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"Fehler erkennen und nicht wiederholen": Athen begrüßt IWF-Eingeständnis

In Sack und Asche treten die Experten des Internationalen Währungsfonds vor die Öffentlichkeit: In einer offiziellen Rückschau berichten sie von Fehlern und "Misserfolgen" bei der ersten Rettungsaktion für Griechenland. Und die Griechen? Sie feiern den Bereicht als "objektiv und uns willkommen".

Sieht Griechenland kurz davor, wieder das Vertrauen der Märkte zu erlangen: Christine Lagarde ist optimistisch.
Sieht Griechenland kurz davor, wieder das Vertrauen der Märkte zu erlangen: Christine Lagarde ist optimistisch.(Foto: AP)

In Griechenland nimmt die Regierung das Eingeständnis des Internationale Währungsfonds (IWF) von Versäumnissen beim ersten Rettungsprogramm für Griechenland. "Der Bericht ist objektiv und ist uns willkommen", sagte der griechische Finanzminister Ioannis Stournaras der Athener Zeitung "Kathimerini". Der Bericht gebe "allen die Chance, ihre Fehler zu erkennen, damit sie nicht wiederholt werden", so Stournaras weiter.

Gleichzeitig aber betonte der griechische Regierungschef, Antonis Samaras, die gesetzten Ziele müssten erreicht werden. "Die Aufgabe der Politiker ist es nicht nur, über Fehler anderer zu reden, sondern auch, sie zu korrigieren", sagte der griechische Regierungschef Antonis Samaras. Oberstes Gebot sei jetzt "so schnell wie möglich aus der Krise herauszukommen". Nichts dürfe Griechenland davon abhalten.

IWF hat sich verrechnet

Der IWF hatte zuvor eingeräumt, man habe möglicherweise zu viel Optimismus bei den Wirtschaftsprognosen für den hoch verschuldeten Staat walten lassen, erklärte der IWF in einem Bericht zur Rettung des Landes vor drei Jahren. In dem Bericht ist von Fehlern und "bedeutenden Misserfolgen" die Rede.

Dem ersten Hilfspaket aus dem Jahr 2010 seien allzu optimistische Annahmen zur Entwicklung der griechischen Staatsschulden und zur Umsetzung von Reformen in dem Land zugrunde gelegt worden, urteilt der IWF über das damalige Vorgehen. Die Standards des Fonds zur Schuldentragfähigkeit seien zu niedrig angesetzt gewesen. Man hätte zudem bereits früher im Jahr 2011 die privaten Gläubiger energischer drängen müssen, einen Schuldenschnitt in Kauf zu nehmen.

Zwischen den Vorhersagen zum griechischen Schuldenberg und der Realität gebe es einen "sehr großen" Unterschied. Zudem sei bereits für 2012 ein Wirtschaftswachstum erwartet worden, hieß es in dem Bericht. Tatsächlich befindet sich Griechenland auch 2013 noch - wie bereits in den vorangegangenen fünf Jahren - in einer tiefen Rezession.

Schonungslose Selbstkritik

Kritisiert wird in dem IWF-Bericht auch die Zusammenarbeit mit der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) in der sogenannten Troika. Es habe Probleme bei der Koordination und unterschiedliche Ziele gegeben. Das Hilfsprogramm habe "bedeutende Misserfolge" verzeichnet, fassen die IWF-Experten ungewohnt selbstkritisch zusammen. So sei das Vertrauen der Märkte in Griechenland nicht zurückgekehrt und aus dem Bankensystem seien 30 Prozent der Spareinlagen abgezogen worden. Die Wirtschaft schließlich habe "eine viel tiefere Rezession als erwartet" erlebt mit "außergewöhnlich hoher Arbeitslosigkeit".

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Insgesamt hält der IWF aber daran fest, dass es die richtige Entscheidung war, das Land 2010 mit 110 Mrd. Euro vor der Pleite zu retten und vor einem Euro-Austritt zu bewahren. Kritiker werfen der Retter-Troika aus EZB, EU und IWF hingegen vor, Griechenland gemessen an seiner Wirtschaftskraft viel zu lange viel zu viel Geld zur Verfügung gestellt zu haben.

Das erste Hilfsprogramm für Griechenland umfasste Notkredite in Höhe von 110 Mrd. Euro. Diese reichten jedoch angesichts der desolaten Lage des Landes nicht aus. Bereits im November 2012 musste ein zweites Hilfspaket geschnürt werden. Weitere Kredite von 165 Mrd. Euro wurden zugesagt. Zudem verzichteten Privatgläubiger im Rahmen eines Schuldenschnitts auf rund 107 Mrd. Euro ihrer Forderungen. Für beide Hilfsprogramme sagte Athen Reformen und Kürzungen bei den Staatsaugaben zu.

Zweiter Schuldenschnitt erforderlich?

Griechenland kommt bislang trotz der immensen internationalen Hilfsbemühungen nicht aus der Rezession heraus: Die Wirtschaft wird wahrscheinlich im laufenden Jahr zum sechsten Mal in Folge schrumpfen. Deswegen hält es der IWF es für möglich, dass das Land von seinen europäischen Partnern einen weiteren Schuldenerlass benötigt, um die Anforderungen an die Schuldenquote einhalten zu können. 2012 hatten die Euro-Partner und der IWF ein zweites Hilfspaket für Griechenland geschnürt.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds hält es allerdings auch nicht für ausgeschlossen, dass Griechenland schon im nächsten Jahr wieder Zugang zu den Kapitalmärkten haben wird. IWF-Direktorin Christine Lagarde sagte in einem Interview, es gebe einen grundsätzlichen Wandel. Sie bezog sich damit ausdrücklich auf die Fähigkeit der griechischen Regierung, den Verpflichtungen nachzukommen, die das Land im Zuge der Rettungspakete mit seinen Gläubigern eingegangen ist.

Lagarde erkennt Fortschritte

Griechenland stehe kurz davor, wieder das Vertrauen des Marktes zu erlangen - ein Zustand, den das Land nach seinem wirtschaftlichen Absturz nicht mehr kennt: grundsätzlich in der Lage zu sein, am privaten Finanzmarkt Geld einzusammeln.

"Es hat sich so vieles geändert verglichen mit dem Zustand von vor drei Jahre, dass Investoren sich das sehr sorgfältig ansehen werden", sagte Lagarde. "Gibt es kontinuierliche politische Unterstützung, werden kontinuierlich Vereinbarungen umgesetzt? Das sind die kritischen Marksteine."

Ein erneuter Zugang zu den Schuldenmärkten wäre für Griechenland, das lange im Epizentrum der Krise Europas lag, ein entscheidender Wendepunkt. Wenn es der Regierung in Athen gelänge, müsste Europa in Zukunft nicht mehr einspringen und dem Land eine Finanzierung bieten.

Ende vergangener Woche hat der IWF die bisher letzte Tranche aus einem Kreditpaket für das hochverschuldete Mittelmeerland bewilligt und Griechenland bescheinigt, dass es bei seinem Sanierungsprogramm im Wesentlichen im Plan ist.

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Quelle: n-tv.de

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