Wirtschaft
Rettung deutscher Kraftwerkstechniker: Die irakische Armee - hier bei einer Übung im April - ist mit Transporthubschraubern russischer Bauart ausgestattet (Archivbild).
Rettung deutscher Kraftwerkstechniker: Die irakische Armee - hier bei einer Übung im April - ist mit Transporthubschraubern russischer Bauart ausgestattet (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Dramatische Evakuierung im Irak: Soldaten retten deutsche Experten

Das brutale Vordringen gewaltbereiter Islamisten im Irak lässt in der Zentrale des Münchner Siemens-Konzern die Alarmglocken schrillen: Die Offensive der Rebellen überrollt mehrere Dutzend Mitarbeiter. Hilfe kommt aus der Luft.

Ein Kraftwerk für Baidschi: Der Ort, an dem sich die Siemens-Mitarbeiter versteckt hielten, liegt knapp 20 Kilometer nördlich von Tikrit.
Ein Kraftwerk für Baidschi: Der Ort, an dem sich die Siemens-Mitarbeiter versteckt hielten, liegt knapp 20 Kilometer nördlich von Tikrit.

Der Vormarsch der Isis-Kämpfer im Norden und Westen des Irak droht  die Bemühungen um einen Wiederaufbau um Jahre zurückzuwerfen. Dabei löst besonders das demonstrativ brutale Vorgehen der Extremisten mit Übergriffen auf Zivilisten und Massenhinrichtungen große Flucht- und Rückzugsbewegungen aus.

Inmitten der Gefechte mussten einem Medienbericht zufolge nun auch mehrere Dutzend Mitarbeiter des deutschen Dax-Konzerns Siemens aus einem von den radikalen Islamisten kontrollierten Gebiet gerettet werden. Es handele sich um 50 Techniker, die an einem Kraftwerk Modernisierungsarbeiten verrichteten, berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf das Auswärtige Amt.

Unter den 50 Technikern seien acht Deutsche und eine Handvoll EU-Bürger, hieß es. Sie seien dem Bericht zufolge "tagelang nördlich von Bagdad von islamistischen Rebellen eingekesselt" gewesen. Rettung organisierte der Arbeitgeber aus der Luft: Helikopter des irakischen Militärs und ein von Siemens gechartertes Flugzeug hätten sie aus der Gefahrenzone rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad geflogen und sicher in die Hauptstadt sowie ins nordirakische Erbil in der kurdisch dominierten Autonomieregion gebracht.

Die Siemens-Mitarbeiter seien zuvor an ihrem Einsatzort von der Offensive der Isis-Kräfte überrascht worden, berichtet das Magazin weiter. Sie hätten sich mehr rechtzeitig nach Bagdad absetzen können und sich daher "auf dem Gelände des Werks in ein sicheres Versteck zurückgezogen". Offenbar hatte Siemens dort zuvor entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um Mitarbeiter vor Ort vor Überfällen und Entführungen zu schützen.

Ohne Gnade: Im Internet veröffentlichen Isis-Kämpfer Videos von gefangenen Regierungssoldaten, die unmittelbar nach diesen Aufnahmen erschossen worden sein sollen.
Ohne Gnade: Im Internet veröffentlichen Isis-Kämpfer Videos von gefangenen Regierungssoldaten, die unmittelbar nach diesen Aufnahmen erschossen worden sein sollen.(Foto: AP)

Der Siemens-Standort im Irak liegt den Angaben zufolge in der Ortschaft Baidschi am Tigris knapp 20 Kilometer nördlich von Tikrit. Zusammen mit lokalen Helfern arbeiteten die Siemensianer dort an einem Kraftwerk. Die deutschen Behörden hätten befürchtet, dass die Siemens-Mitarbeiter von den islamistischen Rebellen als Geiseln genommen werden.

Bundeswehr bereit zum Irak-Einsatz

Spezialeinheiten der Bundeswehr waren an der Aktion ersten Berichten zufolge nicht beteiligt. Die Evakuierung deutscher Staatsbürger zählt zu den Einsatzszenarien, die das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr regelmäßig trainiert. Die Bundeswehr habe eine Rettung aus der Luft allerdings parallel zu den Planungen der irakischen Regierungstruppen geprüft, hieß es. Allerdings sei ein solcher Einsatz in Berlin von Militärs nur "als allerletzte Option" gehandelt worden. Eine Entsendung deutscher Kommandosoldaten stand demnach nur zur Debatte, "wenn sich die Lage der Ausländer dramatisch verschärfen sollte."

Nach dem jüngsten Vormarsch islamistischer Kämpfer hat die Regierung in Bagdad die Sicherheitsvorkehrungen rund um seine zahlreichen Ölanlagen massiv erhöht. Mehr als 100.000 Polizisten würden zum Schutz von Ölfeldern, Förderanlagen und Energieunternehmen eingesetzt und seien in höchster Alarmbereitschaft, sagte der Chef der zuständigen Polizeiabteilung, Mussa Abdul-Hassan.

Mit zusätzlichem Personal seien die Kontrollpunkte nahezu verdoppelt worden. Die Sicherheitskräfte werden zudem zusätzlich zu ihrer regulären Ausstattung mit schwereren Waffen ausgerüstet. Um welche Waffen es sich dabei handelt, ließ Abdul-Hassan offen. In der Praxis dürfte es sich um gepanzerte Fahrzeuge, schwere Maschinengewehre und wohl auch um Panzerabwehrraketen handeln.

Der rasante Vormarsch islamistischer Kämpfer im Norden des Landes alarmiert seit Ende vergangener Woche auch die Ölmärkte. Analysten und Rohstoffhändler fürchten eine Unterbrechung der Ölförderung im Irak, was die Preise in die Höhe treiben könnte. Der Irak gilt als zweitwichtigstes Ölförderland innerhalb der Opec.

Eine zentrale Rolle für die irakischen Ölexporte spielt die südöstliche gelegene Hafenstadt Basra. Polizeivertreter Abdul-Hassan betonte, das Ölgeschäft rund um Basra laufe reibungslos. Gerüchte, ausländische Arbeiter würden in Sicherheit gebracht, seien falsch. Die große Masse der von ausländischen Firmen betriebenen Ölanlagen liegen wie Basra im Süden des Landes. In diesem überwiegend von Schiiten bewohnten Teil des Irak war es in den vergangenen zwei Jahren weitgehend ruhig geblieben.

Einen Vormarsch der sunnitisch geprägten Isis-Kämpfer in diese Region halten Experten für unwahrscheinlich. Im Norden und vor allem Westen des Landes, in der Grenzregion zu Syrien, könnten die extremistischen Kräfte jedoch den seit Jahrzehnten schwelenden Machtkampf zwischen Schiiten und Sunniten durchaus für sich entscheiden.

Quelle: n-tv.de

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