Wirtschaft
"Brutal hart und zutiefst beunruhigend" nennt Mary Barra (l.) den Bericht, den sie an der Seite von GM-Vize Mark Reuss der Belegschaft vorstellte.
"Brutal hart und zutiefst beunruhigend" nennt Mary Barra (l.) den Bericht, den sie an der Seite von GM-Vize Mark Reuss der Belegschaft vorstellte.(Foto: AP)

"Ich will, dass Ihr es hört": GM-Chefin spricht Klartext

Wie ein dunkler Schatten schwebt der Skandal um tödliche Mängel über General Motors. Ein interner Bericht sieht die Konzernspitze entlastet. Firmenchefin Barra beschreibt in drastischen Worten, was ihrer Ansicht nach schiefgelaufen ist.

Es war ein schwerer Gang, den GM-Chefin Mary Barra antreten musste. Vor 1200 Mitarbeitern im Entwicklungszentrum des Automobilkonzerns General Motors (GM) nahe Detroit berichtete sie, was ein Anwalt bei seinen Nachforschungen zum jahrelang verschleppten Zündschloss-Rückruf herausgefunden hat.

Der sogenannte Zündschlussskandal hat mindestens 13 Menschen das Leben gekostet. Verbraucherschützer gehen von einer sehr viel höheren Dunkelziffer aus. Für den Konzern geht es mittlerweile nicht mehr nur um den guten Ruf. Seit einigen Monaten zeichnet sich ab, dass eine kostspielige Klagewelle mit überaus umständlichen Beweisverfahren auf GM zurollt.

"Brutal hart und zutiefst beunruhigend"

Die erst im Januar als GM-Chefin angetretene Barra hat dem Konzern daher eine schonungslose Aufklärung verordnet. Alles andere wäre in der US-Öffentlichkeit auch kaum vermittelbar. Schließlich ermitteln in dem Fall längst auch die Behörden. Und unvergessen bleibt auch, dass der US-Konzern erst vor wenigen Jahren mit milliardenschwerer staatlicher Hilfe aus Steuermitteln aus der Absatzkrise gerettet werden musste. Mit klaren Worten richtete sich die GM-Chefin nun bei der Vorstellung erster Ergebnisse an die Öffentlichkeit.

Der interne Untersuchungsbericht sei "brutal hart und zutiefst beunruhigend", leitete sie ihre Ansprache ein. Es sei ein "Muster von Inkompetenzen und Versäumnissen" zum Vorschein gekommen. "Wir haben unseren Job nicht gemacht", stellte Barra fest. "Wir haben die Kunden im Stich gelassen."

Tödliche "Inkompetenz"

Wohl selten ist ein Konzernchef so hart mit seiner eigenen Mannschaft ins Gericht gegangen. Gleich 15 Mitarbeiter mussten im Zusammenhang mit dem Zündschlossskandal ihre Entlassungspapiere entgegennehmen, gegen fünf weitere wurden disziplinarische Maßnahmen verhängt. Barra baute ganze Abteilungen um.

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"Ich hasse es, das mit Euch teilen müssen, genauso wie ihr es hasst, Euch das anhören zu müssen", sagte sie. "Aber ich will, dass Ihr es hört. Ich will, dass Ihr es niemals vergesst. Das ist nicht einfach eine weitere geschäftliche Krise. Wir können das nicht einfach glattbügeln und dann weitermachen."

Zum wiederholten Mal seit ihrem Amtsantritt entschuldigte sie sich bei den Hinterbliebenen der Opfer. "Ich kann keine Worte finden, die ihre Trauer und ihren Schmerz lindern könnten", sagte sie und kündigte einen Entschädigungsfonds an. An ihre Kollegen bei GM gerichtet fand sie dieses Mal besonders deutliche Worte: In ihrer direkt an 220.000 GM-Mitarbeiter weltweit übertragenen Rede prangerte sie "Inkompetenz und Nachlässigkeit" innerhalb des größten US-Autobauers als Ursache der folgenschweren Panne an.

300 Tote durch konzerninterne Fehler?

Barra wollte an diesem Tag endgültig mit den alten Gepflogenheiten bei General Motors aufräumen - einem Autokonzern, in dem Probleme hin- und hergeschoben wurden, bis sich schließlich niemand mehr verantwortlich fühlte und die Sache im bürokratischen Apparat versandete.

So jedenfalls muss es den internen Untersuchungen zufolge bei den Zündschlössern gewesen sein. Ein einzelner Schalter im Wert von wenigen Cent war schlicht zu schwach ausgelegt. Deshalb konnte der Schlüssel bei voller Fahrt zurückspringen. Das bedeutete: Motor aus, Servolenkung aus, Bremskraftverstärker aus.

Viele Fahrer verloren die Kontrolle über ihre Autos und kamen von der Straße ab - ungeschützt, weil auch die Airbags nicht mehr funktionierten. General Motors zählt bislang 13 bestätigte Unfalltote, Verbraucherschützer kommen auf mehr als 300. Seit Wochen sind die US-Medien voll von tragischen Geschichten.

Todesfalle GM-Produkt

Schon während der Fahrzeugentwicklung 2001 hatte General Motors Hinweise darauf, dass etwas mit dem Zündschloss nicht stimmte. Auch nach dem Verkaufsstart 2003 gab es immer wieder Berichte über ein Versagen. "Wir haben das Problem von Beginn an falsch eingeordnet", räumte Barra nun ein.

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"Erfahrene Ingenieure haben nicht verstanden, dass ein Zurückspringen des Zündschlüssels auch die Airbags abschaltet." Wie das denn möglich sei, wurde sie von einem Journalisten in der anschließenden Pressekonferenz gefragt. "Ich wünschte, ich könnte das beantworten", sagte Barra.

Trotz allem stolz

Obwohl Fragen offenblieben, dürfte der Bericht ein Befreiungsschlag für Barra sein. Denn der beauftragte Spitzenanwalt Anton Valukas bescheinigte der Firmenveteranin und ihrem obersten Führungszirkel gleichzeitig, nichts von den Problemen gewusst zu haben.

Den internen Ermittlungen zufolge seien die Probleme rund um die Zündungen nicht an die Führungs-Etage herangetragen worden, sagte die Managerin vor den rund 1200 Mitarbeitern, die sich im GM-Technikzentrum im Bundesstaat Michigan versammelt hatten. Auch habe es innerhalb des Konzerns keine Absprachen gegeben, den Fall zu verschleiern.

Zudem sei bei der Untersuchung kein Beweis dafür gefunden worden, dass aus Kostengründen weniger für die Sicherheit getan worden wäre. Vielmehr hätten es einzelne Personen versäumt, wichtige Informationen weiterzugeben. Namen nannte sie nicht. Die Entlassenen seien in verschiedensten Abteilung tätig gewesen, größtenteils im mittleren oder oberen Management.

Besondere Brisanz erhielt die Affäre, weil die Probleme im Konzern schon seit mehr als einem Jahrzehnt bekannt waren. Doch erst im Februar 2014 rief GM im Zusammenhang mit der Zündschlossproblematik rund 2,6 Millionen Autos in die Werkstätten zurück. Wie diese Angelegenheit rechtlich zu bewerten ist, müssen US-Gerichte klären.

Der internen Untersuchung zufolge wurden die Schwierigkeiten mit den Zündungen erstmals im Dezember 2002 bei GM dokumentiert. Der Konzern habe das Ausmaß der drohenden Gefahr in einem Schreiben an seine Vertragshändler heruntergespielt, indem er einen möglichen Ausfall des Motors nicht erwähnt habe. Externe Anwälte hätten die Rechtsabteilung des Konzerns zudem wiederholt darauf hingewiesen, dass nicht ausreichend vor einer drohenden Fehlfunktion der Airbags gewarnt werde.

Der "Schlange" den "Kopf abschlagen"

Der interne Bericht entlastet zumindest die Konzernspitze - zumindest aus der Sicht des Konzerns. So wirkte Barra bei ihrem jetzigen Auftritt wesentlich selbstsicherer und entspannter als unlängst bei zwei überaus unangenehmen Anhörungen vor Ausschüssen im US-Kongress. Dort und bei den Verkehrsaufsichtsbehörden ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen.

Der konzerninterne Freispruch des Top-Managements löste umgehend scharfe Kritik aus: "Wie kann man eine Kultur der Nachlässigkeit und der Vertuschung beseitigen, wenn man der Schlange nicht den Kopf abschlägt", sagte Robert Hilliard, einer der Opfer-Anwälte.

Sie sei trotz allem stolz, für General Motors zu arbeiten, sagte die 52-Jährige am Ende ihrer Rede. "Ich weiß, wir haben ein engagiertes und talentiertes Team aus loyalen, ehrlichen Mitarbeitern. (...) Ich glaube an Euch." Die zuerst gescholtene und dann wieder versöhnte Belegschaft dankte es ihrer Chefin mit stehendem Applaus.

Für GM aber letztlich wichtiger: Die Kunden kaufen trotz der Negativschlagzeilen weiterhin Chevrolets, Buicks oder Cadillacs. Alleine im Mai stieg der Absatz auf dem wichtigen Heimatmarkt USA um satte 13 Prozent.

Sorgen um das Image muss sich GM derzeit offenbar nicht machen: Der Verkauf in Nordamerika werde durch das Zündschluss-Debakel nicht spürbar beeinträchtigt, hieß es in einer aktuellen Präsentation des Unternehmens. Finanziell könnte der Massenrückruf aber im zweiten Quartal durchschlagen, räumte die GM-Chefin ein.

In Europa Nummer Zwei nach VW

In welcher Höhe deshalb Kosten auf den Konzern zukämen, ist Barra zufolge aber noch nicht absehbar. Wenn diese möglichen Kosten für den Rückruf unberücksichtigt bleiben, sieht sich das Unternehmen für 2014 weiter auf Kurs für eine leichte Steigerung des Vorsteuergewinns im Vergleich zum Vorjahr. In Europa laufe das Geschäft besser als erwartet.

GM bekräftigte, mit Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall bis 2022 in Europa einen Marktanteil von acht Prozent erobern zu wollen und damit zum nach Volkswagen zweitgrößten PKW-Produzenten aufsteigen. Bisher halten die GM-Töchter einen Anteil von 5,8 Prozent.

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Quelle: n-tv.de

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