Wirtschaft
"Der EZB-Rat ist bereit, nächstes Mal zu handeln", sagt Draghi.
"Der EZB-Rat ist bereit, nächstes Mal zu handeln", sagt Draghi.(Foto: REUTERS)

"Nächstes Mal wird gehandelt": Draghi nimmt Euro-Kurs aufs Korn

Der Leitzins im Euroraum bleibt unverändert - wie erwartet. Allerdings lassen die Aussagen von EZB-Chef Draghi Investoren, Anleger und Politiker aufhorchen. Eine absehbare geldpolitische Lockerung ist dabei nicht die einzige Überraschung.

Präsident Mario Draghi hat eine geldpolitische Lockerung der Europäischen Zentralbank (EZB) für Juni in Aussicht gestellt. "Der EZB-Rat ist bereit, nächstes Mal zu handeln", sagte Draghi bei der Erläuterung des jüngsten Zinsbeschlusses in Brüssel. Der Euro gab darauf die im Tagesverlauf gegenüber dem US-Dollar erzielten Gewinne wieder ab. Außerdem nährte Draghi die Erwartung einer weiteren geldpolitischen Lockerung, indem er darauf verwies, dass im kommenden Monat neue Prognosen des EZB-Stabs zu Inflation und Wachstum anstehen.

Darüber hinaus äußerte der EZB-Präsident deutlich sein Missfallen über den hohen Kurs der Gemeinschaftswährung. "In einem Umfeld niedriger Inflation ist der hohe Wechselkurs sehr besorgniserregend", sagte er. Der EZB-Rat habe dieses Thema ausführlich besprochen und werde die Wechselkursentwicklung genau beobachten. In seiner offiziellen Stellungnahme führte Draghi den Euro als ein Risiko dafür auf, dass die Inflationsentwicklung noch gedämpfter als von der EZB erwartet verlaufen könnte.

Leitzins vorerst unangetastet

Zuvor hatte der EZB-Rat wie weithin erwartet beschlossen, seine Leitzinsen unverändert zu lassen. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Beobachtern rechnet aber jüngsten Umfragen zufolge damit, dass die EZB ihre Politik im Juni weiter lockern wird. Sie halten sowohl Leitzinssenkungen inklusive eines negativen Satzes für Bankeinlagen bei der EZB als auch Maßnahmen für denkbar, die auf eine höhere Liquidität im Bankensystem zielen. Der groß angelegte Kauf von Wertpapieren (Quantitative Easing) gilt dagegen als unwahrscheinlich.

Draghi ließ in seinem Statement die Tür für alle diese Maßnahmen zumindest dem Anschein nach offen. "Der EZB-Rat ist einmütig entschlossen, im Rahmen seines Mandats auch unkonventionelle Instrumente einzusetzen, um den Risiken zu begegnen, die mit einer zu lange niedrigen Inflation einhergehen", sagte Draghi. Auf Nachfrage sagte der EZB-Präsident, die Inflation sei dann zu lange zu niedrig, wenn eine Entankerung der Inflationserwartungen drohe.

Nach seiner Aussage beobachtet die Zentralbank alle Entwicklungen genau und ist bereit, ihre Politik falls erforderlich entschlossen zu lockern. Das gelte auch für einen unerwünschten Anstieg der Geldmarktzinsen.

Unterstützende Argumente kommen aus Fachkreisen: Die Brüsseler Denkfabrik Breugel zum Beispiel rechnete erst kürzlich vor, dass monatliche Aufkäufe von Staatsanleihen und privaten Wertpapieren im Volumen von 35 Milliarden Euro ausreichen könnten, um die Teuerung um bis zu 1 Prozentpunkt anzuheben und damit die Konjunktur zu stützen.

Konjunkturerholung, Inflationssorgen

Die zuletzt veröffentlichten Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass die EZB weiterhin auf eine schwache, aber anhaltende Konjunkturerholung hoffen darf. Wachstum gilt als beste Versicherung gegen einen sich selbst beschleunigenden Preisverfall, also eine Deflation, den manche Beobachter befürchten. Laut Draghi deuten jüngste Umfragedaten darauf hin, dass die Wirtschaft des Euroraums im ersten Quartal 2014 gewachsen ist.

Ökonomen rechnen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 bis 0,4 Prozent zugelegt hat. Für das zweite Quartal deutet sich auf Basis von Unternehmensumfragen ein noch stärkeres Wachstum an. So stieg der von ifo-Institut erhobene Geschäftsklimaindex für das zweite Quartal auf den höchsten Stand seit 2007. Die Befürchtung, dass der Konflikt in der Ukraine die Wachstumsaussichten eintrübt, scheint bisher ohne Substanz.

Die EZB sieht für die Wachstumsperspektiven des Euroraums weiterhin ausschließlich Abwärtsrisiken, während sie die Risiken für die Inflationsentwicklung als weitgehend ausgewogen betrachtet.

Die Sitzung in Brüssel ist Teil des regulären Jahresablaufs im Inneren der EZB - und zugleich eine symbolische Geste, mit der die Notenbanker auf die Vielfalt an Finanzstandorten hinweisen wollen. Der EZB-Rat trifft sich zwei Mal jährlich nicht am Hauptsitz der Zentralbank in Frankfurt, sondern in einer Hauptstadt eines der 18 Euro-Länder.

Quelle: n-tv.de

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