Wirtschaft
Lohnt es sich wirklich, oder lohnt es sich nicht? Prokon-Werbesticker in einer U-Bahn.
Lohnt es sich wirklich, oder lohnt es sich nicht? Prokon-Werbesticker in einer U-Bahn.(Foto: dpa)

Verbraucherschützer warnt vor Prokon-Pleite: "Die Welle aufzuhalten wird schwer"

Fast 1,4 Milliarden Euro haben Zehntausende Anleger in den Ökostrom-Finanzierer Prokon gesteckt. Nun droht die Pleite: Immer mehr Investoren ziehen ihr Geld ab. So oder so sieht es wahrscheinlich düster für sie aus, sagt Verbraucherschützer Christian Urban.

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n-tv.de: Herr Urban, der Windanlagenbauer Prokon hat seinen Anlegern mit der Pleite gedroht, wenn sie ihr Geld abziehen. Was halten Sie von diesem Vorgehen?

Christian Urban: Es zeigt wie ernst die Lage ist: Sollten die Anleger jetzt massiv ihre Genussrechte kündigen, steht Prokon unmittelbar vor der Insolvenz. Das sagt das Unternehmen ja selbst. Auf dem Kündigungsformular sollen die Anleger Prokon schriftlich bestätigen, dass sie "eine Insolvenz von Prokon bewusst in Kauf" nehmen, wenn sie ihr Geld abziehen wollen. Die Formulierung ist mehr als unglücklich gewählt. Aber es ist wohl die Realität.

Ist das nicht Erpressung?

Es zeigt sich, dass es sich bei Genussrechten wie Prokon nicht um eine risikolose Anlage handelt. Wie auch bei anderen geschlossenen Beteiligungen handelt es sich bei Genussrechten um eine riskante Geldanlage, die nun möglicherweise schiefgeht. Im allerschlimmsten Fall kommt es zum Totalverlust.

Sollten die Anleger ihr Geld nun also abziehen?

Die Situation ist außerordentlich schwierig: Entweder ziehen die meisten Investoren jetzt ihr Geld ab, dann ist Prokon nach eigenen Angaben insolvent. Oder es bleibt genug Geld im Unternehmen, dann kann Prokon vorerst weitermachen. Möglicherweise kommt die Insolvenz dann aber nur zu einem späteren Zeitpunkt, falls es Prokon nicht doch noch gelingen sollte, das Ruder herumzureißen. Egal wie sich die Anleger entscheiden: In keiner Variante ist es sicherer, dass die Anleger ihr Geld wiedersehen. Um allerdings sogar noch zusätzliches Geld in Prokon zu stecken, wie es die Firma jetzt vorschlägt, muss man ihr schon sehr vertrauen.

Entstehen denn Nachteile, wenn Anleger ihre Beteiligung jetzt nicht kündigen?

Unseres Erachtens nicht. Denn im Falle einer Insolvenz werden grundsätzlich alle Anleger gleich behandelt, egal ob sie ihre Genussrechte vorher gekündigt haben, oder nicht. Im ganz normalen Gang eines Insolvenzverfahrens wären die Anleger, die nicht gekündigt haben nicht nachrangig zu behandeln gegenüber den Investoren, die ihr Geld schon vorher zurückgefordert haben. Allerdings sollten Anleger diese Frage für ihren individuellen Fall vorher von einem Rechtsanwalt prüfen lassen.

Werden die Anleger ihr Geld denn überhaupt wiedersehen?

Jede Vorhersage kommt einem Blick in die Glaskugel gleich. Es ist derzeit noch gar nicht absehbar, ob oder wann Prokon überhaupt in die Insolvenz gerät. Falls Prokon pleite geht, hängt es letztlich davon ab, ob noch genügend Vermögen im Unternehmen ist. Das dürften vor allem die Windanlagen von Prokon sein. Diese müsste das Unternehmen dann verkaufen, fraglich ist der dabei erzielbare Preis. Denn zuerst werden mit dem Erlös die vorrangig zu bedienenden Gläubiger ausbezahlt. Erst wenn dann noch Gelder übrig bleiben, werden die Genussrechtsinhaber ausgezahlt.

Lässt sich die Pleite überhaupt noch stoppen? 2013 haben die Anleger schon 130 Millionen Euro abgezogen, weitere 150 Millionen Euro werden bis Mitte Februar fällig, sagt Prokon selbst.

In der Tat dürfte es schwer werden, die Welle aufzuhalten, die da in Gang gekommen ist. Dafür müssten laut Prokon 95 Prozent aller Anleger ihr Geld in der Firma lassen, statt es abzuziehen. Das ist meiner Erfahrung nach eine ziemlich hohe Hürde, die das Unternehmen erst einmal nehmen muss.

Prokon behauptet, das einzige Problem sei die Panik der Anleger, die durch sensationslüsterne Medien oder Verbraucherschützer wie Sie geschürt werde.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen empfiehlt Kleinanlegern grundsätzlich die Finger von Produkten des Grauen Kapitalmarktes zu lassen. Vor allem wegen des dabei bestehenden Totalverlustrisikos. Diese Warnung sprechen wir unabhängig von einzelnen Unternehmen oder Anbietern aus. 

Aber treiben die Anleger Prokon nicht selbst in einer Art Wettlauf der Angst in die Insolvenz, indem sie ihre Beteiligungen kündigen? Noch ist das Unternehmen ja nicht pleite.

Die Prokon-Anleger stecken in einem Gefangenendilemma. Kündigen sie, haben sie die Chance vielleicht der Glückliche zu sein, der noch rechtzeitig aus der Misere rauskommt. Aber wenn das alle tun, ist Prokon pleite. Prokon will, dass sich die Anleger bis spätestens 20. Januar entscheiden: Entweder zwingen sie Prokon in die Insolvenz oder geben dem Unternehmen eine zweite Chance. Im Prinzip läuft gerade nichts Anderes als eine Abstimmung über die Zukunftsfähigkeit von Prokon.

Mit Christian Urban sprach Hannes Vogel

Quelle: n-tv.de

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