Wirtschaft
Mit neuen Modellen an alte Erfolge anknüpfen? Blackberry versucht's.
Mit neuen Modellen an alte Erfolge anknüpfen? Blackberry versucht's.(Foto: picture alliance / dpa)

"Eine neue Ära beginnt ...": Blackberry bläst zum Angriff

Research in Motion gibt es nicht mehr. RIM muss sterben, damit das Blackberry weiterleben kann. Doch das bleibt nur eine Randnotiz bei der Vorstellung des neuen Betriebssystems Blackberry 10. Mit zwei neuen Modellen will der Smartphone-Pionier den Markt aufrollen. Den Anlegern reicht das offenbar nicht.

Blackberry Z10
Blackberry Z10(Foto: Blackberry)

"Der 30. Januar 2013 markiert den Beginn einer neuen Ära": So wirbt der Blackberry-Anbieter Research in Motion (RIM) auf seiner Webseite und stellt das neue Betriebssystem Blackberry 10 sowie neue Smartphone-Modelle vor. Gleichzeitig macht der ins Trudeln geratene Konzern seine weltbekannte Marke Blackberry zum neuen Firmennamen. Das Unternehmen heiße von nun an offiziell Blackberry, kündigte Konzernchef Thorsten Heins an. Das Unternehmen, das mit den Blackberrys zu den Smartphone-Pionieren zählt, wolle mit dem neuen System den Anschluss an das Google-Betriebssystem Android und Apples iPhone schaffen.

Bei den Anlegern kam die Umbenennung gut an, vorbörslich kletterte der Aktienkurs. Im Handel gab es dann ein böses Erwachen, die Papiere rauschten zeitweise rund 9 Prozent abwärts. Beobachter störten sich aber daran, dass die Geräte teils erst im März oder sogar April auf wichtigen Märkten zu haben sein werden. Schon die Entwicklung von Blackberry 10 hatte sich um Monate verzögert, das Unternehmen schrieb hohe Verluste.

Klotzen statt Kleckern

Blackberry alias RIM ließ sich bei der Präsentation des neuen Betriebssystems dennoch nicht lumpen. Das kanadische Unternehmen mietete einen der größten Veranstaltungsorte im eng bebauten New York an und karrte Busladungen von Journalisten, Analysten und Geschäftspartner an. Dabei hat RIM im vergangenen Jahr wegen des Vormarschs von Apples iPhone und der Android-Handys mehrere Hundert Millionen Dollar Verlust gemacht und baut deshalb gerade 5000 Stellen ab. Der betriebene Aufwand macht klar: Blackberry 10 muss ein Erfolg werden.

Der Mann, der diesen Erfolg garantieren soll, kommt aus Deutschland, Konzernchef Heins. "Das ist eine der größten Neuvorstellungen in unserer Branche", sagte er am Pier 36, einer alten Lagerhalle in Downtown Manhattan direkt am East River - mit dabei Soul-Sängerin Alicia Keys als neue Werbefigur. Hier hatte schon VW seinen Retro-Käfer Beetle vorgestellt, der Bierbrauer Heineken hatte für ein Konzern Cee-Lo Green auf die Bühne geholt, und auch eine Hochzeit mit 900 Leuten fand hier schon statt.

Alles ist in "Balance"

Das neue Betriebssystem, an dem Blackberry rund zwei Jahre gearbeitet hat, unterscheidet sich in der Bedienung deutlich von anderen Plattformen auf dem Markt. Blackberry 10 soll mit einer ausgeklägelten Gesten-Bedienung einen schnellen Wechsel zwischen Anwendungen ermöglichen und neue Nachrichten an einem Ort sammeln. Eine intelligente Software-Tastatur soll das Tippen auf dem Touchscreen erleichtern. Ein wichtiges Feld für die Zukunft ist die Verbindung zur Elektronik im Auto sowie Haushalts- oder Gesundheitstechnik, kündigte Heins an.

Vor allem will Blackberry die Geschäftskunden zurückgewinnen, die bisherige Stammkundschaft. Die neue Software ermöglicht eine strikte Trennung zwischen Beruflichem und Privatem. So kann ein Firmen-Administrator die geschäftlichen Daten eines Mitarbeiters kontrollieren, ohne dessen private Fotos oder E-Mails anzurühren. Diese Funktion heißt Blackberry Balance.

Blackberry Z10
Blackberry Z10(Foto: Blackberry)

Beim Blackberry Hub wiederum laufen alle Nachrichten zusammen - egal ob E-Mail, Twitter, Facebook oder Mitteilungen aus anderen Sozialen Netzwerken. Das soll für einen schnellen Überblick sorgen. Erste Tester waren begeistert von den Funktionen und Blackberry konnte auch Entwickler von Apps gewinnen, neue Programme für Blackberry 10 zu schreiben.

Zum Start gebe es bereits rund 70.000 Apps für das neue System, hieß es. Darunter seien SAP-Anwendungen ebenso wie der beliebte Nachrichtendienst WhatsApp, der Telefoniedienst Skype, Amazons E-Book-Software Kindle oder das Spiel "Angry Birds". Sängerin Alicia Keys wurde als "weltweite Kreativdirektorin" vorgestellt und soll das bislang eher biedere Image der Marke stärken. Blackberry habe sich «mehr als neu erfunden», verkündete Heins.

"Wir wussten, es war riskant"

Neben dem Betriebssystem wurden zwei neue Smartphones präsentiert, eines mit der bekannten Tastatur, eines mit reinem Touchscreen. Für das Unternehmen sei dies die "wichtigste Veranstaltung in der Firmengeschichte seit 1996", stellte die "New York Times" fest. Damals hätten die Firmengründer Investoren ein kleines Stück Holz gezeigt und versprochen, dass eine derart geformte drahtlose E-Mail-Maschine das Geschäft für immer verändern werde. Die Prophezeiung bewahrheitete sich: Die Blackberrys wurden zum Statussymbol der Manager auf der ganzen Welt - und ebneten letztlich auch iPhone und Co. den Weg.

Blackberry Z10, Seitenansicht
Blackberry Z10, Seitenansicht(Foto: Blackberry)

Doch statt den Markt anzuführen, kämpft Blackberry mittlerweile ums Überleben. Die Kanadier setzten bei ihren Blackberrys zu lange auf eine Tastatur und verschliefen den Trend zu berührungsempfindlichen Bildschirmen. Diesen Markt rollte Apple auf - und überrollte schließlich RIM. Später kam Google mit seinem Android-Betriebssystem hinzu, das etwa die beliebten Galaxy-Geräte von Samsung antreibt.

Firmenchef Heins steht seit einem Jahr an der Spitze. "Es war das herausfordernste Jahr meiner Karriere", sagte er. Gleichzeitig sei es aber auch das Erfüllendste gewesen. Der Mitfünfziger hatte Karriere in der früheren Kommunikationssparte von Siemens gemacht, bevor er 2007 zu RIM wechselte und vor der Berufung auf den Chefposten das Tagesgeschäft führte. Er löste das zuletzt heftig kritisierte Führungsduo Mike Lazaridis und Jim Balsillie ab.

Heins wusste um die schwierige Aufgabe und griff durch: Er streicht fast jeden Dritten der einst 16.500 Jobs und drückt damit die Kosten um eine Milliarde Dollar. Gleichzeitig hielt er seinen Entwicklern den Rücken frei, um das neue Betriebssystem Blackberry 10 zur Perfektion zu bringen. Mehrere Male wurde die Veröffentlichung verschoben, die Investoren wurden unruhig. Doch Heins bewies ein breites Kreuz: "Wir wussten, es war riskant."

Im vergangenen Jahr hatte sich der Anteil der Blackberrys an den Verkäufen nach Zahlen der Marktforschungsfirma IDC mehr als halbiert auf 4,6 Prozent - bei einem Smartphone-Markt, der insgesamt boomte. Die Zahl der ausgelieferten Blackberrys schrumpfte um mehr als ein Drittel auf 32,5 Millionen. Zum Vergleich: Samsung lieferte im gleichen Zeitraum 215,8 Millionen der Computerhandys aus und Apple kam nach den IDC-Berechnungen auf 135,9 Millionen iPhones. Blackberry will jetzt vor allem seine Stammkunden in Unternehmen und Behörden zurückgewinnen.

Das Comeback wird aber nicht einfach: Auch Apple und vor allem Microsoft mit seinem neuen Betriebssystem Windows Phone 8 zielen auf Geschäftskunden. Windows-Smartphones bringen beispielsweise die bekannten Office-Büroprogramme in abgespeckter Form gleich mit. Worauf Blackberry setzen kann, sind immer noch 79 Millionen Nutzer. Die Aufholjagd hat begonnen.

Quelle: n-tv.de

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