Wirtschaft
Schnell, gefährlicher, Hochgeschwindigkeitshandel?
Schnell, gefährlicher, Hochgeschwindigkeitshandel?(Foto: picture alliance / dpa)

Pannen an den Börsen: Hochgeschwindigkeit ist gefährlich

Komplexe Computerprogramme beschleunigen den Börsenhandel rasant. Allerdings sollen die Systeme auch für plötzliche Kursabstürze der letzten Zeit verantwortlich sein. Experten warnen deshalb vor den Gefahren für das Finanzsystem. Deutschland will den Turbo-Handel einbremsen.

Ist das Zufall? In diesem Jahr häufen sich die Pannen an den Börsen weltweit. Allein im August gab es binnen weniger Tage in New York, Madrid und Tokio gleich drei große Handelsaussetzer. Auch wenn die Störungen wohl nicht direkt etwas miteinander zu tun haben - das Vertrauen der Anleger in die Technik der Börsenbetreiber steht auf dem Spiel. Die Sorge wächst, dass die Börsen ein Opfer der eigenen Jagd nach Schnelligkeit werden. Wo aber setzen die Unternehmen ihre Priorität? Wollen sie auch die letzte Nanosekunde noch herauskitzeln, um im Wettbewerb die Nase vorn zu haben? Und wie groß sind die Gefahren des Hochgeschwindigkeitshandels für das Finanzsystem?

"Der Verdacht ist da, dass Geschwindigkeit im Zweifel vorgeht und Börsenbetreiber vor Beschränkungen wie automatische Sperren zurückschrecken", sagt Analyst Konrad Becker von Merck Finck. Die Frage ist zudem, ob die IT-Systeme der Börsen den immer komplexeren Anforderungen des auf absolute Schnelligkeit ausgerichteten Hochfrequenzhandels standhalten können, der kleinste Vorteile ausnutzen will. Der Hochgeschwindigkeitshandel soll Kursabstürze in der Finanzkrise beschleunigt haben, lautet die Kritik.

Experte Becker sieht die Politik gefordert. An diesem Mittwoch will Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) einen Gesetzentwurf durchs Kabinett bringen: Der sekundenschnelle Aktienhandel soll in Deutschland strenger reguliert werden, um das Risiko von unkontrollierten Kurssprüngen zu begrenzen. Der Entwurf sieht schärfere Regeln vor allem für die Handelsteilnehmer vor, weniger für die Infrastruktur der Börsenbetreiber.

Computer- statt Präsenzhandel

Die Computertechnik ist heutzutage, wo der Präsenzhandel, also der Handel auf dem Börsenparkett, praktisch keine Rolle mehr spielt, das Kernstück der Börsen. Sie kämpfen damit, dass viele Investoren einen Teil ihres Handels in alternative Plattformen verlegen. Im Konkurrenzkampf der Börsen sind diese Plattformen das bestimmende Unterschiedsmerkmal und verschlingen einen Großteil der Kosten. «Die IT hat dramatisch an Bedeutung gewonnen«, agt Analyst Becker. "Zugleich hat die Anfälligkeit zugenommen." Je größer und komplexer die Handelssysteme seien, desto gefährlicher könnten die Auswirkungen von Pannen sein. "Früher hatten Ausfälle nicht so eine Bedeutung wie heute, man konnte die Folgen einfacher begrenzen."

Ziel der Deutschen Börse ist es, zu den schnellsten und gleichzeitig zu stabilsten zu gehören. Konkrete Zahlen für die Aufwendungen in die Informationstechnik (IT) weist das Unternehmen zwar nicht aus. In der Bilanz stehen unter dem Punkt Wachstumsinitiativen, für die im vergangenen Jahr rund 120 Mio. Euro ausgegeben wurden, in diesem Jahr 160 Mio. bereit. "Ein erheblicher Teil davon sind Entwicklungskosten für die IT-Technik", erklärt ein Sprecher. Das Unternehmen führt derzeit in mehreren Schritten ein neues System ein.

Backups gesucht

Seit der Einführung des elektronischen Handels 1997 versucht sich die Deutsche Börse mit zahlreichen Sicherungen gegen wildgewordenen Systeme zu schützen. So erlaubt sich das Unternehmen etwa ganz bewusst teure Doppelstrukturen - sogenannte Redundanzen. Damit soll bei dem Ausfall einer Komponente eine weitere als Backup bereit stehen. Zudem gibt es strikte Regeln nach denen der Handel automatisch unterbrochen und Leitungen zu Händlern sogar gekappt werden können.

Damit sieht sich das Unternehmen als Vorreiter. Auch von Analysten gibt es Lob. "Die Deutsche Börse ist im Vergleich zu anderen sicherlich ziemlich weit vorn", sagt etwa Quandt-Analyst Christian Muschick. Ganz gefeit sind aber auch die Deutschen nicht. Im Mai fiel das Xetra-System an einem Tag für anderthalb Stunden aus.

Quelle: n-tv.de

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