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Das Heck einer F-15E "Strike Eagle" aus US-Produktion: Ohne die Russen und die "Lightning II" wittern Hersteller bewährter Maschinen neue Chancen.
Das Heck einer F-15E "Strike Eagle" aus US-Produktion: Ohne die Russen und die "Lightning II" wittern Hersteller bewährter Maschinen neue Chancen.(Foto: REUTERS)

Politische Flugshow in Südengland: Farnborough lädt Russen aus

Die Ukraine-Krise erreicht den Südwesten Londons: Aus fast allen Himmelsrichtungen eilen Luftfahrt-Experten heran, um milliardenschwere Verträge auszuhandeln. Wichtige Geschäftspartner fehlen. Moskau ruft zum Boykott der Messe auf.

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Diesmal ist alles anders in Farnborough. Dunkle Schatten der Weltpolitik schweben über dem Fluggelände nahe der südenglischen Garnisonsstadt: Die britische Luftfahrtmesse findet zwar nur alle zwei Jahre statt, zählt aber dennoch zu den weltweit wichtigsten Verkaufsveranstaltungen der Branche. Bei dem Branchentreffen in Farnborough kommen in dieser Woche Luftfahrt- und Rüstungsexperten aus aller Welt zusammen, um Verkaufsverhandlungen zu führen, Neuheiten zu bestaunen und über die Perspektiven der zivilen und militärischen Fliegerei zu diskutieren.

Im Gegensatz zu Konkurrenzveranstaltungen wie der Berliner ILA oder des Pariser Luftfahrtsalons in Le Bourget gilt die Messe als sehr viel breiter aufgestellt. So tritt zum Beispiel der europäische Flugzeugbauer Airbus hier nicht als dominierender Aussteller auf. Im Südwesten der britischen Hauptstadt ist der US-Wettbewerber Boeing mit seinen leistungsstärksten Maschinen sichtlich stärker vertreten als auf dem Kontinent.

Die Farnborough International Airshow (FIA) ist eines der Schlüsseltreffen der Luft- und Raumfahrtbranche und auch ein wichtiger Markt für Rüstungsgeschäfte. In diesem Jahr allerdings drohen sich die weltpolitischen Ereignisse auf die Verkaufsverhandlungen inmitten der grünen Hügel Südenglands auszuwirken. Wichtige Verhandlungspartner fehlen - sowohl auf Herstellerseite wie auch bei den potenziellen Kunden.

Keine Einladung, kein Visum

Die britische Regierung hat einem Großteil der russischen Delegation aufgrund der Ukraine-Krise die Einreise verweigert. Die russische Botschaft in London äußerte ihr "Bedauern" über den Schritt und verlangte vom britischen Außenministerium "dringend" eine Erklärung. Betroffen seien Vertreter der russischen Ministerien für Industrie und Handel, hieß es, sowie der Raumfahrt- und Luftverkehrsbehörden sowie Dutzende Firmen und Techniker, die für Flugschauen russischer Maschinen nach England reisen sollten. Laut Delegationschef Juri Sljussar wurde etwa jedem zweiten Mitglied der 350-köpfigen Abordnung das Visum verwehrt.

Die offizielle Reaktion aus Russland fällt kalt und schneidend aus: Moskau hat mit Blick auf das Einreiseverbot für die russische Delegation zu einem Boykott der internationalen Luft- und Raumfahrtmesse in Farnborough aufgerufen. Sämtliche Landsleute sollten der einwöchigen Messe fernbleiben und die Rückreise in ihre Heimat antreten, riet Vize-Ministerpräsident Dmitri Rogosin.

"Zeichen der Schwäche"

Der russische Spitzendiplomat Alexej Mechkow wertete die verweigerte Einreiseerlaubnis laut der Nachrichtenagentur Interfax als "eindeutig politischen Akt". Russlands staatlicher Rüstungskonzern Rosoboronexport sprach von einem "Zeichen der Schwäche" Großbritanniens, das "negative Folgen für das Ansehen des Gastgeberlands" haben könne.

Bereit für interessierte Kunden: Eine Airbus A380 wartet auf dem Ausstellungsgelände der Farnborough International Airshow auf neugierige Besucher.
Bereit für interessierte Kunden: Eine Airbus A380 wartet auf dem Ausstellungsgelände der Farnborough International Airshow auf neugierige Besucher.(Foto: REUTERS)

Russland ist bei der alle zwei Jahre stattfindenden Schau regelmäßig stark vertreten, um ausländische Käufer zu werben. Vertreter ausländischer Staaten werden von Gastgeber Großbritannien dabei als Regierungsgäste geladen.

"Aber wegen des russischen Verhaltens in der Ukraine-Krise" habe Russland in diesem Jahr keine Einladungen erhalten, wie ein Sprecher des Londoner Außenministeriums erklärte. Er verwies darauf, dass Großbritannien in der Ukraine-Frage auch "klar" gehandelt habe, indem es Russland von der Liste der Länder gestrichen habe, die britische Flugzeuge oder Ausrüstung kaufen dürfen.

Ohne russische Kampfjets

Im Gegenzug zogen Moskauer Stellen die Präsentation hochwertiger Rüstungstechnologie aus Russland zurück. Branchenkreisen zufolge wollte der Kampfjethersteller Suchoi in Farnborough eigentlich seine derzeit leistungsstärkste Maschine Su-27 vorführen. Für künftige Exportaufträge sind solche Show-Vorführungen im Ausland unerlässlich. Die russische Luftfahrt bleibt in Farnborough zwar mit einem eigenen Pavillon vertreten. Der einschränkte Messeauftritt dürfte die Verkaufschancen der landeseigenen Luftfahrtindustrie empfindlich schmälern.

Ein Delegationsmitglied sagte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, die für Wochenbeginn geplanten Gespräche des russischen Rüstungsexporteurs Rosoboronexport mit ausländischen Partnern seien wegen der Visa-Verweigerung "praktisch ruiniert". Russland sei zudem gezwungen, mehrere Präsentationen, darunter die seiner Militärhubschrauber abzusagen.

Fest eingeplant ist dagegen die Vorführung des Superjet 100. Dieser Passagierjet für den regionalen Flugreiseverkehr gilt als das derzeit wichtigste Prestigeprojekt der russischen Luftfahrtindustrie. Bei der Entwicklung und der Produktion arbeitet der Hersteller Suchoi allerdings mit einer Reihe westlicher Partner zusammen - darunter auch Alenia aus Italien und US-Riese Boeing. Offizielle Sanktionen gegen dieses Prestigeprojekt sind daher weniger wahrscheinlich als auf dem Feld der Militärtechnologie.

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Geschäftliche Einbußen

Westliche Staaten werfen Moskau vor, prorussische Separatisten im Osten der Ukraine aktiv zu unterstützen. Die EU hat deshalb auch mehrere russische Vertreter mit Reise- und Kontensperrungen belegt. Im März hatte London wegen der Ukraine-Krise seinerseits die bilaterale Militärkooperation auf Eis gelegt und Waffenexporte nach Russland gestoppt. Die Visa-Verweigerung ist nicht neu: Einem britischen Außenamtssprecher zufolge hat London russischen Delegationen auch bereits zu anderen Ereignissen wie einem Sicherheitsforum und einer Buchmesse die Einreise verwehrt.

Abseits der politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen gehen Beobachter davon aus, dass die Veranstaltung in Farnborough der Branche erneut gewichtige Impulse verleihen wird. Dem europäischen Flugzeugbauer Airbus und seinem Hauptkonkurrenten Boeing winken erneut Aufträge in Milliardenhöhe. Der US-Konzern zeigt in Farnborough unter anderem die größte Version des Prestigemodells 787 "Dreamliner". Der europäische Wettbewerber präsentiert den Großraumjet A350, den zweistöckigen Riesenfliger A380 und das künftige militärische Lastentier der Bundeswehr, den Transporter A400M.

Show-Programm mit Lücken

Die F-35 des US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin gibt es voraussichtlich nur als lebensgroßes Modell am Boden zu besichtigen. Die Maschinen vom Typ "Lightning II" dürfen derzeit nach einem ungeklärten Triebwerksbrand nicht abheben. Eine Vorführung im Flug wäre für britische Fachbesucher dabei von besonderer Bedeutung: Großbritannien steht auf der Liste der Lockheed-Kunden und wartet auf die Auslieferung der futuristischen und sehr teuren Mehrzweckkampflieger, die dem neuen Flugzeugträger "Queen Elizabeth" seine eigentliche Schlagkraft verleihen sollen.

In Farnborough treffen sich fast alle, die in der Branche Rang und Namen haben. Neben den Branchengrößen Airbus und Boeing sind die Regionaljetbauer Bombardier und Embraer sowie Zulieferer vertreten, deren Spezialgebiete von Triebwerksverkleidungen bis zu Unterhaltungselektronik für die Passagierkabine reichen. Im Begleitprogramm zu Messe sollen mehr als 20 Maschinen im Flug zu sehen sein - darunter auch der neue Airbus-Großraumjet A350 und die verlängerte Version des "Dreamliner", die 787-9.

Die Farnborough Airshow findet im jährlichen Wechsel mit der Airshow in Le Bourget bei Paris statt und fällt traditionell auf die geraden Jahre (2010, 2012, 2014). Die Messe erstreckt sich über eine volle Woche und läuft diesmal bis zum 20. Juli. Die ersten Messetage sind Fachbesuchern vorbehalten. Am 19. und 20. Juli sind die Messetore auch für die breite Öffentlichkeit geöffnet. Vor zwei Jahren kamen mehr als 200.000 Besucher, sie trafen auf mehr als 1500 Aussteller.

Quelle: n-tv.de

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