Wirtschaft
Ein Ausdruck der zunehmenden Ungleichheit in den USA? Donald Trump liegt im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner vorn.
Ein Ausdruck der zunehmenden Ungleichheit in den USA? Donald Trump liegt im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner vorn.(Foto: REUTERS)

Mehr Ungleichheit, weniger Wachstum?: "Die Frage ist, wann das kippt"

Führt die Ungleichheit in Deutschland zwangsläufig zu weniger Wachstum? Davon ist die OECD überzeugt. Doch Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sieht das anders. Mit n-tv.de sprach der Ökonom über eine neue Studie des IW, Schwarzweiß-Malerei, Chancengleichheit und die AfD.

n-tv.de: Internationaler Währungsfonds, OECD und US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger wie Joseph Stiglitz stellen fest: Ungleichheit führe zu weniger Wachstum. Sie sehen das anders?

Michael Hüther: Unsere Studie zeigt, dass Ungleichheit einen negativen Einfluss auf das Wachstum haben könnte. Allerdings nicht generell, sondern in Volkswirtschaften mit einem recht geringen Bruttoinlandsprodukt. Für Industrienationen wie Deutschland ist dieser Zusammenhang nicht nachzuweisen. Beim Thema Ungleichheit hilft Schwarzweiß-Malerei nicht weiter.

Die OECD kommt zu einem konkreten Ergebnis. Sie sagt: Deutschland hätte nach der Wiedervereinigung um fast sechs Prozent mehr wachsen können, wenn es hierzulande weniger Ungleichheit gegeben hätte.

Prof. Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.
Prof. Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Ich kann diese Zahl nicht nachvollziehen. Die OECD differenziert nicht nach unterschiedlichen Entwicklungsstadien der betrachteten Länder. Sie schaut auch nicht auf das Ausgangslevel der Ungleichheit – und attestiert den gleichen Wachstumseffekt für alle Länder. Das ist ein Durchschnitt, der so viel Sinn macht wie ein Durchschnittsempfinden, wenn die eine Hand auf der Herdplatte liegt und die andere im Kühlschrank steckt.

Sie argumentieren: Wie Ungleichheit das Wachstum beeinflusst, ist von Land zu Land verschieden?

Ja. Bis zu einem Pro-Kopf-Einkommen von 9000 Dollar im Jahr haben wir solche Phänomene, wie vom IWF oder der OECD beschrieben. Es handelt sich um Schwellen- und Entwicklungsländer. Für Industrienationen – also auch für Deutschland – deuten Schätzungen eher auf einen positiven Zusammenhang von Wachstum hin. Denn dann werden Anreize für Bildungsinvestitionen, Unternehmertum und Innovationen gesteigert.

In den USA scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein.

Die Frage ist, wann das kippt. Wir haben herausgefunden: Wenn der Gini-Koeffizient für Nettoeinkommen in einem Land höher als 0,35 liegt, dann kann Ungleichheit tatsächlich für weniger Wachstum sorgen. Die OECD-Länder liegen im Schnitt bei 0,32, Deutschland bei 0,29. In den USA liegt er bei 0,4 – und das ist bedenklich.

Je höher der Gini-Koeffizient ist, umso höher ist die Ungleichverteilung…

Genau. In den USA sehen wir zahlreiche Probleme im sozialen Zusammenhalt, in der Struktur der Gesellschaft. Man kann die US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump und Bernie Sanders als Ausdruck dieser Probleme auffassen.

Muss man den Begriff Ungleichheit nicht weiter fassen? Haben wir in Deutschland nicht eine viel zu geringe Chancengleichheit, die Menschen hindert, ihr Potenzial auszuschöpfen?

Wenn Menschen beispielsweise ihr Bildungspotenzial nicht ausschöpfen können, ist das ein ernstes Problem. Zugleich muss man fragen: Hat sich das in Deutschland verbessert oder verschlechtert? Und hier stelle ich fest: Der Pisa-Schock hat gewirkt, so ist der Anteil der Menschen ohne Schulabschluss zurückgegangen. Das heißt natürlich nicht, dass die Politik keine Anstrengungen mehr unternehmen muss, um die Situation weiter zu verbessern. Wir brauchen Konzepte der individuellen Förderung. Frühkindliche Förderung ist eine kluge Investition.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher stellt in seinem Buch "Verteilungskämpfe" fest. Übertreibt er?

Ich finde nicht, dass das der gesellschaftlichen Realität entspricht. Das IW hat sich die Daten des sozio-ökonomischen Panels angeschaut. Demnach ist die Einschätzung der persönlichen wirtschaftlichen Lage und der wirtschaftlichen Lage insgesamt so positiv wie seit 1990 nicht mehr. Zugleich gibt es in unserer Gesellschaft ein hohes Maß an Vertrauensgewinn. Das widerspricht der These von einer Spaltung der Gesellschaft durch einen Verteilungskampf.

Aber sind die Wahlerfolge der AfD nicht ein Ausdruck einer gespaltenen Gesellschaft?

Nein. Die AfD hat nichts mit Verteilungsthemen zu tun. Zudem ist die AfD in vielen Dingen neoliberal ausgerichtet. Sie ist eher Ausdruck der Tatsache, dass das bestehende Parteiensystem relevante Stimmungen nicht abbildet. Das ist für eine parlamentarische Demokratie solange in Ordnung, wie die neue Partei glaubwürdig auf dem Boden der Verfassung steht.

Mit Michael Hüther sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen