Wirtschaft
"Danke für ihre Geduld mit meinem Deutsch", sagt Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain auf der Hauptversammlung des größten deutschen Finanzinstituts.
"Danke für ihre Geduld mit meinem Deutsch", sagt Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain auf der Hauptversammlung des größten deutschen Finanzinstituts.(Foto: REUTERS)

"Das Lebe ist kein Bonihof": Jain und die Deutschstunde

Rund 5000 Aktionäre lauschen bei Kartoffelsalat und Würstchen den Ausführungen der Deutschen-Bank-Spitze auf der Hauptversammlung. Was sie von Anshu Jain hören, nötigt den meisten Respekt ab. Aber auch die chronischen Nörgler kommen auf ihre Kosten.

"Danke für ihre Geduld mit meinem Deutsch" - Anshu Jain will die versprochene neue Kultur der Bescheidenheit der Deutschen Bank offenkundig auch persönlich demonstrieren. Auf der diesjährigen Hauptversammlung redet der lange in London heimische, in Indien geborene Chef des größten deutschen Geldhauses erstmals länger auf Deutsch. Er spricht 15 Minuten, sehr langsam, mit Akzent, hält sich akribisch an den Redetext, lächelt aber viel mehr als sonst - beinahe schon spitzbübisch wirkt sein Auftreten vor den rund 5000 Aktionären, die ihn mehrmals mit Applaus unterbrechen. Den Überraschungseffekt hat er auf seiner Seite. Normalerweise fordert der 50-jährige Investmentbanker seinen Zuhörern einiges ab und bombardiert sie mit Fakten, Daten und Prognosen.

Doch nun geht es um etwas anderes: Er will zeigen, dass er den ausgerufenen Kulturwandel vorlebt. Dabei bewegt er sich auf unsicherem Terrain, ist sichtbar nervös - und gibt einen seltenen Einblick in sein Privatleben: "In den vergangenen Monaten verbrachten meine Familie und ich viel Zeit hier in Deutschland. Wir trafen auf Freundlichkeit und Freundschaft." Er habe viel Hilfe bekommen. "Das tat gut." 

Nörgler gibt es immer

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Am Ende zollen ihm die Aktionäre Respekt: "Congratulations for your speech in German", lobt Klaus Nieding, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Da muss Jain auf dem Podium breit grinsen. Einige ältere Kleinaktionäre nörgeln trotzdem am Deutsch des neuen Chefs herum, der nun seit fast einem Jahr zusammen mit Jürgen Fitschen als Nachfolger von Josef Ackermann im Amt ist, würdigen aber das Bemühen des Managers. Ein 81-Jähriger nennt die Rede "einen guten Versuch", während er den bei Hauptversammlungen üblicherweise kredenzten Kartoffelsalat mit Würstchen isst.

Jain nimmt zwar seit vielen Monaten Deutschstunden, aber viel Zeit dafür bleibt ihm nicht, wie Insider berichten. Doch gegenüber den Aktionären will der in der angelsächsischen Kultur groß gewordene Manager deutlich machen, dass er in Deutschland angekommen ist. Er will mit aller Macht sein Image als Investmentbanker alter Schule loswerden. Einige Aktionärsvertreter bleiben kritisch: "Gestatten Sie mir die Skepsis, was Ihre Wandlung vom Saulus zum Paulus betrifft", sagt Nieding an Jain gerichtet. Hierzu reiche es nicht, mal eine Postbank-Filiale zu besuchen. 

"Krisenprofiteure"

Jain will aber nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der eigenen Vergütung ein Zeichen setzen: Er verzichtet für das vergangene Jahr, in dem er zur Hälfte noch Investmentbankchef war, auf 2 Mio. Euro Prämien, um nicht mehr als Fitschen zu verdienen. "Das Leben ist kein Bonihof", mahnt denn auch ein Kritiker mit großem Plakat vor der Frankfurter Festhalle.

Wie weit der Weg ist, den Jain und die Bank gehen müssen, um die Kritiker zu überzeugen, zeigt ein Vorfall gleich zu Beginn des Treffens: Bei seiner etwa 15-minütigen Rede wird Jain von einem Dutzend "Blockupy"-Aktivisten unterbrochen, die auf die Bühne stürmen wollen, "Krisenprofiteure" schreien und von Ordnern abgeführt werden. Später gibt es weitere vereinzelte Zwischenrufe kritischer Aktionäre. Fitschen wirbt in seiner Rede für Geduld mit Fortschritten beim versprochenen Kulturwandel - so wie Jain mit seinen Deutsch-Kenntnissen. Die Hauptversammlung wird ihm - über den üblichen Knopf im Ohr - simultan auf Englisch übersetzt. Doch der Perfektionist hat ehrgeizige Ziele, formuliert diese aber gemäß der neuen Kultur eher zurückhaltend: "Ich hoffe, bei der nächsten Hauptversammlung ist mein Deutsch etwas besser."

Quelle: n-tv.de

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