Wirtschaft
Suma Chakrabarti, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Osteuropabank)
Suma Chakrabarti, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Osteuropabank)(Foto: picture alliance / dpa)

Keine Angst vor Staatspleite: Osteuropabank will Griechen helfen

Die großen internationalen Institutionen halten sich mit ihren Engagements für Griechenland zurück. Die kleine Osteuropabank dagegen geht offen auf die Griechen zu. Bank-Präsident Suma Chakrabarti erklärt, warum die Erfahrung der Bank den Griechen helfen könnte und warum er keine Angst vor einer Staatspleite hat.

n-tv.de: Griechenland hat vergangenen November Hilfe bei der Osteuropabank beantragt. Den Antrag stellte noch die Vorgängerregierung der jetzigen um Alexis Tsipras. Ist es sinnvoll, bei der derzeitigen Lage in Griechenland zu investieren?

Osteuropabank

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE oder EBRD von European Bank for Reconstruction and Development) wurde 1991 gegründet. In Deutschland ist sie unter der Kurzform Osteuropabank bekannt. Ursprünglich war es ihr Ziel, den wirtschaftlichen und politischen Wandel in den ehemaligen kommunistischen Ländern in Mittel- und Osteuropa sowie in den GUS-Staaten zu unterstützen. Heute ist die Bank auch in der Türkei oder Zypern aktiv. Sie fördert Privatsektor, Finanzinstitute und Rechtssysteme ebenso wie Infrastrukturprojekte in den Bereichen Energie, Verkehr und Telekommunikation. Mitglieder sind 64 Staaten und zwei zwischenstaatliche Institutionen (EU und EIB).

Suma Chakrabarti: Diese Anfrage stammt tatsächlich von der Vorgängerregierung. Die jetzige Regierung hat ihn nach den Wahlen vom 25. Januar erneuert. Dieses Schreiben ging Anfang Februar bei uns ein. Wir müssen jetzt herausfinden, wie wir Griechenland am Effektivsten helfen können und welche Sektoren am meisten von unseren Investitionen profitieren würden. Unsere Mitarbeiter waren vergangenen Freitag in Athen, um darüber mit den Regierungsvertretern in Athen in Gespräche einzutreten und eine sehr enge Zusammenarbeit aufzunehmen.

Haben Sie keine Angst vor einer Staatspleite?

Wir arbeiten daran, Reformen zu fördern und eine Erholung herbeizuführen. Die Stärkung des Privatsektors ist dabei von besonderer Bedeutung.

Gibt es schon konkrete Projekte und wissen Sie schon, wie viel Geld Sie in Griechenland investieren wollen?

Das  können wir zu diesem Zeitpunkt nicht  sagen. Wir hatten am Freitag das erste Mal nach dem Beschluss unserer Eigentümer die Gelegenheit, mit den griechischen Behörden in Athen direkt zu sprechen. Die griechischen Prioritäten werden nun mit unseren Möglichkeiten abgeglichen. Das Volumen unseres Engagements hängt davon ab, wie die Wirtschaft und die Reformen sich weiter entwickeln.

Wie wichtig ist der Ausgang der Gespräche zwischen Griechenland und der Ex-Troika für ihr Engagement?

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Wir arbeiten sehr projektorientiert. Wir suchen Unternehmungen, die von unseren Investitionen profitieren können und durch die wir einen Beitrag zur breiteren wirtschaftlichen Entwicklung machen und  den Reformprozess des Landes unterstützen können. Das steht für uns im Vordergrund. Natürlich ist es auch wichtig, dass Griechenland mit allen internationalen Partnern gut zusammenarbeitet. Eine direkte Verbindung zwischen Troika, IWF und uns gibt es aber nicht. Ich würde sagen, unsere Arbeit ergänzt sich und ein stabiles makroökonomisches Umfeld ist für das Prosperieren von Unternehmen natürlich von entscheidender Bedeutung.

Gibt es konkrete Bereiche, die für Sie besonders interessant sind?

Grundsätzlich sind alle Branchen für uns interessant. Wir konzentrieren uns aber auf den Privatsektor und hier vor allem auf kleine und mittelständische Unternehmen. Besonders wichtig für uns ist auch der Infrastruktursektor, insbesondere mit Beteiligung des Privatsektors. Daneben sind wird auch bereit, größere Unternehmen zu unterstützen, insbesondere Exportbetriebe mit regionaler Ausrichtung. Wir sondieren jetzt gemeinsam mit der Regierung, wo wir am besten ansetzen können.

Warum konzentrieren Sie sich ausgerechnet auf die kleineren Unternehmen?

Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein gut funktionierender Mittelstand ein wichtiger Wirtschaftsmotor ist. Arbeitslosigkeit ist in Griechenland ein großes Problem. Der Mittelstand schafft viele Arbeitsplätze. Wir glauben, dass wir dazu beitragen können, die Lage zu entspannen.

Es wird immer wieder über eine Kreditklemme in Südeuropa berichtet. Wie sieht die Lage konkret in Griechenland aus?

Wir wissen aus unseren Erfahrungen aus anderen Ländern, dass im Gefolge der Finanzkrise gerade kleine Unternehmen immer noch schwer Zugang zu Bankkrediten bekommen. Das gilt auch für Griechenland, wo die Banken in einer schwierigen Situation sind, die faulen Kredite hoch sind und daher die Kreditvergabe schwierig ist. Unsere Stärke ist es, dass wir sehr viel Erfahrung sowohl im Umgang mit Banken haben als auch der Realwirtschaft, also den Unternehmen. Wir können dafür sorgen, dass die Geldhäuser auf die Unternehmen zugehen.

Woher stammt das Geld, das Sie investieren?

Wir haben ein Grundkapital von 30 Milliarden Euro. Wir operieren aber aus unseren laufenden Einnahmen. Wir geben Kredite und haben Einnahmen aus Tilgungen und Zinsen. Darüber hinaus erwerben wir Anteile an Unternehmen. Als Aktionäre leisten wir Unterstützung und helfen, Firmen profitabel zu werden. Dividendenzahlungen und Erlöse aus Aktienverkäufen tragen zu unseren laufenden Erträgen bei. Jährliche Beiträge von unseren 66 Aktionären in die Kasse der EBRD gibt es nicht.

Wie stehen ihre staatlichen Anteilseigner, also Länder wie die USA, Deutschland, Frankreich und Japan dem griechischen Engagement gegenüber?  

Die Aktionäre haben mit überwältigender Mehrheit für ein Engagement in Griechenland gestimmt.

Welche Sicherheiten nehmen Sie für die bewilligten Mittel?

Wir arbeiten kommerziell, wie eine Investmentbank. Wir investieren, wir geben Kredite, wir kaufen Anteile. Und wir nehmen Sicherheiten, wenn das nötig ist, wie jede Bank. Natürlich gehen wir Risiken ein und dafür müssen wir Rückstellungen bilden. Deswegen müssen wir Gewinne machen. Der Zweck ist natürlich ein anderer als bei einer Investmentbank, denn wie investieren unsere Erträge in neue Projekte zur Förderung von Reformen.

Sie haben bereits griechischen Tochterfirmen in Osteuropa finanziell unterstützt. Welche Erfahrungen können Sie daraus beisteuern?

Griechischen Banken spielen in Südosteuropa eine große Rolle. Wir haben uns in der Krise 2008 und danach darum bemüht, dass diese Banken die Märkte nicht verlassen, indem Bedingungen geschaffen werden, um ihr Engagement fortzusetzen. Ebenso haben wir auch mit den Tochtergesellschaften von französischen, deutschen oder österreichische Banken zusammengearbeitet. Unsere Erfahrungen mit den griechischen Tochterbanken sind sehr gut.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der Europäischen Investitionsbank EIB, die selbst einer ihrer Mitglieder ist?

Wir haben andere Produkte und andere Spezialisierungen. Wir sind keine Konkurrenten, sondern arbeiten komplementär. Während die EIB auf Infrastruktur und den öffentlichen Sektor spezialisiert ist, sind wir auf den Finanzsektor und die Privatwirtschaft spezialisiert.  Außerdem wirken wir häufig in einer Größenordnung, die für die EIB - die zehn Mal unser Volumen hat - nicht wahrnehmbar ist. Wir arbeiten hingegen auch mit Klein- und Kleinstkrediten.

Die Kurzform Osteuropabank für die "Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung" scheint nicht mehr auf dem jüngsten Stand zu sein. Sie sind auch in der Türkei und in Zypern aktiv.

"Osteuropabank" ist tatsächlich nur in Deutschland üblich. Die Kurzform stammt aus den Anfangszeiten von 1991. "Europäische Bank" trifft es mittlerweile aber auch nicht mehr richtig. Eigentlich haben wir mehrere Standbeine: Wir sind in Europa, in Zentralasien, inzwischen aber auch in Nordafrika sehr engagiert. 

Mit Suma Chakrabarti sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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