"Beträchtliche Verluste" GM sieht schwarz für Europa

Die Absatzschwäche im europäischen Automarkt trifft die Opel-Mutter General Motors wohl härter als bislang bekannt: Die verzweifelt angestrebte Trendwende lässt einem Zeitungsbericht zufolge weiter auf sich warten. Detroit schweigt, Zahlen soll es erst Anfang August geben. Der Opel-Aufsichtsrat kürt unterdessen einen neuen Opel-Chef.
Der deutsche Autobauer Opel kommt nicht zur Ruhe: Der US-Mutterkonzern General Motors (GM) geht nach Informationen des "Wall Street Journal" für das restliche Jahr in seinem Europageschäft von "beträchtlichen Verlusten" aus. Die bislang gehegten Hoffnungen auf eine Erholung im zweiten Halbjahr schwinden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Quellen, die angeblich mit dem Europageschäft von GM vertraut sind. Der US-Konzern selbst wollte sich zunächst nicht dazu äußern.
Beobachtern zufolge dürften sich damit auch die Perspektiven für Opel weiter eintrüben. Möglicherweise liegt darin einer der Auslöser, die zu der überraschenden Personalentscheidung an der Opel-Spitze führte: Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke, Leiter von General Motors Europe und Vorstandschef der Konzerntochter Opel/Vauxhall, musste vergangene Woche ohne Angaben von Gründen zurücktreten.
Opel und seine britische Schwestermarke Vauxhall leiden unter stark rückläufigen Verkäufen. Die Auswirkungen der Schuldenkrise setzen die Absatzchancen in Ländern wie Spanien und Italien zusätzlich herab. Der Marktanteil sinkt. Alleine im ersten Quartal fiel früheren Angaben zufolge ein operatives Minus von 256 Mio. Dollar (209 Mio. Euro) an. Die Zahlen für das zweite Quartal legt General Motors am 2. August vor.
Opel wartet auf den neuen Chef
Zur Konsumschwäche der Europäer kommen erschwerend interne Querelen hinzu: Nach dem Rücktritt von Stracke wird Opel kommissarisch von Aufsichtsratschef Stephen Girsky geführt. Im Lauf des Tages will der Aufsichtsrat auf einer kurzfristig einberufenen Sondersitzung einen Nachfolger benennen, zumindest übergangsweise. Als heißester Kandidat gilt Strategievorstand Thomas Sedran.
Sedran eilt ein Ruf als Sanierungsexperte voraus. Er berät GM und Opel schon seit 2009 bei der Restrukturierung und arbeitet seit Anfang des Jahres als Strategievorstand für Opel. Er hatte die Allianz zwischen Opel und PSA Peugeot Citroën maßgeblich eingefädelt. Mittlerweile unter hohen Verlusten und sinkenden Verkaufszahlen. Stracke bleibt nach Unternehmensangaben im GM-Konzern. Er werde künftig mit "speziellen Aufgaben" betraut und direkt unter Akerson arbeiten.
Trübe Aussichten bei GM werfen neue Schatten auf die gesamte europäische Fahrzeugindustrie, in der zahlreiche Produzenten mit Verlusten kämpfen. Gemessen an den Absatzzahlen gilt der US-Konzern als der weltgrößte Autohersteller. Im vergangenen Monat erst hatte der US-Rivale Ford angekündigt, dass sich seine weltweiten Verluste im zweiten Quartal wohl verdreifachen werden, vor allem weil das Europa-Geschäft im Zuge der Finanzkrise nicht gut läuft.
Hält Detroit an Opel fest?
Spitzenmanager von GM hatten ihren Frust bereits deutlich gemacht: Ihnen geht es mit der zu langsam. Vor allem Stracke wurde dabei offenbar zur Zielscheibe ihrer Kritik. Aus Sicht der Konzernlenker in Detroit habe er nicht genug Veränderung bei Opel durchgesetzt, hieß es aus dem Konzernumfeld.
Außerdem hätten die Amerikaner Strackes Geschäfts- und Marktprognosen für zu optimistisch gehalten. Grundsätzlich aber wolle Detroit an dem Plan festhalten, Opel zu sanieren und nicht zu verkaufen oder zu schließen. Einzelne Analysten hatten nach der Kündigung Strackes vermutet, GM wolle die deutsche Konzerntochter abstoßen.
Die Autoproduktion in Europa bereitet dem US-Konzern seit Jahren Probleme. Seit 1999 schreibt Opel jedes Jahr neue Verluste. Nach der Insolvenz im Jahr 2009 und der Staatshilfe für GM aus Washington, erholte sich die deutsche Sparte nicht. Einen öffentlichen Ausblick für Opel wollte der Mutterkonzern bisher nicht abgeben. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, rechnet GM damit, dass sich die Lage erst gegen Ende des Jahres verbessern dürfte.
Bis Mai waren die Autoverkäufe bei Opel im Vergleich zum Vorjahr um 15,6 Prozent zurückgegangen - mehr als doppelt so stark wie der Abschwung in der europäischen Gesamtbranche, die nach Angaben der Europäischen Vereinigung der Automobilhersteller 7,7 Prozent weniger Autos verkauft hatte. Konkurrenten wie Volkswagen, Hyundai Motor und Kia Motors haben im selben Zeitraum sogar Martkanteile dazugewonnen.
Druck auf Akerson
Zu Wochenbeginn hatte GM darüber hinaus bekanntgegeben, dass Tim Lee, Präsident des internationalen Geschäfts, künftig zusätzlich die weltweite Produktion verantworten wird. Diana Tremblay, die bisher diesen Posten innehatte, wird künftig die Nordamerika-Produktion beaufsichtigen und unter Lee arbeiten.
Die Änderungen im Management sind Teil der Strategie von GM-Chef Akerson, die Produktionskosten zu senken und die Gewinnspannen zu erhöhen. Akerson hat jüngst eingeräumt, dass sich die Trendwende im Konzern seit der Insolvenz nicht so schnell vollzieht wie erhofft.