aber die Show geht "weiter, weiter, weiter, Baby".

Minutenlang springt der Mann zu "Get on your feet" auf der Bühne auf und ab und krakeelt dabei so hysterisch, dass ihm die Stimme versagt. Als er endlich ans Rednerpult tritt, hat er Schweißflecken unter den Armen. Er ist außer Atem, muss erstmal durchschnaufen. Und donnert dann ins Mikrofon: "Ich habe vier Worte für euch: Ich liebe diese Firma! Yeeeeeeeeeeeeeees!" Bill Gates war der größte Geek von Microsoft. Steve Ballmer war der größte Entertainer der Firma. Wenn nicht gar der Branche.

Während Mark Zuckerberg im ewiggleichen grauen T-Shirt unterkühlt und dröge die neusten Facebook-Features herunterleiert und selbst nach einem Eimer Eiswasser nur müde lächelt, tobt Steve Ballmer im schweißtriefenden Hemd herum und klatscht sich und sein Publikum mantrahaft über das jüngste Windows-Update in Rage. So legendär sind Ballmers Auftritte, dass Musiktüftler sie zu Remixes verarbeitet haben, die millionenfach auf Youtube geklickt werden. Dabei waren seine Auftritte wohl nicht nur pure Leidenschaft, sondern auch kalkulierte Marketing-Masche. Nun hat der Veteran auch dem Verwaltungsrat der Software-Firma den Rücken gekehrt, nachdem er schon im Februar den Chefposten abgegeben hatte.

Gemessen an seinen irren Showeinlagen ist Ballmer eher leise abgetreten. Ein Brief an Nachfolger Satya Nadella - das war's. Die Börse freut sich über seinen Abgang: Kaum hatte sich die Nachricht am Dienstagabend verbreitet, legte die Microsoft-Aktie in den letzten beiden Handelsstunden spürbar zu. Auch Ballmer selbst profitierte davon: Mit über vier Prozent ist er immer noch größter Einzelaktionär von Microsoft. Seine Firma hat den 58-Jährigen zum Milliardär und einem der reichsten US-Amerikaner gemacht.

Das iPhone hat er verschlafen

Die Abschiedshäme der Investoren lässt ihn dennoch sicher nicht kalt. Immerhin hat wohl niemand außer Bill Gates die Firma mehr geprägt als Steve Ballmer. 34 Jahre lang war er der zweite starke Mann bei Microsoft, die letzten 14 Jahre als Chef des Konzerns, dessen Ruder im Jahr 2000 vom legendären Firmengründer übernahm.

Der Anlegerjubel über das Ende der Ära Ballmer kommt daher, dass seine goldenen Zeiten lange hinter ihm liegen. Und Microsofts Dauer-Manager sich in den letzten Jahren gegen Veränderungen eher gesträubt hat, als sie zu begrüßen. Ballmer habe in der Vergangenheit festgesteckt, monierten seine Kritiker. Jahrelang scheffelte er für die Firma Milliardenprofite. Doch dann verlor Microsoft unter Ballmer zunehmend den Anschluss im Silicon Valley, das Apple und Google mit ihren bahnbrechenden Innovationen durcheinanderwirbelten.

Den Trend zum mobilen Internet hat er verschlafen, das hat Ballmer inzwischen selbst zugegeben. Der neuen Realität hat er sich lange verschlossen. 2007 lachte er öffentlich das iPhone aus: "500 Dollar? Das ist das teuerste Handy der Welt und es spricht Firmenkunden nicht an, weil es keine Tastatur hat." Dann wollte er höchstens den Anbruch einer "PC-Plus"-Ära eingestehen. Auch das Betriebssystem Windows Vista, wohl das schlechteste Windows aller Zeiten, ging auf seine Kappe und wurde einer der größten Flops der Firmengeschichte.

The Show must go on

Die Gegenoffensive, die Ballmer mit der Tablet-Reihe Surface einleitete, scheiterte kläglich. Microsoft, der einst übermächtige Gigant, muss sich dank Ballmers Versäumnissen völlig neu erfinden. Auch heute ist das PC-Geschäft immer noch Microsofts Rückgrat, Windows dominiert weiterhin die PCs. Aber in den letzten Momenten seiner Amtszeit begann auch Ballmer gegenzusteuern. Um in den mobilen Markt vorzudringen, übernahm er den maroden Handy-Hersteller Nokia. Doch die Zukunft wird hart: Durch die Allianz mit IBM nimmt Apple nun bald auch die Kernklientel von Microsoft ins Visier: Firmenkunden.

Im Ruhestand will sich Ballmer nun auf neue Aufgaben konzentrieren. Für zwei Milliarden Dollar hat er kürzlich die Los Angeles Clippers gekauft. Auch bei dem NBA-Team ist er wie üblich mit einer filmreifen Inszenierung angetreten. Beim Fanfest zog er eine wilde Show ab: "Sind Clippers-Fans hier? Ich kann euch nicht hören", brüllte der schrullige Milliardär durch das Staples Center.

Zum Song "Lose Yourself" von Eminem lief Ballmer wie ein Profiboxer gestikulierend durch die tobende Menge, klatschte die Fans ab. Und kündigte großspurig an: "Wir werden Hardcore sein. Haaaaaardcore. Haaaaaaaaaaaardcore. Wenn uns was umhaut, stehen wir wieder auf und machen weiter, weiter, weiter, weiter. Hardcore, Baby". The Show must go on.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen