Wirtschaft
Proteste in Istanbul gegen den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan.
Proteste in Istanbul gegen den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan.(Foto: REUTERS)

Massive Kapitalabflüsse: Investoren verlassen Schwellenländer

Lange rissen sich Investoren auf der Suche nach Rendite regelrecht darum, ihr Geld in Schwellenländern anzulegen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Währungen geben zum Dollar ab, auch an den Aktienmärkten geht es nach unten.

Die Flucht von Investoren aus Schwellenländern beschleunigt sich angesichts der stockenden Wirtschaftsentwicklung und politischen Unruhen von der Türkei bis Thailand, von Brasilien bis Indonesien. Der Wechselkurs der indonesischen Währung gegenüber dem US-Dollar war am Dienstag auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise gefallen. Auch die türkische Lira gab in dieser Woche auf neue Niedrigwerte gegenüber dem Dollar nach.

An den Aktienmärkten spiegelt sich diese Entwicklung ebenfalls wider: In den ersten vier Handelstagen des Jahres 2014 fiel der MSCI Emerging Markets Index, der Aktien aus 21 Schwellenländern abbildet, um 3,1 Prozent und setzte damit seine Verlustserie von 5 Prozent im Jahr 2013 fort. Zum Vergleich: In Märkten wie den USA, Japan und in Europa waren die Aktienkurse im vergangenen Jahr zweistellig geklettert.

Deutlicher hätte die Stimmung der Anleger in den Schwellenländern kaum umschlagen können. In den vergangenen Jahren rissen sich renditehungrige und risikofreudige Vermögensmanager noch darum, dort ihr Geld ändern anzulegen. In diesen Märkten, so hieß es, könnten Investoren vom rasantem Wirtschaftswachstum und dem lebhaftem Konsum der Einwohner profitieren.

Aber mit ihren vorsichtigen Andeutungen im Frühjahr, sie werde wohl bald ihre lockere Geldpolitik eindämmen, läutete die US-Notenbank Federal Reserve einen Exodus der Investoren aus den Schwellenmärkten ein. Noch in diesem Monat will die Fed tatsächlich ihre milliardenschweren Anleihekäufe verringern. Gleichzeitig verblassen gerade die Wachstumsaussichten für China und andere Schwellenmärkte, während sich die Aussichten in der entwickelten Welt wieder aufhellen.

Proteste verunsichern Anleger

Anleger berücksichtigen zudem das gestiegene Risiko politischer Instabilität. Volksproteste in der Türkei, in Brasilien und jüngst auch in Thailand haben Vermögensmanager aufgeschreckt. Viele Investoren rechnen längst damit, dass sich die Unsicherheit vor den anstehenden Wahlen in Brasilien, Indonesien, Indien, der Türkei und Südafrika in diesem Jahr noch erhöhen wird. "Wir sehen gerade, wie die Hoffnung aus diesen Märkten verdrängt wird", sagt Michael Shaoul, Chef der Vermögensverwaltung Marketfield Asset Management mit einem Anlagevermögen von 19 Milliarden Dollar. "Das relativ schlechte Abschneiden tut wirklich weh." Shaoul wettet gegen Aktien aus Schwellenländern und begründet dies damit, dass es wohl weitere politische Unruhen wie jüngst in Thailand und der Türkei geben wird. In der zweiten Hälfte des Jahres 2013 hatte er noch einige Aktien aus Schwellenmärkten gekauft.

Doch allein in den ersten drei Tagen des neuen Jahres zogen Anleger insgesamt 1,2 Milliarden Dollar aus dem größten börsennotierten Schwellenmarktfonds der USA ab, dem Vanguard FTSE Emerging Markets ETF. Dieser Abfluss zählt zu den heftigsten seit Jahresbeginn unter allen börsennotierten Fonds. Die ETF-Aktienkurse selbst sind seit Jahresanfang um 4,2 Prozent gefallen.

Insgesamt verkauften Vermögensmanager laut Datenfirma EPFR Global im vergangenen Jahr Schwellenmarktaktien im Wert von 6 Milliarden Dollar - so viele wie seit 2011 nicht mehr. Der Abfluss aus den Anleihemärkten ist mit 13,1 Milliarden Dollar sogar der höchste seit der Finanzkrise im Jahr 2008.

US-Anleihen werden attraktiver

Nachdem die Fed im Dezember offiziell angekündigt hatte, sie werde ihre US-Anleihekäufe verringern, "gingen wir mit der Erwartung in die Weihnachtsferien, dass der Ball für die Schwellenländer rund laufen wird", sagt Nima Tayebi, der für die Vermögensverwaltung von JP Morgan Chase & Co Schwellenmarkt-Schuldenportfolio verwaltet. Doch als die Renditen der US-Staatsanleihen Ende zwischen den Jahren wieder über 3 Prozent stiegen und damit amerikanische Schuldenpapiere erneut attraktiver wurden, habe sich Enttäuschung breit gemacht, sagt Tayebi.

Die Renditen auf Schuldtitel der Schwellenländer sind schneller gestiegen als jene der US-Staatsanleihen. Für Schwellenländer haben sich damit die Kosten der Geldaufnahme am Kapitalmarkt erhöht, was laut Analysten die finanziellen Probleme der Regierungen in einigen dieser Staaten verstärkt. Indonesien verkaufte am Dienstag Anleihen im Volumen von 2 Milliarden Dollar; die Rendite für zehnjährige Schuldenpapiere lag bei 5,95 Prozent. Im Juli wurde das südostasiatische Land noch Anleihen zu Renditen von 5,45 Prozent und 3,5 Prozent im April am Markt los.

Die indonesische Währung hat im Jahr 2013 gegenüber dem Dollar 21 Prozent an Wert verloren, obwohl die indonesische Zentralbank mehrfach die Leitzinsen erhöht hat. Das wachsende Handelsdefizit - Indonesien musste viel Energie im Ausland kaufen - hat zum Währungsverfall beigetragen. In den ersten Tagen dieses Jahres hat sich die indonesische Rupiah gegenüber dem Dollar um bis zu 0,8 Prozent verbilligt. Am Dienstag hat sich ihr Kurs allerdings wieder etwas gefestigt.

Wie entwickelt sich die Konjunkur?

Nach dem scharfen Absturz auf den Aktien- und Anleihemärkten halten Anleger einige Wertpapiere aus Schwellenländern jetzt für günstig bewertet. Francesc Balcells, der für die Vermögensverwaltung Pacific Investment Management Co ein Schwellenland-Portfolio beaufsichtigt, etwa setzt auf den mexikanischen Peso. Er sagt, Mexikos Finanzlage sei gut und die Zinsen im Vergleich zu den USA hoch. "Es ist normal, dass der Dollar in einem Umfeld, in dem die Fed ihre förderliche Geldpolitik zurücknimmt, Rückenwind bekommt, und das hat Rückwirkungen für alle Währungen", sagt Balcells.

Potenziell kauflustige Aktienkenner schauen zurzeit auch auf Kennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis. So werden die Aktien im MSCI Emerging Market Index laut Factset im Schnitt zum 10,2-Fachen des nächsten Jahresgewinns gehandelt. Aktien im Aktienindex S&P-500 dagegen weisen ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,2 auf.
"Wir haben noch nicht gekauft, aber die Bewertungen ziehen unsere Aufmerksamkeit an", sagt Daniel Loughney, Portfoliomanager bei der Vermögensverwaltung Alliance Bernstein. Er kann sich vorstellen, im ersten Quartal 2014 wieder mehr Geld in Schwellenlandmärkten zu investieren, und hat besonders ein Auge auf brasilianische und mexikanische Staatsanleihen geworfen.

Vieles hängt jedoch vom allgemeinen Konjunkturausblick für Entwicklungsländer ab. In China, der Wachstumslokomotive für viele andere aufstrebende Märkte, lieferten sowohl das verarbeitende Gewerbe als auch die Dienstleistungsbranche im Dezember Anzeichen für eine Abkühlung. Auf den Philippinen stieg die Inflationsrate am Dienstag auf ein Zweijahreshoch - für Devisenhändler ein weiteres Verkaufssignal. Schließlich hatten Regierungsvertreter und Volkswirte zuvor vorausgesagt, dass sich der Taifun vom November kaum auf die Teuerungsrate auswirken würde. Seit Anfang des Jahres hat der philippinische Peso gegenüber dem US-Dollar 1 Prozent an Wert verloren.

"Die Kapitalmärkte sind sehr seicht in Südostasien, insofern wird jeglicher Abfluss für diese Länder erheblich sein", sagt Jan de Bruijn, der für die Finanzfirma Lion Global Investors in Singapur asiatische Aktien verwaltet. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in den nächsten ein oder zwei Jahren weitere Abflüsse sehen werden", sagt er.

Quelle: n-tv.de

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