Wirtschaft
Nord Stream wurde 2011 eingeweiht - jetzt will Russland zusammen mit westlichen Partnern neue Stränge bauen.
Nord Stream wurde 2011 eingeweiht - jetzt will Russland zusammen mit westlichen Partnern neue Stränge bauen.(Foto: dpa)

Europa profitiert - Ukraine leidet?: Gazprom baut mehr Pipelines gen Westen

Russland will die Ukraine als Transitland für Gas in die EU umgehen. Die Russen werfen Kiew nämlich vor, illegal Gas abzuzapfen. Nun kommt ein Pipeline-Ausbau, der das zerrissene Land links liegen lässt. Für Deutschland dürfte der Deal von Vorteil sein.

Russland droht die Ukraine komplett von Erdgas aus dem Osten abzuschneiden - in Deutschland wird die Versorgung dank milliardenschwerer neuer Pipeline-Projekte dagegen wohl stabiler. Als der Kreml-gesteuerte Staatsmonopolist Gazprom Mitte Juni beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg verkündete, die Ostsee-Leitung Nord Stream mit westlichen Partnern um zwei weitere Rohre auszubauen, war nicht nur in Kiew die Verwunderung groß. In der hohen Politik mögen sich Russland und der Westen weiter mit Sanktionen überziehen; gemeinsame Energie-Interessen scheinen davon wenig berührt zu sein.

Auch deutsche Konzerne gehören zu den Profiteuren des Pipeline-Deals - und ebenso die Bundesrepublik insgesamt, wie etwa Eon erklärt: "Nord Stream kann mit seiner Erweiterung einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit Deutschlands und der EU leisten." Dies lässt sich mitunter als Seitenhieb auf die notorisch instabilen Transitwege durch die Ukraine auslegen - wenngleich die Düsseldorfer sich beeilen zu betonen, man folge "keinen politischen Überlegungen".

Europa braucht mehr Erdgas

Der britisch-niederländische Rohstoffriese Shell und der Ölkonzern OMV aus Österreich beteiligen sich ebenfalls an den Plänen. Deutschlands größter Gasförderer Wintershall führt Gespräche, man habe jedoch "noch nicht entschieden". Wie auch immer die restlichen Verhandlungen ausgehen: Die Verbraucher sollen auf eine zuverlässigere Belieferung bauen können.

2014 kamen hierzulande 38 Prozent der Gasimporte aus Russland. Zwar waren die 51 Speicher in Deutschland Mitte Juli gut zur Hälfte gefüllt, die Bundesrepublik hat EU-weit die größten Kapazitäten. Weil aber die heimische Gasgewinnung sinkt, bleibt der Bedarf an Einfuhren hoch. "Die Fördermenge nahm um 5,8 Prozent auf 10,1 Milliarden Kubikmeter ab", berichtete das Geozentrum Hannover über 2014. Zudem gingen die Reserven zurück, und die Niederlande - zweitgrößter Produzent Europas nach Norwegen - drosseln ihre Förderung nach einigen Mini-Erdbeben.

Dabei brauchen die Europäer insgesamt wohl noch mehr Erdgas, solange die erneuerbaren Energien nicht die Grundlast in der Stromproduktion tragen können und das umstrittene Fracking-Verfahren - Treiber der Schiefergas-Revolution in den USA - sich hier nicht durchsetzen kann. Experten der Deutschen Bank sehen das Vorhaben einer EU-Energieunion auch deshalb vor allem im Lichte "großer Sorgen um mögliche Gas-Lieferunterbrechungen infolge des Ukraine-Russland-Konflikts".

Verdacht: Ukraine schöpft illegal Gas ab

Aus der Perspektive Kiews werden die Karten mit den Pipeline-Plänen neu gemischt. Zumal ein weiteres Großprojekt hinzukommt: Im Süden soll die ausgebaute Leitung Turkish Stream durch das Schwarze Meer, die Türkei und Griechenland zur zweiten Gas-Lebensader Westeuropas werden. Spätestens nach dem Auslaufen der Lieferverträge mit Russland 2020 könnte die Ukraine dann vom großen Nachbarn abgenabelt sein. Die Charmeoffensive Moskaus an die Westkonzerne betrachtet das Land daher mit Argwohn. Seit Anfang Juli kauft man kein Gas mehr von Russland, sondern leitet nur noch die vom Westen bestellten Mengen weiter.

Dabei hält sich nicht nur in Moskau der Dauerverdacht, dass immer wieder illegal abgezapft wird - die Ukraine bestreitet das. Gleichzeitig sollen die Europäer aushelfen. Gazprom kritisiert, dass ein Teil des Gases wieder rückwärts gepumpt wird. Solche "umgekehrten Flüsse" seien ein Vertragsbruch. So kaufe die Ukraine etwa über den Umweg von der Slowakei Gas preiswerter ein als von Russland direkt. Zugleich benötigt das Land immer weniger Energie - wegen des Kriegs und der Wirtschaftskrise, die ganze Industriezweige zerstört haben.

2014 hatte sich der Gas-Importbedarf mehr als halbiert, knapp 74 Prozent kamen aber weiter aus Russland. Den Trennungskurs von Moskau gibt die prowestliche Führung um Präsident Petro Poroschenko vor: "In zwei Jahren werden wir das russische Gas nicht mehr brauchen." Im Vorjahr kam das Gros der westlichen Lieferungen noch von RWE, Eon, der französischen GDF und der norwegischen Statoil. Die Ukrainer wollen wegen des politischen Zerwürfnisses mit Russland einfach nicht mehr beim rohstoffreichen Nachbarn einkaufen. Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst in Hamburg glaubt denn auch nicht, dass Kiew vom West-Gas abgeschnitten wird. Aber: "Russland hat ein vitales Interesse daran, mit dem Westen im Geschäft zu bleiben."

Quelle: n-tv.de

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