Wirtschaft
Auf dem Sprung gen Osten: Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni.
Auf dem Sprung gen Osten: Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni.(Foto: dpa)

Mit Task Force zu neuem Wachstum: Deutsche Börse drängt nach Asien

Die Deutsche Börse spekuliert auf einen Boom für die Finanzbranche in Asien und setzt die Region daher ganz oben auf die Prioritätenliste. Anders als in etablierten Märkten mit Übernahmekandidaten muss der Börsenbetreiber das Feld selbst bestellen. Dafür sollen hierzulande die Kosten sinken, auch durch Stellenstreichungen.

Die Deutsche Börse setzt angesichts schrumpfender Finanzmärkte in Europa verstärkt auf Asien. In absehbarer Zeit werde bedeutsames Wachstum nicht in Europa und Nordamerika, sondern in Asien stattfinden, sagte Konzernchef Reto Francioni. Er hat deshalb eine "Task Force Asien" ins Leben gerufen, die das Wachstum des Konzerns in der Boomregion beschleunigen soll. "Die weitere Erschließung der Märkte in Asien ist auf mittlere Sicht erste Priorität."

Francioni reagiert damit auf den mauen Handel in Europa, der sich in den nächsten Jahren nicht spürbar beleben dürfte. Viele Banken schrumpfen ihre Bilanzsummen und handeln wegen der höheren Eigenkapitalanforderungen weniger. Das Spekulieren auf eigene Rechnung haben die meisten Institute ganz eingestellt. Die Politik will das Geschäft mit riskanten Finanzprodukten weiter zurückdrängen, unter anderem durch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Da die Finanzplätze London und Luxemburg bei der Börsen-Steuer nicht mitziehen wollen, werde es zu einer "einseitigen Schwächung des Finanzplatzes Deutschland" kommen, fürchtet Francioni.

Video

Die Deutsche Börse hat die Handelsflaute in den vergangenen Jahren bereits zu spüren bekommen. Die Umsätze im Aktienhandel sind auf das Niveau von 2005 zurückgefallen, im Derivategeschäft auf das Level von 2007. Im vergangenen Jahr brach der Gewinn um ein Viertel auf 645 Mio. Euro ein. Für 2013 Jahr wagt das Unternehmen angesichts des unsicheren Marktumfelds keine konkrete Prognose. Sollte sich die Lage nicht weiter bessern, würden die Umsätze auf dem Niveau des zweiten Halbjahres 2012 verharren, sagte Finanzchef Gregor Pottmeyer. Helle sich das Umfeld auf, könnten die Nettoerlöse moderat auf über zwei Mrd. Euro steigen.

250 Stellen fallen weg

Angesichts der Handelsflaute hat die Deutsche Börse ein 70 Mio. Euro schweres Sparprogramm angekündigt. Bis 2016 sollen dabei 250 Stellen wegfallen, davon 50 Führungspositionen. Etwa die Hälfte der Arbeitsplätze werden in Frankfurt gestrichen, die andere Hälfte in Luxemburg. Einen Aufschrei des Betriebsrats gab es bisher allerdings nicht, weil der Konzern keine betriebsbedingten Kündigungen plant und viele Mitarbeiter Interesse an den Abfindungsangeboten signalisiert haben.

Durch die Einsparungen will der Konzern auch Mittel für die Expansion in Asien freischaufeln, wo die Börse bisher vor allem mit ihrer Wertpapier-Verwahrtochter Clearstream aktiv ist. Insgesamt erwirtschaftet der Konzern bisher allerdings nur rund fünf Prozent seiner Umsätze in Asien, wie Pottmeyer einräumte. In den nächsten drei bis fünf Jahren will der Konzern die Erlöse in der Region aber um über 100 Mio. Euro steigern.

In den Wachstumsmärkten Asiens habe die Entwicklung der Finanzinfrastruktur bisher nicht mit der Entwicklung der Realwirtschaft Schritt gehalten, sagte Francioni. Das werde sich in den nächsten Jahren ändern. Nach Ansicht von Francioni wird die chinesische Währung Renminbi in den nächsten fünf Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen. "Wenn man da als Börsenorganisation nicht vertreten ist, hat man ein Problem."

"Blauäugigkeit von Bürokraten"

Da es in Asien kaum Übernahmemöglichkeiten gibt, will die Deutsche Börse dort aus eigener Kraft und durch Kooperationen wachsen. Große Übernahmen hat der Konzern nach der geplatzten Fusion mit der New York Stock Exchange (Nyse) ohnehin abgeschrieben. Auch an der europäischen Mehrländerbörse Euronext habe er kein Interesse, sollte diese zum Verkauf gestellt werden, betonte Francioni und bestätigte damit einen Reuters-Bericht von Anfang Januar. "Das ist für uns kein Thema."

Die EU hat die Fusion von Deutscher Börse und Nyse vor einem Jahr verboten, weil beide Konzerne aus ihrer Sicht eine marktbeherrschende Stellung im europäischen Derivatemarkt eingenommen hätten. Francioni ärgert sich über die Entscheidung noch heute - besonders, weil die Nyse nun wohl vom US-Konkurrenten ICE geschluckt wird. Er könne nur staunen, "mit welcher Blauäugigkeit hier von Bürokraten Chancen vergeben" worden seien, schimpfte Francioni.

Bei der Derivateplattform Scoach muss die Deutsche Börse künftig ohne den Partner SIX auskommen. Die Schweizer, die zuletzt deutlich mehr zum Umsatz des Gemeinschaftsunternehmens beisteuerten, kündigten die Zusammenarbeit mit den Frankfurtern auf. Künftig werden die Unternehmen das Geschäft mit strukturierten Produkten in der Schweiz und Deutschland wieder unabhängig voneinander weiterführen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen