Wirtschaft
Zivile und militärische Hubschrauber: Im neuen Vorzeigemodell AW149 steckt Knowhow von AgustaWestland.
Zivile und militärische Hubschrauber: Im neuen Vorzeigemodell AW149 steckt Knowhow von AgustaWestland.(Foto: finmeccanica.it)

Italiens Rüstungsriese unter Verdacht: Finmeccanica-Chef in Haft

Große Aufregung in Rom und Mailand: Im Korruptionsskandal rund um den italienischen Rüstungsriesen lässt der Staatsanwalt Finmeccanica-Chef Orsi höchstpersönlich verhaften. Die Aktie gerät schwer unter Druck. Regierungschef Monti geht auf Distanz.

Der Hauptaktionär geht auf Distanz: Guiseppe Orsi steht unter Korruptionsverdacht (Archivbild).
Der Hauptaktionär geht auf Distanz: Guiseppe Orsi steht unter Korruptionsverdacht (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Der Korruptionsskandal beim italienischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Finmeccanica hat die oberste Vorstandsetage erreicht. In einer aufsehenerregenden Aktion nahm die italienische Polizei den Unternehmenschef Guiseppe Orsi fest. Offenbar verfügten die Ermittler über ausreichend handfeste Hinweise, um einen solchen spektakulären Schritt zu wagen.

In Italien schlägt der Fall schon jetzt Wellen bis in allerhöchste Kreise des römischen Politikbetriebs: Ministerpräsident Mario Monti reagierte umgehend und kündigte an, die italienische Regierung werde sich sofort mit dem Fall auseinandersetzen. Die Verhaftung kommentierte er mit den Worten, Finmeccanica habe offenbar ein Problem mit der Unternehmensführung.

Finmeccanica stellte sich dagegen an die Seite des Chefs und drückte die Hoffnung aus, dass dessen rechtliche Position so schnell wie möglich klargestellt wird. Der Eurocopter-Konkurrent versicherte, das Geschäft werde normal weitergeführt.

In dem Korruptionsfall geht um den Verkauf von zwölf Hubschraubern an Indien im Jahr 2010. Bei dem 560 Mio. Euro schweren Hubschraubergeschäft sollen Schmiergelder geflossen sein.

Aus Indiens Verteidigungsministerium verlautete, man werde gegen Finmeccanica vorgehen, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten. Dazu könnten Strafen gehören oder die Aufnahme in eine schwarze Liste.

Orsi-Verbindung zu Berlusconis?

Justizkreisen zufolge geht es bei den Ermittlungen um mutmaßliche Bestechungszahlungen, mit denen Finmeccanica sicherstellen wollte, dass der Verkauf von zwölf AgustaWestland-Maschinen über die Bühne geht. Zum Zeitpunkt des Geschäfts leitete Orsi das Helikopter-Geschäft von Finmeccanica. Er wehrt sich gegen jegliche Vorwürfe.

Die Ernennung zum Vorstandschef im Mai 2011 wurde von der Liga Nord, dem damaligen Verbündeten des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, unterstützt. Aus Kreisen verlautete ebenfalls, dass der Chef der Unternehmenssparte AgustaWestland, Bruno Spagnolini, sowie zwei weitere Manager unter Hausarrest gestellt wurden.

In Italien wird am 24. und 25. Februar ein neues Parlament gewählt. Im Wahlkampf rücken die Skandale, die die Geschäftswelt des Mittelmeerlandes seit einiger Zeit erschüttern, immer stärker in den Vordergrund. Finmeccanica kann nun in einem Atemzug mit dem Geldhaus Banca Monte dei Paschi sowie dem Öldienstleister Saipem genannt werden.

Orsi beteuert seine Unschuld

Offiziell ist Orsi noch nicht angeklagt. Am Vormittag bestätigte der zuständige Staatsanwalt in Rom schließlich zumindest die Festnahme. An der Mailänder Börse löste die Verhaftung des Finmeccanica-Chefs dennoch bereits einen scharfen Kurssturz der Aktien des italienischen Rüstungsriesen aus.

Die Titel fielen am Morgen in einer ersten Reaktion um bis zu 14,3 Prozent auf ein Zwei-Monats-Tief von 4,08 Euro. Dabei wechselten innerhalb der ersten Handelsstunde bereits ungefähr so viele Finmeccanica-Titel den Besitzer wie sonst nur an einem gesamten Durchschnittstag.

Aus Justizkreisen hieß es, Orsi sei tatsächlich im Zusammenhang mit Ermittlungen über Hubschrauber-Verkäufe nach Indien festgenommen worden. Finmeccanica ließ schließlich über einen Sprecher mitteilen, dass das Tagesgeschäft normal weiterlaufe, und bekundete "Solidarität" mit Orsi.

Die Macht Roms im Hintergrund

Der Finmeccanica-Chef hatte in den vergangenen Monaten wiederholt bestritten, Schmiergelder gezahlt zu haben. Der Unternehmenschef ist aber laut Aussage seines Anwalts bereit, von seinem Amt zurückzutreten, sollte der Hauptanteilseigner einen solchen Schritt verlangen. Der italienische Staat ist mit 30,2 Prozent an Finmeccanica beteiligt. Gegen Finmeccanica und seine Hubschraubersparte AgustaWestland wird angeblich ebenfalls ermittelt. Finmeccanica bestreitet jegliches Fehlverhalten.

Neben dem jüngsten Skandal kämpft Finmeccanica mit weitreichenden wirtschaftlichen Problemen. Der Konzern sitzt auf einem Schuldenberg von fast 5 Mrd. Euro. Um Verbindlichkeiten abzubauen, hat die Finmeccanica-Führung Energie- und Transportgeschäft zum Verkauf gestellt.

Bisher ist allerdings nur ein Minderheitsanteil am Luftfahrt-Geschäft der italienischen Avio veräußert worden. Dies brachte 260 Mio. Euro ein, womit Finmeccanica seine eigenen Ziele deutlich verfehlte. Jüngst stufte S&P die Kreditwürdigkeit des Unternehmens auf Ramsch herab.

Quelle: n-tv.de

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