Wirtschaft
Unter den Paketboten der Deutschen Post gärt es. Droht ein langer Arbeitskampf?
Unter den Paketboten der Deutschen Post gärt es. Droht ein langer Arbeitskampf?(Foto: picture alliance / dpa)

Streikwelle wie bei der Bahn?: Die Post hat ein Nikolaus-Problem

Von Hannes Vogel

Nach Dauer-Streiks bei Lufthansa und Bahn droht womöglich bald auch bei der Post ein langer Arbeitskampf. Unter den Paketboten rumort es. Und die Fronten scheinen ähnlich verhärtet wie bei Piloten und Lokführern.

In die Geschichte der deutschen Tarifkonflikte könnte die Episode vielleicht irgendwann als der Nikolaus-Vorfall eingehen. Die Gewerkschaft Verdi hat für Freitag bundesweit zu Betriebsversammlungen in fast allen Paketzentren der Deutschen Post aufgerufen. Drei Stunden ruht deshalb ab 18 Uhr die Arbeit, Pakete könnten am nächsten Tag womöglich nicht rechtzeitig ankommen. Post-Chef Frank Appel drückte medial auf die Tränendrüse: "Mich wundert schon, dass man ausgerechnet vor dem Nikolaustag, an dem alle Kinder auf ihre Geschenke warten, eine Betriebsversammlung abhält".

Wenn der Chef eines Dax-Konzerns wegen einer Betriebsversammlung zu den Medien läuft, ist das meist ein sicheres Zeichen, dass mehr hinter der Sache steckt. Der Nikolaus-Vorfall ist womöglich nur das Vorgeplänkel eines kommenden Arbeitskampfes. Wenn die hochkochenden Gefühle ein guter Gradmesser sind, dann braut sich bei der Deutschen Post etwas zusammen.

Noch dürfen die Post-Mitarbeiter nicht streiken. Bis der Tarifvertrag am 31. Mai ausläuft, sind die betroffenen 130.000 Angestellten zum Stillhalten gezwungen. Doch mit der verkappten Arbeitsniederlegung am Freitag machen sie schon jetzt Stimmung: Die vielen befristeten Verträge bei den Postboten sind Verdi ein Dorn im Auge. Die Fronten scheinen ähnlich verhärtet wie zwischen Lokführern und Bahn, Piloten und Lufthansa. Denn auch bei dem Bonner Konzern geht es um Grundsatzfragen, die sich nicht einfach durch ein paar Prozent mehr Lohn aus der Welt schaffen lassen.

"Zukunftsfähigkeit steht auf dem Spiel"

Offiziell geht es bei der kommenden Tarifrunde im Frühjahr nur ums Geld. Aber wie bei der Lufthansa sind die Lohnverhandlungen mit Strukturproblemen verknüpft. "Die Deutsche Post zahlt doppelt so hohe Löhne wie andere Post- und Paketunternehmen. Die Anzahl von Befristungen lässt sich schrittweise nur reduzieren, wenn eine zukünftige Tarifstruktur bei neuen Mitarbeitern eine marktgerechte Bezahlung ermöglicht", sagt der zuständige Post-Vorstand Jürgen Gerdes. "Die Zukunftsfähigkeit der Post in Deutschland steht auf dem Spiel".

Die Post droht also, weiter auf befristete Verträge zu setzen, falls sie neuen Mitarbeitern nicht deutlich weniger zahlen darf. Das dürften die Postboten kaum mit sich machen lassen. "Wir sind jederzeit streikfähig", sagt eine Verdi-Sprecherin. "Wir streiken nicht um des Streiks willen. Aber wir wollen die Interessen unserer Mitglieder durchsetzen". Alles hänge von den kommenden Verhandlungen ab.

Einen flächendeckenden Poststreik hat es zwar noch nie gegeben, sondern immer nur Warnstreiks in einzelnen Städten. Doch wie bei Bahn und Lufthansa können sich beide Seiten noch nicht einmal auf eine gemeinsame Definition des Problems einigen. Konzernspitze und Post-Mitarbeiter blicken wie bei dem Staatsbetrieb und der Airline mit völlig verschiedenen Wahrnehmungen auf die Wirklichkeit.

Verdi rechnet vor, dass es rund 24.000 befristete Arbeitsverträge bei den 130.000 betroffenen Post-Mitarbeitern gibt. Die Post spricht dagegen nur von 14.700, weil sie 9000 Saisonarbeiter aus dem Weihnachtsgeschäft nicht mitzählt. Diese würden freiwillig befristet arbeiten. Das seien beileibe nicht nur Aushilfen oder Studenten, hält Verdi dagegen, sondern sogenannte Abrufkräfte, die immer wieder angerufen würden.

Prekäre Jobs mit "Kettenverträgen"

Wie viele ihrer Zusteller befristete Verträge haben, will die Post nicht sagen. Laut Verdi arbeiten von den 24.000 Angestellten mit befristetem Vertrag 20.000 als Paketboten und 4000 in den Verteilzentren. Die Befristungsquote in der reinen Paketzustellung liege unternehmensweit bei rund 30 Prozent. "Der Paketmarkt wächst seit geraumer Zeit, nicht nur bei der Post. Wir begrüßen sehr, dass neue Arbeitsplätze entstehen. Wir können aber nicht hinnehmen, dass der Aufbau über prekäre Beschäftigungsverhältnisse laufen soll", sagt eine Verdi-Sprecherin.

Die Gewerkschaft wirft der Post vor, das Gesetz zu missbrauchen, um viele Paketboten nicht fest anstellen zu müssen. Dafür würden die Arbeitsverträge zunächst ohne Begründung befristet. Das erlaubt das Gesetz für höchstens zwei Jahre. Doch danach würden die Paketzusteller nicht etwa fest angestellt, sondern bekämen wieder nur Zeitverträge - diesmal aber mit einer Begründung. Das geht unter anderem, wenn "der betriebliche Bedarf an der Arbeitsleistung nur vorübergehend besteht".

Im Ergebnis würden viele Post-Mitarbeiter nie festangestellt, sondern bekämen jahrelange "Kettenverträge": Beschäftigte mit zehn, 20 oder gar deutlich über 50 befristeten Arbeitsverträgen seien nicht die Ausnahme. "Diese Art der Gängelung wurde vom Vorstand inzwischen offenbar zum Prinzip erhoben", moniert Verdi-Vizechefin Andrea Kocsis.

Die Post kann die Kritik nicht nachvollziehen: "Massenhafte Befristungen oder Kettenverträge, wie es Verdi uns vorwirft, gibt es nicht. In der Paketbranche sind wir der Dienstleister mit den fairsten Arbeitsbedingungen", sagt eine Sprecherin. Warum befristete Verträge als prekär gelten sollen, erschließe sich nicht: Schließlich zahle die Post befristet Beschäftigten den gleichen Lohn wie unbefristeten Mitarbeitern.

Zu dem Streit um prekäre Jobs kommt noch eine andere Hürde, die die Verhandlungen platzen lassen könnte. Nicht nur der Tarifvertrag läuft im Frühling aus. Kommenden Dezember endet dann auch der Beschäftigungspakt, der die Postboten vor betriebsbedingten Kündigungen schützt. Falls es nicht schon im Frühjahr zum Arbeitskampf kommt, droht der Post also in einem Jahr wieder ein Nikolaus-Problem.

Quelle: n-tv.de

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