Wirtschaft
Deutsche-Bank-Chef John Cryan hatte bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für 2015 nichts zu lachen.
Deutsche-Bank-Chef John Cryan hatte bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für 2015 nichts zu lachen.(Foto: picture alliance / dpa)

Rekordverlust bei Deutscher Bank: "Ich fühle mich persönlich verantwortlich"

Von Hannes Vogel

Die Skandale reißen ein Milliardenloch in die Bilanz, die Deutsche Bank wird womöglich Übernahmekandidat. Trotzdem kommt ihr Chef John Cryan damit voran, die zerstörte Glaubwürdigkeit zu reparieren. Auch mit dem eigenen Geldbeutel.

Wie erklärt man einen Verlust von 6,7 Milliarden Euro? Wie verkauft man das größte Finanzloch in der Geschichte der Bank? John Cryan, der Deutschlands größtes Geldhaus seit Juli leitet, versucht es bei seiner ersten Bilanzpressekonferenz auf die britische Art: nüchtern die Fakten nennen und dann nach vorn blicken.

Video

Er beschönigt nichts. Seit 2012 hat die Deutsche Bank 12,7 Milliarden Euro für ihre endlose Liste von Skandalen aufwenden müssen - für Zahlungen an geprellte Kunden, Geschäftspartner und Aufsichtsbehörden. Die Prozesse nennt Cryan "einen Mühlstein um den Hals der Bank". Sie werden der Bank noch auf Jahre die Bilanz verhageln. "Auch 2016 wird kein Jahr, wo wir großartige Finanzergebnisse zeigen werden", sagt Cryan. Eine Dividende werde es frühestens 2017 wieder geben.

Für die Bank geht es inzwischen um alles. Sie steckt in der größten Krise ihrer fast 150-jährigen Geschichte. Der neue Mann an der Spitze der Bank hat begriffen, dass Glaubwürdigkeit in der Chefetage beginnt: "Ich weiß, die Ergebnisse sind nicht berauschend. Ich fühle mich persönlich verantwortlich für einen Verlust von fast sieben Milliarden Euro. Das ist nicht der Fehler von irgendjemand anderem, das ist die Deutsche Bank", sagt Cryan. Der Konstrast zu seinem gescheiterten Vorgänger Anshu Jain könnte größer nicht sein. "Da müssen sie meinen Aufsichtsrat fragen", war Jain bei seiner ersten Pressekonferenz der Frage nach der Verantwortung ausgewichen.

Abstieg zum Übernahmekandidat

Cryan wirkt offen und bemüht, wo Jain, der abgebrühte Londoner Chefinvestmentbanker, in dessen Geschäftsbereich die meisten Skandale fallen, ein Jahr zuvor noch kühl und verkniffen die Zahlen abarbeitete. Der Brite Cryan trägt seine Präsentation zudem anders als sein Landsmann Jain in fast akzentfreiem Deutsch vor. Und zum ersten Mal seit 1996 sitzt auch wieder eine Frau auf der Bühne und im Vorstand: Kim Hammonds, die neue IT-Chefin der Bank.

So deutlich das Bemühen um Veränderung spürbar ist, die Wirklichkeit bleibt dennoch verheerend. Allein eine Milliarde Euro musste die Deutsche Bank vergangenes Jahr für ihren Umbau und die Abfindung unbelehrbarer Mitarbeiter ausgeben, die den verordneten Kulturwandel nicht mitmachen wollen. Die Skandale kosteten weitere 5,2 Milliarden Euro. Und 5,8 Milliarden fielen als Abschreibung auf Firmenwerte wie die Postbank und den Anteil an der chinesischen Hua-Xia-Bank an.  

Der Aktienkurs ist im Sinkflug. Rund 16 Euro kosten die Papiere noch. Vor fünf Jahren waren es 45 Euro, vor der Finanzkrise über 100 Euro. Die Deutsche Bank ist an der Börse noch knapp 23 Milliarden Euro wert. JPMorgan hat im vergangenen Jahr mehr als 24 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Damit hätte der US-Riese Deutschlands wichtigstes Geldhaus beinahe aus der Portokasse kaufen können.

Boni wären "unangemessen"

Bankchef Cryan will nichts davon wissen, dass sein Institut nun womöglich ein Übernahmekandidat ist. "Ich bezweifle das. Die großen Aufseher würden wahrscheinlich die Augenbrauen über eine Kombination zweier großer Institute hochziehen und sie blockieren", sagt Cryan. "Es wäre unangemessen und sinnlos zu versuchen, den Aktienkurs kurzfristig nach oben zu bewegen". Auch für eine Kapitalerhöhung sieht er weiter keinen Grund.

Ob es dabei bleibt darf man bezweifeln. Denn die ausufernden Skandale haben einen Großteil des frischen Geldes, das frühere Kapitalerhöhungen in die Kasse gespült haben, schon wieder aufgefressen. Weitere 5,5 Milliarden Euro hat die Bank für ihre Altlasten zurückgestellt. Es könne sein, dass man den Betrag 2016 noch einmal deutlich erhöhen müsse, sagt Cryan.

Allein diese hohen Einmalkosten seien verantwortlich für den Megaverlust, analysiert der Bankchef. Dabei gerät auch das Kerngeschäft ins Stocken. Das Investmentbanking schrieb einen Vorsteuerverlust von zwei Milliarden Euro, trotz leicht gestiegener Erträge. Auch im Privatkundengeschäft stand am Ende ein dickes Minus von 3,3 Milliarden Euro vor Steuern.  Es müsse eben erst investiert werden, bevor die Ernte eingefahren werden kann, bittet Cryan seine Aktionäre um Geduld.

Die werden immer unruhiger. Zumindest können sie ihm nicht vorwerfen, dass er sein eigenes Portemonnaie von der Krise ausnimmt. Ohne dass ihn jemand danach gefragt hätte, kündigt Cryan an, dass er selbst und alle Vorstände zum ersten Mal seit 2008 keinen Bonus bekommen werden. "Es wäre unangemessen gegenüber der Gesellschaft, dass wir 5,2 Milliarden für Rechtsstreitigkeiten ausgeben, aber das keine Auswirkungen auf die Boni hat".

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen