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Diese Hände dirigieren die Geldpolitik in der Eurozone, eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Erde.
Diese Hände dirigieren die Geldpolitik in der Eurozone, eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Erde.(Foto: dpa)

Von "nahe Null" auf "noch näher Null": EZB drückt den Euro-Leitzins

Im Kampf gegen die Schuldenkrise wagen sich Europas Währungshüter auf Neuland vor: Die EZB senkt den für die Kreditversorgung im Euroraum maßgeblichen Leitzins auf das rekordniedrige Niveau von 0,75 Prozent. Banken können sich nun so günstig wie noch nie mit Geld versorgen. Doch Experten zweifeln, und die Märkte reagieren ganz anders als erhofft.

Erläuterungen vor der Presse: Mario Draghi spricht nach dem Zinsentscheid.
Erläuterungen vor der Presse: Mario Draghi spricht nach dem Zinsentscheid.(Foto: REUTERS)

Erstmals seit Einführung des Euro 1999 hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins im Euroraum unter ein Prozent gesenkt. In einer weltweit beachteten Entscheidung verringerte der geldpolitische Rat der EZB den maßgeblichen Zins um 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 Prozent. Damit wird Zentralbankgeld für Geschäftsbanken so billig wie noch nie zuvor in der Geschichte der Währungsunion. Die Entscheidungen fielen einstimmig - damit erteilte auch Bundesbankchef Jens Weidmann der Null vor dem Komma seinen Segen.

Wie die EZB weiter mitteilte, sinkt darüber hinaus der Zinssatz, den Banken von der EZB gutgeschrieben bekommen, wenn sie bei ihr Liquidität parken, zum ersten Mal auf 0 von zuvor 0,25 Prozent. Es lohnt sich damit für die Banker nicht mehr, überschüssige Liquidität bei der EZB zu parken. Für kurzfristigen Kredit von der Notenbank müssen die Geldhäuser künftig nur noch 1,5 Prozent berappen. Bislang waren es 1,75 Prozent.

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Mit der historischen Absenkung der Zinsen stemmt sich die EZB gegen Wirtschaftsabschwung und die Auswirkungen der Schuldenkrise. In seinen traditionellen Erläuterungen nach dem Zinsentscheid begründete EZB-Präsident Mario Draghi die Maßnahme mit der schwierigen Lage der Eurozone. Er sehe nach wie vor erhebliche Risiken für die Konjunktur in den 17 Eurostaaten, erklärte Draghi.

Zugleich sei die Teuerung in den Mitgliedsländern in jüngster Zeit auf dem Rückmarsch und dürfte laut Draghi spätestens 2013 die von der EZB angepeilte Marke von knapp zwei Prozent unterschreiten. "Das Wirtschaftswachstum bleibt weiterhin schwach und die erhöhte Unsicherheit belastet das Vertrauen." Entsprechend sei die Entscheidung im EZB-Rat "einstimmig in jeder Hinsicht" gefallen, sagte der Italiener, der seit seinem Amtsantritt im vergangenen November die Zinsen damit bereits dreimal gesenkt und gut eine Billion Euro in den Finanzsektor gepumpt hat.

Weitere Schritte, auf die einige Bankvolkswirte und auch Börsianer spekuliert hatten, stellte Draghi nicht in Aussicht. Denkbar wären etwa zusätzliche Liquiditätsspritzen, nachdem die Wirkung der beiden eine Billion Euro schweren Geldspritzen im Winter zuletzt nachzulassen schien. Das sieht offenbar auch Draghi selbst so: "Nun sind einige Monate vergangen und wir sehen, dass die Kreditvergabe schwach ist und schwach bleibt."

Reaktionen an der Börse

An den Finanzmärkten reagierten die Anleger enttäuscht: Unmittelbar nach Bekanntwerden des Votums der Währungshüter fiel der Euro um gut einen halben Cent unter die Marke von 1,25 Dollar. Noch während der Pressekonferenz mit Draghi im Frankfurter Euro-Tower gab der Kurs der Gemeinschaftswährung dann nochmals um rund einen Cent auf Werte um 1,24 Dollar nach. Am Frankfurter Aktienmarkt drehte der Dax ins Minus.

Analysten und Ökonomen versuchten die Ernüchterung an den Märkten mit der begrenzten Wirkung der Zinssenkung und dem negativen Konjunkturausblick Draghis zu erklären. Viele Volkswirte hatten die Zinssenkung Europas Wirtschaft kühlt ab erwartet. Die Inflationsrisiken gingen zuletzt zurück, während sich die schwache Konjunktur immer weiter ausbreitet. Ökonom Marco Valli von der Unicredit sieht klare Anzeichen, dass die wirtschaftliche Schwäche aus den Krisenländern zunehmend auf den Kern des Euroraums übergreift - und die Dynamik auch in Deutschland als stärkster Volkswirtschaft Europas nachlässt.

Einzig die Reduzierung der Zinsen der Einlagefazilität kam für die meisten Marktteilnehmer überraschend. Die EZB will mit dieser Maßnahme die Konjunktur offenbar zusätzlich anschieben: Der mit 0,25 Prozent bereits extrem niedrigen Zins für Übernachteinlagen bei der EZB liegt künftig bei null Prozent. Damit lohnt es sich für Banken überhaupt nicht mehr, Milliarden kurzfristig bei der Notenbank zu parken. Die Notenbanker erhoffen sich davon einen lindernden Effekt in den von Kreditklemmen bedrohten Volkswirtschaften.

Die billigen Zentralbank-Milliarden sollen bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen und so für Investitionen und Konsum sorgen. In den vergangenen Monaten hatten die verunsicherten Banken ihre Rücklagen lieber über Nacht bei der EZB untergestellt als sie etwaigen Marktrisiken auszusetzen. Dieser Rückzugsort ist nun deutlich unattraktiver geworden. Experten reagierten allerdings auch hier skeptisch. "Schon bisher haben Geschäftsbanken Zinseinbußen in Kauf genommen, um Geld bei der EZB zu parken. Das ist ihnen die höhere Sicherheit wert", sagte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB.

Widerstand unter deutschen Volkswirten

Draghi bekräftigte, es brauche Zeit, bis die Billionen, die sich Banken von der EZB borgten, in der Wirtschaft ankämen: "Der Umfang und die Komplexität der Geschäfte sind so groß, dass man nicht mit einer unmittelbaren Reaktion rechnen kann." Zugleich versicherte der EZB-Chef, die Notenbank sei bereit, bei möglichen Eingriffen der Euro-Rettungsfonds EFSF beziehungsweise ESM zugunsten strauchelnder Staaten und maroder Banken mit der Politik zusammenzuarbeiten. Draghi betonte allerdings, dass "solide Staatsfinanzen und Strukturreformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit (...) vorrangig", blieben. Nach dem Willen der Euro-Staats- und Regierungschefs soll die EZB bald auch bei der Bankenaufsicht eine zentrale Rolle spielen.

Gegen diesen und andere Beschlüsse des jüngsten Euro-Gipfels laufen 160 deutschsprachige Ökonomen Sturm: In einem offen Brief rufen die Wirtschaftsprofessoren um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Bevölkerung zum Protest gegen die aus ihrer Sicht falschen Weichenstellungen auf: "Wir (...) sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge", heißt es in dem Appell, den die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vorab veröffentlichte. Draghi lobt hingegen den Euro-Gipfel: "Die politische Führung hat deutlich gemacht, dass die Währungsunion geschaffen wurde, um zu bestehen." Draghis ermutigende Worte blieben nicht unkommentiert.

Draghi lehnt Anleihenkäufe ab

Keine Rolle spielt derzeit für die EZB eine Wiederaufnahme ihrer umstrittenen Staatsanleihenkäufe. Kurz vor der Ratssitzung hatte sich die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, für eine Fortsetzung der Anleihenkäufe von Krisenstaaten ausgesprochen. Damit könne gezielt einzelnen Ländern geholfen werden. Draghi jedoch überlässt dieses Thema zunächst den von den Eurostaaten getragenen Rettungsschirmen.

Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht tendenziell die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher und kann so - theoretisch - die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern niedrige Zinsen aber die Inflation.

BoE wirft Notenpresse an

Die britische Zentralbank setzt im Kampf gegen die Rezession und aus Angst vor einer Ansteckung durch die Schuldenkrise in Kontinentaleuropa abermals auf die Notenpresse. Wie die Bank of England (BoE) nach der Sitzung ihres geldpolitischen Rats in London mitteilte, stockt sie ihr Anleihenkaufprogramm um 50 Mrd. auf 375 Mrd. Pfund auf.

Der Schritt war an den Finanzmärkten erwartet worden. In Großbritannien ist es die insgesamt dritte Runde von Staatsanleihenkäufen. Das zweite Programm war erst vor acht Wochen ausgelaufen. Ihren Leitzins beließen die Notenbanker um Gouverneur Mervyn King bei rekordniedrigen 0,5 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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