Wirtschaft
Middelhoff muss möglicherweise wieder vor Gericht.
Middelhoff muss möglicherweise wieder vor Gericht.(Foto: picture alliance / dpa)

Untreue-Vorwürfe gegen Thomas Middelhoff: Der Überflieger

Von Hannes Vogel

Umstrittene Millionenboni, dubiose Immobiliengeschäfte, Arcandor-Pleite: Es gibt vieles, was sich der gefeierte Spitzenmanager Thomas Middelhoff in seiner Hochglanz-Karriere geleistet hat – und wofür ihn Ex-Geschäftspartner verklagen. Nun könnten ihm ein paar Charterflüge zum Verhängnis werden.

Die Vorwürfe scheinen auf den ersten Blick kaum im Verhältnis zum Aufwand zu stehen: Untreue in mehreren Fällen soll ein einstiger Spitzenmanager begangen, private Charterflüge über seine Firma abgerechnet haben. Es geht um einen Betrag im „hohen sechsstelligen Bereich“, sagt das Essener Landgericht. Jahrelang hat die Staatsanwaltschaft wegen der Vorgänge ermittelt und am Montag nun ihre Anklage eingereicht.

Man versteht den Ermittlungseifer der Behörde, wenn man weiß, um wen es geht. Thomas Middelhoff muss womöglich mal wieder vor Gericht. Zwei weitere Prozesse laufen schon.

Middelhoff hat in seiner Karriere viel erreicht. Vom gefeierten Spitzenmanager bei Bertelsmann hat er es zum Sanierer des maroden Warenhauses KarstadtQuelle gebracht. Dabei wurde er Teil eines undurchsichtigen Beziehungsgeflechts, deren Mitglieder in den Ruin der größten Privatbank Europas, dubiose Immobiliengeschäfte und die Arcandor-Pleite verstrickt sind – nebst den dazugehörigen Wirtschaftsstrafverfahren. Die Klagen gegen Middelhoff sind nur die juristische Konsequenz der vielen unappetitlichen Interessenkonflikte, in die er sich manövriert hat.

Rundumversorgung für „Big T“

Die Geschichte beginnt 2002, auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Middelhoff hatte mit dem Verkauf von AOL-Anteilen für den Medienkonzern Bertelsmann Milliarden verdient. Die Gütersloher bedankten sich bei „Big T“ mit einem zweistelligen Millionenbonus. „Wenn man so will, fingen damit meine Probleme an. Ohne die Prämie ginge es mir vielleicht besser“, sagte Middelhoff der „ZEIT“, als der erste Prozess gegen ihn begann. „Ich hatte noch nie soviel Geld gehabt.“

Für sein neues Vermögen brauchte Middelhoff einen Anlageberater. Die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim empfahl einen ihrer engsten Geschäftspartner: Josef Esch, einen Bauunternehmer aus dem rheinischen Troisdorf, der für das Bankhaus Immobilienfonds auflegte. Esch verwaltete bald nicht mehr nur Middelhoffs Vermögen: „Da werden Sie ja fast schon lebensuntüchtig, die regeln alles. Wenn beispielsweise unsere Tochter ein Auto brauchte, übernahm Josef Esch das.“

Esch diente Middelhoff ein besonderes Anlageprodukt an: Geschlossene Immobilienfonds, in die Middelhoff gemeinsam mit seiner Frau Cornelie investierte. Die Fonds speisten sich aus Mietzahlungen der Karstadt-Warenhäuser in Leipzig, München, Potsdam, Karlsruhe und Wiesbaden, die Esch gemeinsam mit Sal. Oppenheim gekauft, saniert und an die Warenhauskette zurückvermietet hatte. Mit dem Deal sparte Karstadt kurzfristig Renovierungskosten, musste dafür aber langfristig umso höhere Mieten an die Esch-Fonds überweisen. Er habe sich wie Hans im Glück gefühlt, sagte Middelhoff der „ZEIT“: „Die Nachsteuerrendite betrug fünf Prozent“.

Mieter und Vermieter zugleich

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Als Esch die Fonds auflegte und Middelhoff investierte, hatte er noch nichts mit KarstadtQuelle zu tun. Doch wenig später wurde Middelhoff auf Bitten von Großaktionärin und Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz erst Chefkontrolleur und dann Vorstandschef der Warenhauskette, die er sanierte und zum Arcandor-Konzern umbaute. Als Karstadt-Chef war Middelhoff nun quasi Mieter bei seinen eigenen Fonds. Als Anleger hatte er ein Interesse an möglichst hohen, als Karstadt-Boss an möglichst niedrigen Mieten.

Middelhoff legte diesen heiklen Interessenkonflikt zwar seinem Aufsichtsrat offen. Um die Prüfung seines Investments bei den Esch-Fonds sowie der wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit der Karstadt-Kooperation mit seinem eigenen Vermögensverwalter kümmerte er sich aber selbst. Der Insolvenzverwalter der 2009 pleite gegangenen Warenhauskette fordert deshalb von Middelhoff und anderen Beteiligten 175 Mio. Euro Schadenersatz. Das Landgericht Essen hat Arcandors Insolvenzverwalter 2012 teilweise Recht gegeben, das Oberlandesgericht Hamm hat allerdings Zweifel an dem Urteil gegen Middelhoff signalisiert.

Luxusflüge und Millionenbonus auf Firmenkosten

Neben Vermögensanlagen mit eingebautem Interessenkonflikt nahm Middelhoff als Arcandor-Boss aber noch ganz andere Dienstleistungen von seinem Berater Esch in Anspruch. Middelhoff jettete vornehmlich in Luxusfliegern der Challenge Air um die Welt - einer Charterfirma, die Esch und dem damaligen Sal. Oppenheim-Chef Matthias Graf von Krockow gehörte.

Mit Hilfe von Esch soll Middelhoff so auf Firmenkosten ein kleines Vermögen verflogen haben – auch auf überschaubaren Strecken wie von Düsseldorf nach Bielefeld. Die Staatsanwaltschaft will ihn daher nun wegen Untreue anklagen. „Es ist nicht effizient, über die A2 zu fahren und fünf Stunden Fahrtzeit zu haben statt 20 Minuten Flugzeit“, erklärte Middelhoff der „ZEIT“ seine Reiseplanung. Die dienstliche Veranlassung jedes einzelnen Fluges sei erläutert worden, erklären Middelhoffs Anwälte.

Auch der Insolvenzverwalter des Arcandor-Konzerns fordert von Middelhoff vor dem Essener Landgericht Schadenersatz für die aus seiner Sicht unzulässig abgerechneten Flugkosten. Und für die Sonderzahlung von 2,3 Mio. Euro, die der Arcandor-Aufsichtsrat Middelhoff im Dezember 2008 genehmigte - „für seinen strategischen Weitblick und die mutigen Entscheidungen, die entscheidend zum Überleben des Unternehmens beigetragen haben.“ Ein halbes Jahr später war Arcandor pleite. Das Unternehmen hatte am Tag zuvor Middelhoffs Abgang bekanntgegeben. Aufsichtsratschef war damals Friedrich Carl Janssen, Finanzchef der Middelhoff bestens bekannten Privatbank Sal. Oppenheim.

Den Millionenkredit für sein Investment in die Esch-Fonds bekam Middelhoff übrigens ganz direkt von Sal. Oppenheim. Der Prozess gegen Matthias Graf von Krockow, Christopher von Oppenheim, Friedrich-Carl Janssen und Dieter Pfundt, die ehemalige Führungsriege des Geldhauses, sowie Middelhoffs Vermögensberater Josef Esch hat vergangene Woche begonnen. Sie sollen die einst größte Privatbank Europas mit Immobiliengeschäften und Spekulationen mit der Arcandor-Aktie in den Ruin getrieben haben.

Quelle: n-tv.de

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