Wirtschaft
Steilvorlage für die Fed: JP Morgan torpediert die Argumente gegen die Volcker-Regel.
Steilvorlage für die Fed: JP Morgan torpediert die Argumente gegen die Volcker-Regel.(Foto: REUTERS)

Ungezügelte Banker an der Wall Street: JP Morgan verspielt Milliarden

Plötzlich läuten wieder alle Alarmglocken: Mit riskanten Geschäften im Derivatehandel häuft die US-Großbank JP Morgan vollkommen unerwartet horrende Verluste auf. Der Chef der Bank gerät in Erklärungsnot. Sein Milliardenloch katapultiert Stichworte wie "Regulierung" und "Systemrisiko" auf der Agenda wieder ganz nach oben.

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Haarsträubende Zustände an der Wall Street: In einer eilends einberufenen Telefonkonferenz muss Jamie Dimon, Chef der US-Großbank JP Morgan, Investoren und Analysten persönlich über schwerwiegende Missstände in seinem Haus informieren. Der Vorfall hat umgehend Konsequenzen: Im nachbörslichen Handel sackt der Aktienkurs der Bank scharf ab und weitete die Verluste am Freitag aus. Die gesamte US-Bankenbranche gerät unter Druck. Was ist geschehen?

Dimons Angaben zufolge hat in den vergangenen sechs Wochen mit riskanten Geschäften eingefahren. Und das ist noch nicht alles: Aufgrund von Marktschwankungen könnte noch eine weitere Milliarde dazukommen, warnte Vorstandschef Dimon in der Telefonkonferenz. Die Reaktionen an den Märkten spiegeln das Entsetzen der Anleger wider: Die Aktien von JP Morgan fielen im nachbörslichen Handel um bis zu 6,8 Prozent auf 37,97 Dollar. Am Freitag ging es um mehr als neun Prozent abwärts. Fitch senkte das Rating für JP Morgan um eine Stufe auf "A+". Auch in Deutschland blickten Analysten fassungslos auf Dimons überraschendes Eingeständnis. "Der Markt hat heute nur ein Thema - den Verlust bei JP Morgan", hieß es .

Milliardenverluste nach unkontrollierten Finanzspekulationen? Der Vorfall ist eine schwere Schlappe für die Bank, die stärker als die meisten Konkurrenten aus der Finanzkrise hervorgegangen ist - und auch für Dimon persönlich, der als "König der Wall Street" gilt. Der Zeitpunkt dürfte nicht nur Dimon als besonders ungünstig empfinden: Derzeit laufen umfangreiche Bemühungen der Aufsichtsbehörden, allzu riskanten Geschäften an der Wall Street mit Gesetzen wie der Volcker-Regel einen Riegel vorzuschieben. Die gesamte Branche versucht, mit verschiedenen Argumenten dagegen vorzugehen und die aus ihrer Sicht negativen Auswirkungen einer stärkeren Regulierung einzugrenzen. Das JP-Morgan-Debakel ist für sie ein schwerer Rückschlag.

Medienberichten zufolge schaut sich die US-Börsenaufsicht SEC den Fall an. Demnach interessiert die Aufseher, ob die Bank ihre Investoren rechtzeitig über den drohenden Milliardenverlust informiert hat. Die SEC selbst kommentierte die Berichte nicht.

"Damit werden wir leben müssen": Jamie Dimon. Schlimmstenfalls verliert er seinen Job.
"Damit werden wir leben müssen": Jamie Dimon. Schlimmstenfalls verliert er seinen Job.(Foto: REUTERS)

Die aktuellen Verluste der Bank stammen aus verpatzten Wetten auf Derivate, die im sogenannten Chief Investment Office der Bank getätigt wurden. Diese Abteilung verwaltet die Risiken des New Yorker Unternehmens. Im April hatte das Wall Street Journal berichtet, dass der Londoner Händler Bruno Michel Iksil im Auftrag dieser Abteilung hohe Wetten einging, die auf den Kreditmärkten für außergewöhnliche Kursbewegungen sorgten.

Die nach Aktivposten größte Bank der Vereinigten Staaten musste in ihrem vierteljährlichen Bericht an die SEC überraschend eingestehen, dass ein Plan, Risiken abzusichern, sich "als riskanter, schwankungsanfälliger und weniger effektiv erwiesen hat, als das Unternehmen zuvor geglaubt hat". In der Telefonkonferenz für Großinvestoren und Analysten führte Dimon dann weiter aus, es handele sich dabei um eine sogenannte "synthetische Absicherung", bei der Kreditausfallversicherungen eingesetzt werden. Diese Praxis sein "schlecht durchgeführt" und "schlecht überwacht" gewesen. Die Bank prüfe nun gründlich, was schiefgelaufen sei. Es habe auf Seiten des Unternehmens "viele Fehler, Nachlässigkeit und schlechtes Urteilsvermögen" gegeben.

Vier Jahre nach Kerviel

Das Milliardenminus erinnert an Vorfälle bei Branchenschwergewichten wie etwa der französischen Großbank Societe Generale und der Schweizer UBS. Beide Häuser hatten durch unzureichend kontrollierte Spekulationsgeschäfte einzelner Händler jeweils Milliardensummen verloren.

Im Fall der Societe Generale hatte der angestellte Börsenhändler im Januar 2008 durch riskante Anlageentscheidungen auf eigene Faust einen Verlust von 4,8 Mrd. Euro auslösen können. Der Fall hatte zumindest innerhalb der europäischen Bankenbranche ausführliche Debatten um interne Sicherungssysteme und die Gefahren eines unzureichenden Risikomanagements nach sich gezogen. Kerviel wurde zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt.

Bei der UBS kamen erste Berichte über milliardenschwere Fehlspekulationen eines einzelnen Angestellten im vergangenen Herbst ans Licht. Die Tatsache, dass der Londoner UBS-Mitarbeiter unbemerkt einen Schaden von umgerechnet rund 1,4 Mrd. Euro aufhäufen konnte, stürzte das traditionsreiche Schweizer Institut in die schwerste Krise der Unternehmensgeschichte. UBS-Chef musste seinen Hut nehmen.

Von einer rechtlichen Aufarbeitung oder personellen Konsequenzen ist man bei JP Morgan noch weit entfernt. Zunächst muss es in New York offenbar rein um die Schadensbegrenzung gehen. Bisher sei im Zuge des Vorgangs noch niemand entlassen worden, sagte Dimon. Allerdings könne das passieren, wenn die Überprüfung abgeschlossen sei. "Wir werden alles zugeben, es reparieren und dann weitermachen", sagte Dimon. An Selbstbewusstsein mangelt es Dimon trotz allem nicht. "Diese Geschäfte haben gegen das Dimon-Prinzip verstoßen", erklärte er in gewohnt großspuriger Manier. Damit dürfte er in den Augen der Anteilseigner allerdings nicht davon ablenken können, dass letztendlich er für das Risikomanagement verantwortlich zeichnet.

Schlimmstenfalls drei Milliarden?

In einer ersten Reaktion musste JP Morgan den Ausblick für die Verluste in der Investment-Abteilung im zweiten Quartal von 200 Mio. auf 800 Mio. Dollar anheben. Die laufenden Verluste betragen laut Dimon bisher "etwas mehr als zwei Milliarden Dollar". Diese könnten aber durch einen Zuwachs von etwa einer Milliarde beim Verkauf von Wertpapieren ausgeglichen werden.

Im April hatte das "Wall Street Journal" berichtet, dass Hedgefonds und andere Investoren hohe Wetten auf den Märkten für Kreditausfallversicherungen eingingen, um aus den von Iksil verursachten Kursschwankungen Gewinn zu ziehen. Iksil, der für das Chief Investment Office von JP Morgan arbeitet, wurde dabei als der "Wal von London" bekannt. Dimon sagte kurz darauf, der Wirbel um Iksil sei nur ein "Sturm im Wasserglas". Diese Aussage dürfte mittlerweile nicht länger zu halten sein.

Finanzrisiken fast wie im Film

Iksil, der seit 2007 für die Bank tätig ist, setzte bei seinen Finanzwetten auf den Wert einiger Unternehmensanleihen Anfang des Jahres. Er verkaufte Absicherungen auf einen Index dieser Unternehmen in Form von Kreditausfallversicherungen (CDX IG 9). Diese sogenannten "Credit Default Swaps" sind Finanzinstrumente aus der Familie der Derivate, die eigentlich nur als Versicherung gegen den Zahlungsausfall eines Kreditnehmers dienen sollen. Diese Papiere steigen in ihrem Wert mit dem zunehmenden Risiko eines Zahlungsausfalls. Wenn der Ausgeber der Anleihen seinen Kredit nicht mehr bedienen kann, kommt es schließlich zur Ausschüttung.

Mit seinen Geschäften habe er den Index im ersten Quartal beeinflusst, sagen Händler nun. Als ein Zeichen dafür, wie heiß die Geschäfte in Wirklichkeit waren, wird folgendes Beispiel angeführt: Das angenommene Nettovolumen in dem betreffenden Index stieg von 92,6 Mrd. Dollar Anfang des Jahres auf 144,6 Mrd. Ende März. Iksils Abteilung verwaltete zum Jahreswechsel etwa 350 Mrd. Dollar an Wertpapieren, so die Zahlen der Bank. Das sind etwa 15 Prozent der gesamten Vermögenswerte von JP Morgan. Schwer vorstellbar, dass das Iksils Vorgesetzten nicht aufgefallen sein soll.

Während JP Morgan nun diesen Verlust meldet, können andere große US-Banken Handelsgewinne verbuchen. Goldman Sachs musste im ersten Quartal nur einen Handelstag mit Verlust verbuchen, bei der Bank of America gab es keinen einzigen. Bei Morgan Stanley brachten vier Tage Verluste ein. Trotz der eiligen Versicherungen aus der Branche schlägt der JP-Morgan-Fall schon jetzt auch in den USA hohe Wellen: "Das ist ein weiteres Beispiel, warum der mehr als 700 Billionen Dollar schwere Derivatemarkt besser reguliert werden muss", sagt Dennis Kelleher, Präsident der Organisation Better Markets unter Hinweis auf die sogenannte .

Wasser auf Bernankes Mühlen

Die Volcker-Regel ist Teil der Dodd-Frank-Reformen, die im Juli 2010 verabschiedet wurden. Die vom ehemaligen Fed-Vorsitzenden Paul Volcker erdachte Regel verbietet es Finanzinstituten, firmeneigenes Geld für große Wetten auf den Märkten einzusetzen. Die Regel ist jedoch noch nicht in Kraft. Viele Finanzunternehmen haben jedoch ihre Aktivitäten auf diesen Gebieten bereits deutlich zurückgefahren.

Die Banken argumentierten bislang, dass die Volcker-Regel ihnen Liquiditätsprobleme bereiten würde und die Preise an den Märkten steigen ließe. Bankenkritiker fordern jedoch, die Kreditinstitute stärker an die Leine zu nehmen. Der Verlust "spielt einer ganzen Reihe von Experten da draußen in die Karten", gestand Dimon ein. "Damit werden wir leben müssen".

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Quelle: n-tv.de

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