Wirtschaft

Pleiten, Pech und Pannen: Die "Goldene Automobilzitrone" geht an...

Von Helmut Becker

Die "Gelben Engel" können ein Lied davon singen, aber auch andernorts hält die automobile Wirklichkeit nicht das, was sie verspricht. So werfen einige Studien mehr Fragen auf, als dass sie aussagekräftige Ergebnisse liefern.

Der Welt wird alljährlich der Weg durch den Dschungel des Lesens-, Hörens- und Sehenswerten im Zuge einer Pre-Selektion durch fach- und sachkundige Expertengremien in Form von Preisvergaben erleichtert. Diese Preise sind weltweit bekannt, heißen Oscar, Golden Globe, César, Bambi und so weiter. Nur das Goldene Lenkrad wurde abmontiert, ohne dass das den Automobilabsatz in Deutschland hätte einbrechen lassen, vermutlich weil in der Vergangenheit der Preisverleiher strikt darauf geachtet hat, ja alle Hersteller Jahr für Jahr gleichermaßen auszuzeichnen - ein Nullsummenspiel!

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.(Foto: Helmut Becker)

Aber das zeigt schon: Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, wo es Positiv-Preise für Gutes gibt, lassen natürlich auch Negativ-Auszeichnungen für Schlechtes nicht lange auf sich warten. Als da sind: Goldene Himbeere, Goldene Zitrone, Sprachpanscher des Jahres,  Plagiarius, Saure Gurke, Goldener Windbeutel und dergleichen mehr.

Nur auf dem Feld der Automobilberichterstattung ist dem Autor trotz emsiger Suche noch keinerlei angemessene Preisverleihung für grenzwertigen Inhalt untergekommen. Eine echte Lücke also. Das verlangt nach einer Korrektur!

Nachdem in dieser Kolumne ein Jahr lang versucht wurde, Hintergründiges aus der automobilen Glamourwelt durch akribisches Studieren und Analysieren der einschlägigen Gazetten und Fachjournale vordergründig zu machen, sei es erlaubt, auch einmal auf solche Analysen und Berichte hinzuweisen. Und zwar nicht, weil sie so gut sind, sondern weil sie ein völlig aufgeblasenes, aber verzerrtes oder überholtes Bild der automobilen Wirklichkeit zum Inhalt hatten. Ihrer soll hier durch Verleihung der "Goldenen Automobilzitrone" gedacht werden.

Wie sich das für eine mediale und gesellschaftliche Innovation gehört, gibt es für die wertvolle Auszeichnung 2014 gleich zwei Preisträger. Was schon im Ansatz erkennen lässt, dass die Auswahl nicht leicht war, weil viele zwar berufen, aber nur wenige auserwählt waren.

And the Winner is …

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Die erste "Goldene Automobilzitrone 2014" hat sich das Center of Automotive Management (CAM) der FHDW Bergisch Gladbach verdient, das im Oktober die Ergebnisse einer zweijährigen Forschungsarbeit über die Lage und Strategien der deutschen Automobilzulieferer veröffentlicht hat: Zum einen sind die Ergebnisse der Studie altbekannt und kein bisschen neu, zum anderen entsprechend sie in weiten Teilen nicht der Wirklichkeit.

Durch zahlreiche Tiefeninterviews und schriftliche Befragungen mit Geschäftsführern von 129 deutschen Zulieferbetrieben haben die CAM-Forscher die Lage der Branche ergründet und dabei herausgefunden, dass dieses Rückgrat der deutschen Autoindustrie schwächelt. Die Zulieferer steckten in der Klemme: Ihr Geschäft auf dem stagnierenden Heimatmarkt werde wohl auch künftig nicht mehr wachsen - und bei der Innovation, Internationalisierung und den Kosten können sie nicht mit den großen Zulieferern mithalten.

Zudem werden die Produktionsbedingungen in Deutschland zunehmend als schlecht empfunden. "Aufgrund des stagnierenden europäischen Automobilmarktes und der zunehmend globalisierten Produktionsstrukturen der Hersteller wird daher ein Auslandsengagement für die mittelständischen Automobilzulieferer immer wichtiger", sagt Studienleiter Stefan Bratzel. Für ihre internationalen Werke wünschen sich die großen Hersteller wie VW, BMW und Daimler, dass auch ihre Zulieferer eine nahe Produktion einrichten. Wer sich darauf nicht einlässt, droht den Auftrag zu verlieren.

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Vielen Kleinen fehlt allerdings die Voraussetzung, um sich zu internationalisieren - 65 Prozent scheuen den Gang ins Ausland wegen hoher Marktrisiken, was sie aber nicht abhält, dem Ergebnis der Studie zufolge künftig todesmutig häufiger im Ausland zu produzieren. Eine Zukunft in Deutschland sieht ein überwiegender Anteil der Befragten nur noch für die Forschung und Entwicklung sowie für Marketing und Vertrieb.

Die CAM-Studie kommt zu dem spektakulären Ergebnis: Während die Autohersteller ihre Verluste auf dem stagnierenden europäischen Markt in der Regel durch internationale Erfolge kompensieren könnten, fehlte vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Strategie, um langfristig zu überleben: "Wird nicht massiv gegengesteuert, sind mittelfristig bis zu 150.000 Arbeitsplätze in Deutschland bedroht", heißt es in der Studie. In einer Branche, die deutschlandweit noch 850.000 Menschen beschäftigt, würde damit jeder sechste Arbeitsplatz verlorengehen.

Mit diesen aufregenden Erkenntnissen und Ergebnissen hat sich die CAM-Studie die "Goldene Automobilzitrone" redlich verdient. Beherzt hat sie einen Sachverhalt beschrieben, der zum einen altbekannt ist und zum anderen nicht den Fakten entspricht. So hat der Internationalisierungs- und Abwanderungsprozess der großen Zulieferer schon vor fast 30 Jahren begonnen und ist inzwischen weitgehend abgeschlossen - was hier ist, bleibt hier.

Des Weiteren: Die kleineren Zulieferer im Inland haben in der Regel höhere Gewinnmargen als die Großen, ihnen geht es besser als den Branchengoliaths, weil sie nicht im direkten Kostenkalkulationszugriff der Hersteller stehen. Bei Innovationen und den Kosten können sie hervorragend mit den großen Zulieferern mithalten. Auch bei in Zukunft schrumpfenden Märkten haben sie eine auskömmliche Marktposition gegenüber ihren Abnehmern – zugegeben: allerdings nicht alle!

And the Winner is too …

Die zweite "Goldene Automobilzitrone 2014" geht an eine ebenfalls im Oktober 2014 veröffentliche Befragungs-Studie der Unternehmensberatung Boston Consult Group (BCG) unter weltweit 1500 Führungskräften über die Innovationskraft global tätiger Unternehmen. Bei der Innovationskraft-Rangliste belegten die vorderen Plätze erneut US-Technologieunternehmen wie Apple, gefolgt von Google, Microsoft, IBM und dem E-Auto-Pionier Tesla

Im Vergleich dazu fällt die Innovationskraft der Autoindustrie in der Wahrnehmung der befragten Manager weltweit deutlich zurück. Die Begründung laut BCG: Die Hersteller zögern vor den Risiken bei der Umsetzung der großen Innovationen - wie etwa dem Elektroauto oder dem vernetzten Automobil.

Vor allem die Innovationskraft deutscher Autohersteller ist laut Studie geschrumpft. Die deutschen Hersteller VW, Daimler und Audi schafften es nicht einmal in die Top 20. Nur vier Autokonzerne schafften es unter die Top 20: Tesla, BMW, Toyota und Ford - im Vorjahr waren es noch neun. War BMW 2013 noch als einziger deutscher Hersteller unter die ersten zehn innovativsten Firmen gekommen, lagen die Bayern nun auf Platz 18. Auch Volkswagen (Platz 21) Daimler (25) und Audi (28) sackten im Ranking der BCG-Studie deutlich ab.

Dabei steckt beispielsweise gerade der Autokonzern aus Wolfsburg einer anderen Studie zufolge so viel Geld in Forschung und Entwicklung wie kein anderer börsennotierter Konzern der Welt. Mit 13,5 Milliarden Dollar (10,6 Milliarden Euro) rangiert das aktuelle Jahresbudget für die Innovationskraft von VW noch vor dem Mischkonzern Samsung aus Südkorea (13,4 Milliarden Dollar) sowie den US-Technologieriesen Intel und Microsoft (jeweils knapp mehr als 10 Milliarden Dollar). 

Allein dieses Ranking hätte schon eine "Goldene Automobilzitrone" verdient. Der Knüller der Studie aber ist, dass einzig Tesla seinen Platz unter den innovativsten Automobilunternehmen deutlich steigern konnte. Das Unternehmen aus Kalifornien stieg um 34 Plätze auf den höchsten Platz unter den Autoherstellern, obwohl das Unternehmen seit seiner Gründung noch keinen Dollar Gewinn gemacht hat und bisher lediglich 30.000 Autos verkaufen konnte. Das brachte der BCG Studie schlussendlich die "Goldene Automobilzitrone" ein.

Was lehrt uns das? Die Ergebnisse solcher Managerbefragungen sind zwar ganz nett, aber das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Was wirklich zählt, ist nicht die Meinung irgendeines fachfremden Managers über den Wert oder Unwert eines Unternehmens oder eines Autos, sondern was der Markt davon hält. Ablesen lässt sich das dann an den Absatzzahlen oder am Aktienkurs oder aus der Höhe des Stapels an Bewerbungsschreiben, die bei dem betreffenden Unternehmen eingehen. Genauso wenig wie das verblichene "Goldene Lenkrad" irgendeine Orientierungsfunktion für die Automobilkäufer hatte; genau sowenig relevant sind die Ergebnisse  solcher Befragungsstudien für die öffentliche Ansehen von Unternehmen in Bezug etwa auf ihre Innovationskraft. Beliebt ist, was dem Markt gefällt, nicht was Studien glauben herausgefunden zu haben.

Quelle: n-tv.de

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