Wirtschaft
Realität statt Traumfabrik: Eine Inderin unterbricht ihre Arbeit in einem Kohlenlager.
Realität statt Traumfabrik: Eine Inderin unterbricht ihre Arbeit in einem Kohlenlager.(Foto: REUTERS)

Bollywood in weiter Ferne: Indien steckt in Schwierigkeiten

von Jan Gänger

Indiens Wirtschaft erinnert an einen Bollywood-Blockbuster. Es glitzert und funkelt zwar gewaltig – doch der schöne Schein übertüncht die gewaltigen Probleme des Landes. Das rasante Wachstum verliert an Tempo und verschärft damit die immensen Schwierigkeiten der größten Demokratie der Welt. Millionen Menschen bleiben bettelarm.

Die Zukunft gehört dem Vernehmen nach nicht nur China, sondern auch Indien. Nur wenige Volkswirtschaften legen ein vergleichbares Wachstumstempo an den Tag, das Bruttoinlandsprodukt liegt weltweit auf dem zehnten Platz – Tendenz steigend. In absehbarer Zeit wird Indien nach den USA und China über die drittgrößte Volkswirtschaft verfügen. Der Subkontinent überholt die Volksrepublik bald als das bevölkerungsreichste Land und kann mit einem demographischen Pfund wuchern: Im Gegensatz zu China und den westlichen Industriestaaten wächst in Indien der Anteil der jungen, arbeitsfähigen Bevölkerung.

Also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten. Denn Indiens Stunde schlägt frühestens in einigen Jahrzehnten. Um Armut und Unterentwicklung zu überwinden, liegt vor dem Land noch ein weiter Weg. Schlimmer noch: Indien wird die Strecke viel langsamer zurücklegen als bisher gehofft, denn das dafür nötige Wirtschaftswachstum verringert sich deutlich. Zudem wachsen die finanziellen Schwierigkeiten des chronisch defizitären Staates.

Bittere Armut

So beeindruckend die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre auch war, ein Großteil der Inder lebt in Armut. Darüber dürfen die zahlreichen Milliardäre und Millionäre nicht hinwegtäuschen. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt Indien auf Rang 127 von 181 Ländern – also hinter dem Irak und der Mongolei und knapp vor Usbekistan. Bei Sozialindikatoren wie Lebenserwartung, Müttersterblichkeit und Impfungen hält sich Indien hinter vielen armen afrikanischen Staaten. Mehr als 1,5 Mio. Kinder sterben hier jedes Jahr an Unterernährung.

Lumpensammler auf einer Müllkippe in der Nähe der Stadt Amritsar.
Lumpensammler auf einer Müllkippe in der Nähe der Stadt Amritsar.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zwar haben mehr als 400 Millionen Menschen in den letzten 20 Jahren die Armut verlassen. Doch noch immer lebt ein Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, die in Indien sehr tief angesetzt ist. Offiziell reichen im Monat umgerechnet knapp 10 Euro, um nicht mehr als arm zu gelten.

Mehr als zwei Drittel der Inder leben auf dem Land. Dort stagnieren die ohnehin geringen Realeinkommen – die Inflation frisst die Steigerungen auf. Lediglich acht Prozent aller Beschäftigten arbeiten in einem vertraglich geregeltem Arbeitsverhältnis - 92 Prozent haben also weder Kranken- noch Sozialversicherung.

Wachstum schwächt sich ab

Um das zu ändern, ist Indien auf Wachstum angewiesen. Doch die Wirtschaft verliert an Fahrt. Sie wird in diesem Jahr wohl um knapp sieben Prozent zulegen und damit so wenig wie seit dem Ausbruch der Finanzkrise nicht mehr. Ein Wachstum in dieser Höhe klingt zwar hoch.  Kenner sagen, dass das Indien mit Wachstumsraten auf diesem Niveau die Herausforderungen nur langsam meistern könne.

Die Wachstumsschwäche liegt nicht nur an der kriselnden Weltwirtschaft und am steigenden Ölpreis. Viele Gründe sind hausgemacht: Korruption und Behördenwillkür bremsen Investitionen. Darüber hinaus ist die Regierung nicht in der Lage, Sektoren wie etwa den Einzelhandel für ausländische Investoren zu öffnen.

Notenbank in der Zwickmühle

Dazu kommt, dass die indische Zentralbank angesichts der hohen Inflation die Zinsen in den vergangenen Monaten kontinuierlich auf derzeit 8,5 Prozent erhöht hat. Sie will die Zinsen deshalb senken, um das Wachstum anzukurbeln. Doch im Februar hat die Teuerung erstmals seit fünf Monaten wieder zugelegt – auf knapp 7 Prozent.

Die Inflationsrisiken haben sich verstärkt, Rohstoffpreise und Nahrungsmittelpreise steigen. Zugleich sorgt die schwache Landeswährung für Inflationsdruck. Die Rupie ist gegenüber dem Dollar in den letzten zwölf Monaten um knapp 13 Prozent gefallen. Das verteuert die Einfuhren und sorgt damit für weiter steigende Preise.

Exportländer wie Deutschland profitieren unter dem Strich zwar von einer schwachen Währung, da sie die Ausfuhren auf dem Weltmarkt verbilligt. Doch in Indien ist das nicht der Fall, da die Konjunktur vor allem von der Binnennachfrage getragen wird. Exporte machen nur einen geringen Teil des BIP aus.

Wahlkampf statt Reformen

Doch das ist nicht alles. Indien kämpft mit einem Schuldenproblem, derzeit liegt die Verschuldung bei 69 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist zwar etwas weniger als vor einem Jahr, doch das Haushaltsdefizit steigt. Analysten erwarten im Schnitt 5,8 Prozent nach 4,8 Prozent vor einem Jahr.

Um die gewaltigen Herausforderungen zu finanzieren, muss Indien kräftig wachsen – oder Geld ausgeben, das es nicht hat. Wachstum auf Pump wird für das Land immer teurer: Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen liegt bei mehr als acht Prozent.

Deshalb braucht das Land dringend ökonomische Reformen, auch um ausländisches Kapital anzulocken. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Das liegt vor allem daran, dass die Regierung davor zurückschreckt. Die Parlamentswahlen 2014 werfen ihre Schatten bereits voraus, der Kongresspartei von Premier Manmohan Singh droht dabei eine Niederlage. Sie ist nicht zuletzt wegen einer Reihe von Korruptionsskandalen angeschlagen und hat in letzter Zeit wichtige Regionalwahlen verloren – die jüngsten Niederlagen sind erst gut drei Wochen her.

Daher herrscht schon jetzt Wahlkampf. Dass wird am Budget für das im April beginnende Haushaltsjahr deutlich, das Finanzminister Pranab Mukherjee vorgelegt hat. Es enthält keine wesentlichen Wachstums- und Sparimpulse, sondern setzt im auf höhere Ausgaben. Sie sollen um rund 30 Prozent auf 220 Mrd. Euro steigen. Allein das Militärbudget soll um 17 Prozent klettern.

Millionen Inder leben in Armut.
Millionen Inder leben in Armut.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Indien will das Haushaltsdefizit dennoch auf 5,1 Prozent drücken. Im zu Ende gehenden Fiskaljahr ist es mit voraussichtlich bei  5,9 Prozent das höchste im Kreis der führenden Schwellenländer. Es wird allerdings vielfach bezweifelt, ob die Regierung dieses Ziel erreichen kann – schließlich hatte sie im vergangenen Jahr deutlich mehr ausgegeben und viel weniger eingenommen als angekündigt.

Und auch künftig wird es für sie schwer sein, die Ankündigungen einzuhalten. Der Finanzminister will die Subventionen auf Benzin, Nahrungsmittel und Düngemittel reduzieren, die derzeit Kosten in Höhe von 2,7 Prozent des BIP verursachen. Doch steigende Preise auf den Weltmärkten werden ihm wohl einen Strich durch die Rechnung machen.

Korruption als Wachstumsbremse

Zugleich stecken viele Unternehmen in Schwierigkeiten. Betroffen sind mit Einzelhandel, Versorgern, Immobilien und Luftfahrt Branchen, in denen der Staat eine große Rolle spielt.

So häufen Energieversorger Milliardenverluste an, weil die staatlich gedeckelten Tarife die Kosten nicht decken. Wie schwierig Preiserhöhungen durchzusetzen sind, bekam Eisenbahn-Minister Dinesh Trivedi zu spüren. Nach einem Zugunglück kündigte er Anfang März an, die Sicherheit im Schienenverkehr zu erhöhen. Um das zu finanzieren, sollten die Fahrpreise erstmals seit 2004 steigen. Doch dieser Vorschlag sorgte für Empörung, Trivedi verlor sein Amt.

Dabei gilt gerade die Infrastruktur als großes Hemmnis für Wachstum. Zwar werden regelmäßig Milliardeninvestitionen angekündigt, doch die meisten Projekte werden nicht verwirklicht. Die allgegenwärtige Korruption leitetet ein Großteil der Summen in die Taschen von Unternehmern und Politikern.

Bilderserie

Vor Indiens Wirtschaft liegt also noch ein weiter Weg. Die Schwierigkeiten wachsen, doch das Land hat das Potenzial, sie langfristig zu überwinden. Womöglich ist wie bei den überlangen Bollywood-Filmen: Nachdem viel Zeit vergangen ist und zahlreiche Schicksalsschläge überwunden sind, gibt es irgendwann ein Happy End. Bleibt zu hoffen, dass es Indien ebenso ergeht. Doch je mehr Zeit verrinnt, umso länger werden Millionen Menschen in bitterer Armut leben.

Quelle: n-tv.de

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