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GDL-Chef Weselsky ist nicht irre: Härte zeigen ist nur seine beste Strategie.
GDL-Chef Weselsky ist nicht irre: Härte zeigen ist nur seine beste Strategie.(Foto: picture alliance / dpa)

GDL-Chef Weselsky ist kein Irrer: Die Strategie des "Bahnsinnigen"

Von Hannes Vogel

Deutschland ist vom Lokführer-Streik gefrustet. Die Medien diffamieren GDL-Chef Weselsky als Verrückten. Doch der Gewerkschaftsboss ist kein Irrer. Er verhält sich völlig rational: Rücksichtslose Härte ist unmoralisch. Aber die beste Strategie.

"Einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen". Schon Batmans Butler Alfred hatte eine schnelle Antwort auf die Frage parat, warum der Erzfeind des Fledermaushelden Gotham City unbedingt in Schutt und Asche legen will: Der "Joker" ist ein Wahnsinniger: "Man kann ihn nicht kaufen, einschüchtern, ihn zur Vernunft bringen oder mit ihm verhandeln".

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Lokführer-Chef Claus Weselsky scheint so ein Verrückter zu sein. Alle Angebote der Bahn lehnt er als "scheinheilig" ab. Von einem Schiedsgericht will er den Tarifstreit nicht schlichten lassen. Manche Medien machen ihn dafür zu einer "Joker"-Karikatur: Sie diffamieren ihn als "Bahnsinnigen" (Bild-Zeitung) oder "Streik-Rambo" (Focus Online) und lassen seine Ex-Frau schmutzige Wäsche waschen: Die sagt, Weselsky sei schon zu Hause ein Diktator gewesen, er missbrauche das Streikrecht aus purem Egoismus.

Doch Weselskys Verhalten nur mit seiner Persönlichkeit zu erklären, ist zu einfach. Auch die Angst vor dem Tarifeinheitsgesetz, das faktisch das Ende kleiner Gewerkschaften wie der GDL bedeuten könnte, reicht dafür nicht aus. Weselsky ist nicht verrückt. Jedenfalls nicht, wenn man sein Verhalten mit dem Nutzen erklärt, den er aus seinen Entscheidungen zieht. Diese Verhalten-Nutzen-Abwägung folgt den Gesetzen der Spieltheorie, mit der Wissenschaftler seit den 70er Jahren Entscheidungen zu erklären versuchen.

Danach handelt Weselsky völlig rational. Der Grund für seinen Widerstand liegt nicht in ihm, sondern in der Struktur des Konflikts: Der GDL-Boss weiß, dass er auch in künftigen Tarifkämpfen mit der Bahn verhandeln wird. Und denkt deshalb beim Bahnstreik heute schon an morgen: Er versucht sich einen Ruf der Härte aufzubauen, um in der Zukunft mehr zu erreichen. Er ist kein Irrer, sondern verfolgt strategische Motive.

Pokernde Freaks im Führerstand

Auch in der Konflikttheorie ist der Ansatz beliebt, das Verhalten von Radikalen allein mit deren Persönlichkeit zu erklären. Wissenschaftler nennen solche unnachgiebigen Zeitgenossen "Spoiler": Spielverderber, denen wegen ihres Charakters und ihrer ideologischen Verblendung einfach nicht beizukommen ist. Irans Hardliner-Präsident Mahmud Ahmadinedschad, Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un und Syriens Machthaber Baschar al-Assad sind gute Beispiele.

Der "Irre aus Teheran" (Bild-Zeitung), der klatschende Parteichef aus Pjöngjang oder der "Hitler Syriens" (US-Außenminister John Kerry) mögen wirklich nicht ganz dicht sein. Trotzdem ist es in ihrer Entscheidungssituation rational, nie nachzugeben. Sie sind in Konflikten gefangen, die lange dauern werden. Und erhoffen sich Zugeständnisse in der Zukunft, indem sie heute Härte zeigen. Ich lenke nicht ein, signalisieren sie. Damit ihre Gegner wissen, dass sie Entgegenkommen beim nächsten Mal gar nicht erst zu erwarten brauchen.

Auch auf den Piloten-Streik oder den Ausstand bei der Bahn lässt sich die Erkenntnis übertragen. Bei der Lufthansa sitzen keine "Joker" im Cockpit, bei der Bahn keine Freaks im Führerstand. Die vermeintlich irren Piloten und Lokführer sehen die unmittelbaren Kosten des Streiks als langfristig profitables Investment in ihre Verhandlungsmacht. GDL-Boss Weselsky macht es wie ein abgebrühter Pokerspieler: Er spielt jetzt alles oder nichts, damit die Bahn sich in der nächsten Runde gar nicht erst traut, ihn herauszufordern. Denn für Weselsky sind die Kosten, die er heute tragen muss, kleiner als der Nutzen, den er morgen davon hat.

Krieg ist unmoralisch, aber effektiv

Diese Art der Abschreckung mag zutiefst unmoralisch sein. Denn um einen Ruf der Härte zu gewinnen, führen manche "Spielverderber" Kriege, in denen hunderttausende Menschen sterben, und GDL-Boss provoziert Weselsky einen Konflikt, in dem hunderttausende Bahnreisende als Geiseln leiden. Trotzdem ist es die erfolgversprechendste Strategie. Denn sie wirft eine Machtdividende ab.

Einen Haken hat die Sache jedoch: Das Säbelrasseln muss unbedingt glaubwürdig sein. Weselsky muss den Kampf mit der Bahn überstehen, um in die nächste Runde zu kommen. Niemand darf ihn entlarven, falls er blufft. Er muss dem Druck standhalten. Das fällt "Spielverderbern" umso leichter, je einfacher sie die Kosten schultern können: Wenn Kriege zum Beispiel stellvertretend in einem anderen Land stattfinden. So wie bei Weselsky: Auch er trägt den Konflikt woanders aus. Er verlagert die Kosten auf die Reisenden.

Der Lokführer-Chef wird nicht einlenken, solange die Bahn nicht die Anreize verändert. Denn seine Strategie geht auf. Er ist jetzt in einer noch stärkeren Position. Das Arbeitsgericht hat die Berufung gegen seinen Streik abgewiesen. Die Bahn ist am Zug: Sie muss den Clinch mit dem GDL-Boss von kommenden Verhandlungen entkoppeln. Sie muss Weselsky klarmachen, dass sie die Existenz seiner Gewerkschaft in der Zukunft nicht antasten wird, wenn er heute einlenkt. Sonst läuft alles auf die Lösung hinaus, die Butler Alfred Batman vorschlug, um den Räuber in Birma zu besiegen, der sich wie der Joker verhielt: "Wir brannten den Wald nieder".

Quelle: n-tv.de

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