Wirtschaft
Der hessische Gehäuse- und Schaltschranktechnikanbieter Rittal betreibt bereits ein Werk im indischen Bangalore.
Der hessische Gehäuse- und Schaltschranktechnikanbieter Rittal betreibt bereits ein Werk im indischen Bangalore.(Foto: dpa)

"Make in India": Indien buhlt um deutsche Unternehmer

Noch steht Indien wirtschaftlich im Schatten Chinas. Damit sich das ändert, beginnt die neue Regierung mit einer großangelegten Werbekampagne. Insbesondere deutsche Unternehmen müssen noch von dem südasiatischen Wirtschaftsstandort überzeugt werden.

"Eine Goldgrube ist Indien nicht", sagt Reinhard Ling. Er ist Geschäftsführer der indischen Tochter des Solarhändlers IBC Solar aus dem fränkischen Bad Staffelstein. Seit zweieinhalb Jahren sei er nun auf dem Subkontinent, "und ich erlebe immer wieder Überraschungen": unglaublich viel Bürokratie, Vorschriften mit Umwegen und lokale Gruppen, die Baustellen blockieren, wenn man sie nicht beschäftigt. "Indien ist der schwierigste Markt, den ich bisher erlebt habe", sagt Ling.

Die Zahlen geben ihm Recht: Im Weltbank-Ranking zum "Ease of Doing Business" liegt das Schwellenland nur auf Platz 142 von 189. Wenn es um Baugenehmigungen geht, sogar nur auf Rang 184, beim Durchsetzen von Verträgen auf Platz 186. Das alles soll sich nun allerdings ändern. Der neue indische Premierminister Narendra Modi war im Mai vergangenen Jahres mit einem ambitionierten wirtschaftspolitischen Kurs angetreten. Unter dem Slogan "Make in India" wirbt er um ausländische Investoren.

Sein erklärtes Ziel ist es, bis zum Jahr 2025 den Anteil der Produktion von derzeit 15 auf dann 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Dafür tourt Modi um die Welt und kommt nun erstmals auch nach Deutschland. Am Sonntag wird er die weltgrößte Industrieschau Hannover Messe eröffnen, auf der Indien in diesem Jahr Partnerland ist.

Indien als "wirtschaftliche Oase"

Indiens Premier Narendra Modi, hier mit Angela Merkel, wird die diesjährige Hannover Messe besuchen.
Indiens Premier Narendra Modi, hier mit Angela Merkel, wird die diesjährige Hannover Messe besuchen.(Foto: picture alliance / dpa)

Deutsche Unternehmen sollen zukünftig "im großen Stil" in Indien aktiv sein, sagt Amitabh Kant im Vorfeld des Branchentreffs, Staatssekretär im Handels- und Industrieministerium in Neu Delhi. "Indien wird jetzt ein Teil der weltweiten Lieferkette", sagt Kant weiter. Was er meint: Wenn derzeit die Löhne der Arbeiter in der Werkbank China steigen, könne die Industrie stattdessen in das 1,3-Milliarden-Land Indien kommen, wo jeden Monat eine neue Million junger Menschen nach einem Job sucht.

Modis Regierung will im laufenden Finanzjahr 2015/2016 ein Wachstum von 8,1 bis 8,5 Prozent vorlegen - das wäre mehr als China. Laut Kant ist Indien eine "Oase" in der globalen öden wirtschaftlichen Landschaft. Solarhändler Ling aber ist skeptisch. Er spricht zwar von einer Aufbruchsstimmung, die sich dank Modis Versprechen in den vergangenen Monaten breitgemacht habe. "Aber in der täglichen Arbeit ist nichts leichter oder schneller geworden", sagt er.

Das meint auch Johannes T. Grobe, Indien-Chef der Bosch-Industriesparte Rexroth. So sei etwa das komplizierte System aus Zöllen und Steuern bislang nicht verändert worden. "Noch immer will an jeder Brücke jemand ein bisschen Geld haben." Dennoch gilt für das Unternehmen für Antriebs- und Steuerungstechnik aus dem unterfränkischen Lohr am Main: seit 1991 wurde der Umsatz in Indien alle zwei bis drei Jahre verdoppelt.

"Anfänglicher Enthusiasmus ist abgeflaut"

Auch für den hessischen Gehäuse- und Schaltschranktechnikanbieter Rittal war 2014 das bislang beste Jahr in Indien. "Aber ob das wegen der neuen Regierung war, kann ich nicht sagen", gibt Indien-Leiter Ajay Bhargava zu. Bhargava beklagt die häufigen Stromausfälle - "jeden Tag zwei Stunden Blackout hier in Bangalore" -, die nach wie vor hohen Transportschäden seiner Ware und die oft mangelnde praktische Ausbildung der Inder. "Wir bekommen einfach keine Mitarbeiter mit den Fähigkeiten, die wir brauchen", sagt er. Neue Mitarbeiter müssten stets nachgeschult werden.

Bazmi Husain, Indien-Chef des Schweizer Technologiekonzerns ABB, geht in seiner Modi-Einschätzung sogar schon einen Schritt weiter. "Der anfängliche Enthusiasmus ist abgeflaut", sagt er. Denn alle hätten auf große Veränderungen gewartet - bislang vergeblich. "Der Investitionszyklus muss beginnen. Das private Kapital tut es nicht, also muss die Regierung groß investieren, vor allem in Straßen und Häfen", fordert er.

Rashmikant Joshi, Indien-Geschäftsführer des Automatisierungsspezialisten Festo, hingegen meint, der Weg nach vorne sehe gut aus: "Jetzt kann es in Indien nicht mehr nach hinten losgehen oder langsamer werden."

Quelle: n-tv.de

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