Wirtschaft
(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 12. Oktober 2017

Schadenersatz in Milliardenhöhe: Haben VW und Porsche Anleger abgezockt?

Von Philip Ziche

Am Donnerstag beginnt das Musterverfahren gegen Porsche und VW. Dutzende Investoren fühlen sich betrogen und verlangen Milliarden zurück. In ihrer erbitterten Übernahmeschlacht 2008 sollen die Autofirmen ihre Anleger getäuscht haben.

VW und Porsche sind seit jeher eng verbunden: Die Porsches waren maßgeblich an der Gründung von VW beteiligt. Ferdinand Porsches Schwiegersohn Anton Piëch übernahm 1945 die Geschäfte bei Volkswagen und übergab sie später an seinen Sohn. Ab 2005 kauften sich die Porsches auch schrittweise immer stärken bei VW ein - und schickten sich 2008 an, den viel größeren Konzern komplett zu schlucken. Die Clans kämpften verbissen mit allen Mitteln. Fast ein Jahrzehnt später beginnt ein neues Kapitel in der juristischen Aufarbeitung der legendären Übernahmeschlacht.

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42 Investoren haben sich für eine Sammelklage gegen die Autokonzerne vor dem Landgericht Hannover zusammengeschlossen. Sie werfen VW und Porsche vor, die Anleger über ihre Absichten in die Irre geführt zu haben und verlangen Schadenersatz von rund 5,4 Milliarden Euro. Angefangen hatte die Übernahmeschlacht 2005: Porsche kaufte 20 Prozent der VW-Aktien und wurde größter Aktionär der Wolfsburger. Bis 2007 baute der Sportwagenhersteller seine Anteile immer weiter aus, erklärte aber, es gäbe keine Pläne, mehr als 30 Prozent an Volkswagen zu übernehmen.

Porsche pirschte sich an VW heran

Im März 2008 ging Porsche dann doch plötzlich in die Offensive: Man wolle die Volkswagen-Beteiligung auf über 50 Prozent erhöhen, teilten die Stuttgarter mit. Nur wenige Tage später machte Porsche aber eine wichtige Einschränkung: Man beabsichtige nicht, 75 Prozent der VW-Aktien zu übernehmen, wie verschiedene Medien damals berichteten. Die Spekulation "übersieht die Realitäten in der Aktionärsstruktur von Volkswagen", hieß es in der Pressemitteilung. Porsche tat die Berichte als "Börsengerüchte, die auf Gedankenspiele von Analysten zurückgehen", ab.

Die Kehrtwende kam ein halbes Jahr später im Oktober 2008: Porsche besitze über VW-Stammaktien und Optionen inzwischen 74,1 Prozent von Volkswagen. "Zielsetzung ist, im Jahr 2009 auf 75 Prozent aufzustocken und damit den Weg für einen Beherrschungsvertrag freizumachen", offenbarte Porsche der Öffentlichkeit seine Absichten.

Die Anleger sehen darin eine gezielte Täuschung: Die geplante Übernahme von Volkswagen sei eine Insiderinformation gewesen, die Porsche den Investoren rechtzeitig hätte mitteilen müssen. Der Vorstand hätte intern schon ab März 2008 eine Beteiligung von 75 Prozent angepeilt. Auch VW soll klargewesen sein, dass der Angriff auf eine Beherrschung, nicht nur eine Mehrheitsbeteiligung abzielte. Beide Konzerne hätten die Anleger gezielt oder mindestens grob fahrlässig getäuscht. Porsche und VW streiten das ab.

Kursexplosion kostete Investoren Milliarden

Das Urteil könnte die beiden Autobauer Milliarden kosten. Denn viele Anleger wurden von der Übernahmeschlacht kalt erwischt: Sie hatten auf fallende Kurse spekuliert und mussten sich mit VW-Aktien eindecken, um ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Weil Porsche sich über Optionen heimlich aber schon fast drei Viertel der VW-Papiere gesichert hatte, blieben kaum Aktien am Markt übrig. Der VW-Kurs stieg deshalb innerhalb von nur zwei Tagen auf über 1000 Euro und brockte den Investoren enorme Verluste ein. VW war damals kurzzeitig das teuerste Unternehmen der Welt. Allerdings sackte der Aktienkurs ebenso schnell wieder ab, wie er explodiert war.

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Ein prominenter Investor war der Unternehmer Adolf Merckle. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge soll er durch die Kurskapriolen während der Übernahmeschlacht knapp eine Milliarde Euro verloren haben. Berichten zufolge waren es diese enormen Verluste, die Merckle im Januar 2009 in den Selbstmord trieben. Am selben Tag gab Porsche offiziell bekannt, seine VW-Beteiligung auf über 50 Prozent ausgebaut zu haben.

Freispruch für Härter und Wiedeking

Nicht lange danach endete Porsches Versuch, sich VW einzuverleiben. Der Sportwagenhersteller hatte sich in Milliardenhöhe verschuldet, um seine Übernahmepläne zu finanzieren, und musste aufgeben. Danach drehte VW den Spieß um: Ende 2009 hatten die Wolfsburger knapp die Hälfte von Porsche übernommen, drei Jahre später kaufen sie das Unternehmen vollständig auf. Nach der verlorenen Übernahmeschlacht verließen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzchef Holger Härter das Unternehmen. Keinen Monat später begannen Ermittlungen gegen beide.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft warf den ehemaligen Porsche-Vorständen Marktmanipulation vor. Härter wurde 2013 zwar wegen Kreditbetrugs zu einer Geldstrafe verurteilt - er hat laut Urteil die französische Bank BNP Paribas getäuscht. Vom Vorwurf der Marktmanipulation sprach das Landgericht Stuttgart Härter und Wiedeking im Frühjahr 2016 jedoch frei. Richter Frank Maurer befand, dass an den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft nichts dran sei, "weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte."

Mit der Sammelklage kommen nach den Staatsanwälten nun die Anleger zum Zug. Die große Frage ist, ob Porsche von Anfang an geplant hat, die Volkswagen AG zu 75 Prozent aufzukaufen und damit vorsätzlich die Anleger getäuscht hat - und ob sich der Vorwurf beweisen lässt. Wie lange es bis zu einem Urteil dauern wird, ist unklar.

Quelle: n-tv.de

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