Wirtschaft
(Foto: Institut für Kapitalmarktanalyse Dr. Markus C. Zschaber)

Welt-Systemstressindex: Der perfekte Sturm

Ein Gastbeitrag von Markus C. Zschaber

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten sind bereits in der Weltwirtschaft zu spüren. Die Märkte haben die Kraft, eigene Realitäten zu schaffen. Deshalb macht es Hoffnung, wenn man sich an Ludwig Erhard erinnert.

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Wir haben derzeit eine sehr komplizierte Gemengelage im globalen Finanzsystem, denn die aktuellen negativen Wechselwirkungen zwischen den Finanzmärkten, der Realwirtschaft und den politischen Krisen ist wirklich einmalig, und die Geschwindigkeit, mit der sich realwirtschaftliche und finanzielle Zyklen einzeln oder gegenseitig umkehren und negativ verstärken, ist atemberaubend, so die Aussage von Dr. Markus C. Zschaber, Chef des Instituts für Kapitalmarktanalyse (IFK) in Köln, welches den "Welt-Systemstressindex" monatlich veröffentlicht.

Die Auslöser, welche zu den starken Schwankungen auf den Finanzmärkten geführt haben, sind sehr vielschichtig. Ob diese aus der Wachstumsschwäche in China oder seitens der Zinswende in den USA herrühren, ist nach Angaben des IFK-Experten nur schwierig zu beantworten, aber wohl auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist die qualitative Einordnung der Finanzmarktschwankungen generell, denn es ist eine hohe positive Korrelation über alle Anlageklassen hinweg festzustellen, außer bei den sogenannten sicheren Häfen wie beispielsweise Staatsanleihen und Gold. Dieses lässt auf eine irrationale Fluchtbewegung der Investoren schließen, wobei dieses noch keinen systemischen Stress implizieren muss. Sorgen bereitet allerdings, dass einerseits ein dynamischer Anstieg der Wechselkursvolatilitäten in allen relevanten Währungspaaren festzustellen ist, welches auf eine ungeordnete Veränderung der Kapitalströme hinweist und anderseits die Prämien für Ausfallversicherungen von Banken aus Europa sowie die der europäischen Krisenstaaten Italien und Portugal oder auch die Zinsunterschiede von Unternehmensanleihen zu Staatsanleihen und in anderen Kreditbereichen in den USA, Europa und Asien ansteigen! Dieses entspricht zwar noch nicht den Niveaus wie in der vorangegangenen Finanzkrise, dennoch ist die Geschwindigkeit besagter Preis- und Zinsanstiege beachtlich und bedenklich.

Festzuhalten ist allerdings jetzt schon, dass die Turbulenzen an den Finanzmärkten bereits Einfluss auf die Weltwirtschaft genommen haben. Die Problematik hierbei ist, dass die Architektur der Weltwirtschaft als inhärent instabil gilt, da trotz der großen Krisen der Vergangenheit hohe gesamtwirtschaftliche Ungleichgewichte bestehen. Als ein Beispiel werden die hohen Leistungsbilanzunterschiede zwischen den internationalen Wirtschaftsräumen, die ein absorbieren von exogenen und partikularen Krisen ohne weitere Ansteckung und Beschleunigung schlicht unmöglich werden lassen, genannt.

"Die wechselseitige Abhängigkeit über die Kapitalströme, die Wechselkursentwicklungen oder zyklische Konjunkturereignisse sind die Konsequenzen der Internationalisierung und Globalisierung. In guten Zeiten wirken sie sehr beschleunigend auf das Wachstum und den Wohlstand, in schlechten Zeiten im noch höheren Maße negativ. Dieses kann sogar soweit führen, dass sie deflationäre Schocks hervorrufen können", erklärt Zschaber.

Die durch die Finanzmärkte widergespiegelten Konjunkturängste haben bereits zu niedrigeren Wachstumsaussichten von eigentlich robusten Volkswirtschaften geführt und erhöhen gleichzeitig die vorhandene realwirtschaftliche Instabilität in den Volkwirtschaften, die massive strukturelle Probleme verzeichnen. Dieses Szenario drückt die Rohstoffpreise, aber auch die Produzenten- und Güterpreise, so dass man bei den globalen Industriepreisen schon eindeutig mit deflationären Entwicklungen zu tun hat, welches wiederum die Furcht vor einer langanhaltenden Stagnation der Weltwirtschaft verstärkt, welches wiederum zur aktuellen Verunsicherung an den Finanzmärkten geführt hat. "Wir determinieren anhand unserer Ergebnisse einen sich selbst verstärkenden Krisenmultiplikator. Die Gefahr, dass die Welt erneut wieder in ein Szenario hineingedrängt wird, in denen unkalkulierbare Risiken dominieren und dadurch die realen Nachfragemärkte extrem unter Druck geraten, wie wir es beispielsweise im Jahr 2008/2009 erleben konnten, ist nicht zu unterschätzen", warnt der Experte.

Dr. Markus C. Zschaber
Dr. Markus C. Zschaber(Foto: V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft Dr. Markus C. Zschaber mbH)

Die Sorgen sind berechtigt, da zusätzlich auch die politischen Krisen wie beispielsweise die hohe Staatsverschuldung der Industriestaaten oder in vielen Schwellenländern, die Flüchtlingskrise in Europa und die divergente Notenbankpolitik, zu zusätzlichen übergeordneten systemischen Spannungen führen. Es ist sogar festzustellen, dass die politischen Krisen zu einem gewissen Vertrauensverlust in den Gesellschaften geführt haben. Während in der jüngeren Vergangenheit die Krisen in Europa die einzelnen Mitgliedsstaaten zusammengeschweißt und damit stärker haben werden lassen, führen sie heute dazu, dass der Glaube an eine gemeinschaftliche Lösung stetig sinkt, da die Komplexität der Zusammenhänge nicht mehr überblickt wird und die Politik dadurch handlungsunfähig wirkt und ohne klaren Konsens. Der systemische Stresspegel steigt aktuell von Tag zu Tag, die Gefahr ist vorhanden, dass aus einem angeschlagenen Vertrauen an den Finanzmärkten bzw. in der Wirtschaft und in den Gesellschaften entsprechende realwirtschaftliche Folgewirkungen eintreten, deren Kosten sehr hoch ausfallen können.

Trotz der vielen Schwierigkeiten bestehen aber laut den Datenanalysen des IFK Köln zur gegenwärtigen Gesamtgemengelage auch Möglichkeiten den multiplen Krisenherden entgegenzuwirken und diese zu kontrollieren und auch wieder umzukehren. An dieser Stelle zitiert man erneut Ludwig Erhard, der einmal sagte, Wirtschaft basiere zu 50 Prozent auf Psychologie – und damit hat er natürlich absolut Recht, denn es bedarf eines sogenannten "Momentum-Change" in den Köpfen.

Nach Angaben des IFK in Köln" muss der negativ wirkende Multiplikator dafür umgekehrt werden. Die niedrigsten Zinslevels weltweit müssen eine realwirtschaftliche Traktion bekommen, in dem die Staaten Infrastruktur- bzw. Konjunkturpakte (Transportwege, Wohnimmobilien, Bildung, Umwelttechnologie, Gesundheitssysteme, Technologie etc.) finanzieren, bzw. hier einen langfristigen Finanzierungsplan anlegen. Alleine die Ankündigung solcher Maßnahmen würde bereits für höhere Zuversicht Sorge tragen. Höhere Investitionsströme seitens der Staaten sind notwendig, die Unternehmen werden zeitverzögert folgen. Dies gilt für die USA, für Asien und insbesondere für Europa. Es verstärkt das Vertrauen in die Realwirtschaft und innerhalb der Gesellschaften und vertreibt die akuten Konjunkturängste!

Gleichzeitig müssen die Notenbanken wieder einen "analogen" Weg bestreiten, dieses bedeutet, dass die USA auf weitere Zinserhöhungen in 2016 und wahrscheinlich in 2017 verzichten muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass die USA in 2016 in eine nachhaltige Rezession abrutscht, liegt nach Berechnungen derzeit unter 15%. Aber die US-Volkswirtschaft ist natürlich von den internationalen Märkten abhängig, welches bedeutet, dass die deflationären Entwicklung auch dort ankommen und nicht unterschätzt werden sollten. Damit besteht geldpolitisch ausreichend Spielraum für einen Verzicht von weiteren Zinserhöhungen. In Summe werden dadurch die Ängste der Finanzmarktteilnehmer reduziert, dass Vertrauen steigt wieder und die gegenwärtige Konzentration der Kapitalströme auf die sicheren Häfen, wie Staatsanleihen aus z.B. Deutschland mit Nullrenditen kehrt sich wieder in eine rationalere Kapitalverteilung um. Durch eine erhöhte Konjunkturdynamik und sich erholende Finanzmärkte werden auch die Industriepreise stabilisiert. Dieser Maßnahmenkatalog wird durch einen positiven Multiplikator gestützt und verstärkt die Traktion auf die Realwirtschaft zusätzlich.

In diesem zeitlichen Kontext müssen aber auch die makroökonomischen Ungleichgewichte durch die G20 angegangen werden und gleichzeitig politische Lösungen für u.a. die Flüchtlingskrise umgesetzt werden. Die Zeiten der Debatten sind vorbei – Taten müssen jetzt folgen und die Politik muss den ersten Schritt machen, so die Experten.

Auf die Frage, ob das Jahr 2016 als Krisenjahr bereits abzuschreiben sei, antwortet der IFK Chef Zschaber: "Nein, das Wachstum der Schwellenländer lässt zwar nach, und China ist zu einem etwas langsameren Motor geworden, aber ich sehe hier keine Rezession, genauso wenig wie in den USA und Europa. Wir befinden uns in der Tat in einem schwachen Quartal, aber nicht in einer Rezession, der Markt bewertet das derzeit über. Hier liegt die Ursache für die gestiegene Volatilität an den Finanzmärkten und die gestiegene Angst. Aber Märkte haben die Kraft eigene Realitäten zu schaffen, wenn die Angst bzw. der Stress überspringt. Nur dieser Furcht muss durch politische Stellen entgegengewirkt werden, wie gesagt, sonst können selbsterfüllende Kräfte nachhaltigen konjunkturellen und gesellschaftlichen Schaden entfalten. Die Zeit drängt! Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass bereits im März auf der EZB-Sitzung eine erste Vorlage für einen "Momentum-Change" erfolgen könnte. Wenn die internationale Politik ebenfalls beschließt, Maßnahmen zu ergreifen, könnte dies den systemischen Stress abklingen lassen und das Jahr 2016 retten".

Funktionsweise Welt-Systemstressindex:

Da sich Finanz-, Währungs- und realwirtschaftliche Krisen typischerweise deutlich voneinander unterscheiden, muss für die Identifikation von systemischen Risiken eine Vielzahl an Variablen dynamisch herangezogen werden, um eine Determination zu ermöglichen. Der "Welt-Systemstressindex" operationalisiert die Interdependenzen zwischen den Finanzmärkten und den makroökonomischen Entwicklungen auf Basis von Veränderungen bzw. der Veränderungsgeschwindigkeit. Bis zu 6500 Variablen werden für die weltweite Bewertung berücksichtigt. Der Index bietet damit ein Gesamtbild über die Verfassung und Anfälligkeit der Weltkonjunktur, der Weltfinanzmärkte sowie deren wechselseitige Abhängigkeit.

Indexstände oberhalb eines Niveaus von 20 Punkten (maximaler Stress 100 Punkte) bedeuten ein Stressniveau, welches bereits hohe Belastungen für die Realwirtschaft und die Finanzmärkte suggeriert. Bewegt sich die Stresskurve dagegen unterhalb einem Indexstand von -20 Punkten (minimaler Stress -100 Punkte) bedeutet dies, dass eine Entspannung erfolgt, in der ein Umfeld für positive Entwicklungen und Normalverteilung vorherrscht. Die Niveaus zwischen +20 und -20 quantifizieren das neutrale Umfeld. In diesem Bereich ist Wachsamkeit gefordert, da hier, je nach Richtung (zunehmender oder abnehmender Stress), dynamische Anpassungen in der Weltkonjunktur und an den Finanzmärkten bereits auftreten können.

Die "Vermögensverwaltungsges. Dr. Markus C. Zschaber mbH" und das "Institut für Kapitalmarktanalyse (IFK) Köln" stellen den Index monatlich exklusiv der "Wirtschaftswoche" und dem Nachrichtensender n-tv zur Verfügung. Informationen zum Index finden Sie unter www.zschaber.de und www.kapitalmarktanalyse.com

Quelle: n-tv.de

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