Deutsche Industrie zeigt SchwächeDienstleister schieben Wirtschaft an
Dienstleister hui, Industrie pfui: Die deutschen Einkaufsmanagerindizes präsentieren sich im Juni uneinheitlich. Der Markit-Index für die Dienstleister klettert stark und befindet sich oberhalb der Wachstum signalisierenden 50-Punkte-Marke. Der Industrieindex sackt dagegen weiter ab.
Eine überraschend starke Dynamik der Dienstleister hat der deutschen Wirtschaft im Juni ein leichtes Wachstum beschert. Die Industrie hingegen beschleunigte ihre Talfahrt unerwartet, wie aus einer Umfrage des Markit-Instituts unter rund 1000 Unternehmen hervorgeht. Der Einkaufsmanagerindex für die gesamte Privatwirtschaft stieg im Vergleich zum Mai um 0,7 auf 50,9 Punkte und blieb damit über der Wachstumsschwelle von 50 Zählern.
Markit-Ökonom Andrew Harker erwartet für das laufende Quartal eine Stagnation oder leichtes Wachstum, sieht aber auch Grund zur Sorge. "So vergrößerten sich die Auftragsverluste, und bei der Beschäftigung kam es wegen der hartnäckigen Nachfrageflaute den zweiten Monat in Folge zu einem Rückgang", sagte Harker.
Auch das Hochwasser in Teilen Deutschlands dürfte dämpfend wirken. "Zwar wurde die Flutkatastrophe der letzten Wochen von den Umfrageteilnehmern nicht explizit erwähnt, doch dürften sich deren Auswirkungen in nächster Zeit sehr wohl in den Daten niederschlagen", sagte der Experte. Das sei auch 2002 so gewesen.
Industrie erhält weniger Exportaufträge
Bei den Dienstleistern ging es unerwartet deutlich bergauf. Das Barometer kletterte um 1,6 auf 51,3 Zähler und übertraf damit die Erwartung aller befragten Analysten. Im Mittel hatten die Experten nur einen Anstieg auf 50 Punkte erwartet. Die Neuaufträge der Unternehmen gingen zwar wie seit Februar 2012 zurück. Zudem bauten sie unterm Strich den zweiten Monat in Folge Stellen ab. Allerdings konnten die Firmen am Markt höhere Preise durchsetzen und blickten zuversichtlicher nach vorn als zuletzt.
In der Industrie liefen die Geschäfte hingegen spürbar schlechter. Der Markit-Index fiel auf 48,7 von 49,4 Punkten und damit stärker als von den größten Pessimisten befürchtet. Die befragten Analysten hatten im Mittel sogar einen Anstieg auf 49,8 und damit in die Nähe der Wachstumsmarke erwartet. Die Produktion der Firmen stagnierte weitgehend, während das Neugeschäft leicht zurückging, die Exportaufträge sogar spürbar. Die Beschäftigung sank so stark wie seit Januar nicht mehr, zudem sanken die Kosten erneut kräftig.
Die deutsche Wirtschaft war wegen des langen und harten Winters zum Jahresauftakt nur 0,1 Prozent gewachsen. Für das laufende Quartal sagen die meisten Experten ein deutlich stärkeres Plus voraus. Für das Gesamtjahr allerdings rechnet etwa die Bundesbank nur mit einem mageren Wachstum von 0,3 Prozent.
Kleiner Lichtblick in Euroland
In der Eurozone verlangsamte sich die Talfahrt etwas. Dennoch signalisieren Daten aus der Industrie und von den Dienstleistern, dass der Währungsraum im laufenden Quartal zum siebten Mal in Folge in der Rezession verharrt. Der Markit-Einkaufsmanagerindex für die gesamte Privatwirtschaft stieg im Vergleich zum Mai um 1,2 auf 48,9 Punkte und erreichte das höchste Niveau seit März 2012. Das Barometer bleibt aber immer noch unter der Wachstumsschwelle von 50 Zählern.
"Damit fällt das zweite Quartal 2013 zwar erneut schwach aus, doch häufen sich die Anzeichen für eine weitere Entschärfung der Lage", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Es sei davon auszugehen, dass das Bruttoinlandsprodukt zwischen April und Juni um 0,2 Prozent schrumpfe und damit genauso stark wie im ersten Quartal.
Bei der Industrie ging es nach oben - auf 48,7 von 48,3 Punkten und damit auf ein 16-Monats-Hoch. Die Dienstleister legten zu auf 48,6 von 47,2 Zählern im Mai. "Den Entscheidungsträgern der Euro-Zone werden diese ermutigenden Daten zweifelsohne gefallen, und die EZB dürfte keinen Anlass haben, kurzfristig in Aktion zu treten", sagte Williamson.